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22.07.10

Hitzefolgen

Brandenburger Bauern ernten "Rosinen mit Stein"

Erst war es für Spargel und Erdbeeren zu kalt, jetzt ist es für Kirschen und Äpfel viel zu heiß und zu trocken. Die Wetterverhältnisse machen den Bauern in Brandenburg schwer zu schaffen. Gut möglich, dass sie künftigt andere Obstsorten anbauen.

© dpa
Manche Bauern in Brandenburg rechnen mit Ernteausfällen bei Kirschen von 50 Prozent
Manche Bauern in Brandenburg rechnen mit Ernteausfällen bei Kirschen von 50 Prozent

Es ist nicht die Konkurrenz aus Neuseeland, die dem Obstanbau-Unternehmer Gerhard Neumann den Schweiß auf die Stirn treibt. Den Angstschweiß. Nicht Preisdumping im Supermarkt macht dem Potsdamer zu schaffen. Es sind die seit Wochen anhaltende Hitze – mit Temperaturen von weit über 30 Grad – und die Dürre, die seine Kirschen und Beeren noch an Ast und Strauch verdorren lassen. Im Juni und in den ersten beiden Juliwochen fielen erst 3,5 Prozent der sonst üblichen durchschnittlichen Regenmenge von 50 Millimetern. Neben Erdbeeren, Äpfeln, Pflaumen, Heidel-, Brom- und Stachelbeeren hat Neumann auf 16 Hektar allein 10.400 Süßkirschenbäume angepflanzt. Süßkirschen sind das Aushängeschild für "Neumanns Erntegarten". Mit ihnen, sagt der Obstbauer, stehe und falle sein seit 1992 bestehendes Unternehmen. Doch statt praller, rot glänzender Früchte erwarten die Kunden vielfach "Rosinen mit Stein" am Baum. "Ich rechne mit mindestens 50 Prozent Einbuße bei der Süßkirschenernte. Wenn es nicht noch schlimmer kommt", sagt Neumann.

Bewässern rund um die Uhr

Es ist nicht der erste Verlust, den er in diesem Jahr hinnehmen muss. "Der lang anhaltende Winter, der wenige Niederschlag im April, Spätfröste im Mai und die geringe Bestäubungsrate wegen des spärlichen Bienenflugs haben bereits im Frühjahr die Hälfte der Blüten und damit der zu erwartenden Kirschen gekostet." Seit Wochen muss Gerhard Neumann rund um die Uhr bewässern. Längst sind seine Kapazitäts- und Belastungsgrenzen überschritten. Apfel und Pflaume bekommen derzeit nur noch einen Nottrunk – per Gießkanne aus einem Fass. "Wasserfresser" wie Heidel- oder Himbeere haben für ihn derzeit Vorrang. Die würden bei Vernachlässigung unweigerlich eingehen oder nie wieder ihre süße Last tragen. "Es ist ein Kampf um jede einzelne Pflanze", sagt Neumann. Selbst wenn die Früchte vertrocknen, der Baum zum Überleben den Saft aus den Früchten zieht, kein Ertrag in Sicht ist, müsse die Pflanze weiter gepflegt und bewässert werden. "Die Folgen ziehen sich bis in die nächsten drei Jahre", weist Obstbauer Neumann auf die notwendige Erholungsphase der Pflanzen hin. Panik sei allerdings unangebracht: "Unsere Kunden in Brandenburg werden trotzdem ausreichend versorgt."

