Segelflieger-WM in Lüsse

Weltmeister des lautlosen Gleitens gesucht

Im brandenburgischen Lüsse hat die Segelflieger-Weltmeisterschaft begonnen. Zwei Wochen lang fliegen Piloten täglich ihre Streckenaufgaben, die bei gutem Wetter bis 700 Kilometer lang sein können. 132 Sportler aus 34 Nationen kämpfen um den Titel.

Es riecht noch immer verbrannt. Dabei sind die Flammen auf dem Feld neben dem Flugplatz in Lüsse schon vor Tagen gelöscht worden. Doch der Schreck ist den Mitgliedern des Flugsportclubs Charlottenburg Berlin (FCC) geblieben. Fast wäre ihr Grundstück in Schutt und Asche gelegt worden, die Weltmeisterschaft damit in Rauch aufgegangen. Dank der Feuerwehr konnte sie am Wochenende beginnen. 132 Sportler aus 34 Nationen nehmen teil: Rekordbeteiligung.

Aus der Luft sieht die von einem überhitzten Mähdrescher entzündete Fläche noch dramatischer aus. "Wir haben schon mit Wasserschläuchen und Spaten bereitgestanden", sagt Fluglehrer Lemmy Lentz. Sanft steuert er den Zweisitzer über das Gelände. Ein Tag wie gemalt. Ein paar Cumulus-Wolken in den Himmel getupft. Perfektes Wetter für den Segelflug. Wie weit wir kommen würden? "600, 700 Kilometer locker", sagt Lentz.

Der Rekord liegt bei 3009 Kilometern. Aufgestellt 2003 in Argentinien von Klaus Ohlmann aus Deutschland und dem Österreicher Karl Rabeder in einem Schemp-Hirth Nimbus 4 DM. Ein Doppelsitzer wie auch das Schulungsflugzeug im Brandenburger Himmel.

Mag sein, dass die Sessel der Rekordler bequemer ausgestattet waren. Grundsätzlich geht es an Bord spartanisch zu. Kleine Mittelchen wie ein Fell haben da große Wirkung. Das liegt auf dem Sitz von Katrin Senne, 38. Die amtierende Weltmeisterin darf dank Einladung als einzige Frau mit den Männern in der 15-Meter-Klasse starten. Die Klassifizierung richtet sich nach der Größe der Spannweite.

140 Kilometer ohne Kreisen

Auf dem Boden ihres ASG 29 schlängelt sich eine Leitung. In Anbetracht der langen Zeit, die Piloten am Himmel zubringen, bedarf es bester Organisation selbst kleinster menschlicher Bedürfnisse: "Wir Frauen sind da eindeutig im Nachteil gegenüber den Männern", sagt Senne. "Die nehmen einfach eine Tüte und werfen sie dann über einem Acker ab. Wir dagegen müssen eine ganze Apparatur anlegen."

Am Boden krächzt bei Bundestrainer Ulrich Gmelin wenig später das Funkgerät. "Ich muss mal eben", informiert da Tassilo Bode seinen Kollegen und Weltmeister Michael Sommer. "Die Info ist wichtig", sagt Gmelin, 51, der seit 2006 die Nationalmannschaft der Segelflieger hauptamtlich betreut. "Die beiden fliegen im Team direkt nebeneinander her." Wenn da ein Flugzeug plötzlich ins Schlenkern komme, dann könne das gefährlich werden. Wird es aber nicht, denn die beiden gehören zu den Besten der Welt, ein perfektes Duo, "das im Delfinflug schon mal 140 Kilometer zurückgelegt hat", sagt der Bundestrainer und meint damit ein Fliegen ohne Kreisen.

Mit dem Kreisen gewinnen die Flieger Höhe, nachdem sie von einem Motorflugzeug, einer Winde oder dank eines kleinen Hilfsmotors zunächst auf etwa 600 Meter gebracht wurden. Steve Fossett aus den USA und der Norweger Einar Enevoldson kreisten 2006 sogar bis auf die Rekordhöhe von 15 447 Metern. Diese Form des Fliegens kostet aber wesentlich mehr Zeit als das Gleiten und bringt keine Strecke.

Also versuchen Sommer und Bode mit ihren ASW 22 BLE auch den kleinsten Aufwind zu nutzen, steigen langsam ohne zu kreisen und gleiten dann auf das nächste Wölkchen zu, das Auftrieb verspricht - so vorhanden. Delfinflug eben. Diesen werden sie bis Ende der WM am 16. August so oft wie möglich praktizieren. Dabei haben die beiden Piloten, die sich ständig über Veränderungen am Himmel informieren, beste Chancen auf den Titel in der "offenen Klasse".

Sanftes Gleiten, unsanfte Landung

Wie bei den Fliegern mit 15 oder 18 Metern Spannweite werden ihnen jeden Morgen Ziele genannt, die zwischen der Lüneburger Heide und Polen liegen und die es möglichst schnell zu umrunden gilt. Per GPS-Aufzeichnung kann der Flug später lückenlos ausgelesen werden. 1000 Punkte erhält derjenige, der die Aufgaben an diesem Tag als Schnellster gelöst hat, die Folgenden entsprechend weniger. Am Ende wird der Weltmeister, der die meisten Punkte an den Flugtagen gesammelt hat.

Punkte gibt es selbst dann, wenn mal einer auf dem Acker landet. Das kostet zwar Zähler, schont die Bandscheiben aber eher als die harte Graspiste in Lüsse. Die Flugzeuge schütteln einen beim Landen derart durch, als ob Federung schon zu viel Komfort sei. Sanft, scheint es, sind die wundervollen Gleiter nur in der Luft zu ihrer Besatzung.

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