Dass die Lage für die Obstbauern sehr ernst ist, bestätigt auch Manfred Kleinert, Vorsitzender der Fachgruppe Obst im märkischen Landesgartenbauverband. "Die Hitze ist nur das i-Tüpfelchen. Der Blütenfrost im Frühjahr und der Kampf der regionalen Anbieter gegen die Billigangebote im Supermarkt im Vorjahr haben die Situation verschärft." Von einem Ausfall zwischen 40 und 60 Prozent beim Obst geht Kleinert aus, der in Potsdam-Marquardt selbst einen Obsthof betreibt. Die aktuellen Witterungsverhältnisse wertet Kleinert als Signal für eine notwendige Reform des Obstanbaus. "Wegen des sich wandelnden Klimas eignet sich die Region künftig für die Zucht von Blaubeeren, Aprikosen und Pfirsichen." Eine Vorstellung, die auf den Ergebnissen der seit 25 Jahren existierenden Versuchsstation für Obstbau-Forschung in Müncheberg fußt, der einzigen Brandenburger Einrichtung dieser Art. Südosteuropäische Früchte hätten gute Chancen, bald auch in der Mark heimisch zu werden, prognostizieren die Müncheberger Experten.

Gedrückte Stimmung herrscht derzeit auch im Obstgut Franz Müller in Altlandsberg. Noch im Vorjahr startete hier am 9. Mai die Erdbeersaison. Wegen der niedrigen Temperaturen im Frühling 2010 ging es in diesem Jahr erst am 10. Juni los. "Jetzt müssen wir bereits unsere fünf Hektar Erdbeerfläche abstoppeln. 30 Prozent der Ernte haben wir auf jeden Fall verloren", sagt Geschäftsführerin Anke Wollanik. Auf zwei weitere Wochen Ernte hatte sie hoffnungsvoll gesetzt. Und wurde enttäuscht. Die Sonne sorgt nicht nur für braune Stellen bei den Erdbeeren, auch Äpfel und Pflaumen werden vom "Sonnenbrand" nicht verschont. Regen steht auf ihrer Wunschliste ganz oben. "Aber nur ein sanfter, anhaltender Landregen wäre hilfreich. Ein Gewitterguss würde unsere Kirschen aufplatzen lassen."

Im brandenburgischen Landwirtschaftsministerium herrscht hingegen keine Alarmstimmung. "Hilferufe verzweifelter Obstbauern sind bei uns bislang nicht eingegangen", sagt Ministeriumssprecher Kai Dietrich. "Wir arbeiten aber eng mit dem Gartenbauverband zusammen, der uns regelmäßig über die Lage informiert – beispielsweise über den großen Aufwand der zusätzlichen Bewässerung." Von gravierenden Schäden gehe man nicht aus, kalkuliere jedoch einen reduzierten Ernteertrag ein. Ernst-August Winkelmann, Mitinhaber des Spargel- und Erlebnishofes Klaistow, schätzt die Situation ähnlich ein. Zwar sei die Erdbeersaison zwei Wochen später gestartet, habe sich auch die Heidelbeersaison um zwei Wochen verzögert. Trotzdem: "Die Erträge bei den Heidelbeeren dürften denen vom Vorjahr in nichts nachstehen. Die nächtliche Tröpfchenbewässerung sichert Qualität und Zahl."

Wasser auf die Felder zu bringen nutzt Landwirten, die Mais, Raps, Weizen oder Kartoffeln ziehen und Grünland bewirtschaften, kaum mehr. Das schätzt zumindest Holger Brantsch, Sprecher des Landesbauernverbandes Brandenburg, ein. "Nur diejenigen, die derzeit ihre Wintergerste dreschen, sind beim Ertrag mit einem blauen Auge davongekommen." Selbst wenn der ersehnte Regenguss käme, der mehr als nur die ausgetrocknete Oberfläche bewässern müsste, hätten lediglich Pflanzen im Wachstum eine Chance auf Erholung. Hinzu käme eine regionale Problematik: "Landwirtschaftlich gesehen geht es dem Süden deutlich schlechter als dem Norden Brandenburgs. Den Landwirten im Süden fällt der Sandboden mit seinem geringen Wasserhaltevermögen auf die Füße. Und das Absinken des Grundwasserspiegels wegen des Braunkohletagebaus." Erst in einigen Tagen kann Brantsch die Folgen einschätzen. Denn während im Landkreis Elbe-Elster die Mähdrescher schon auf vollen Touren laufen, werden die Motoren der Landmaschinen in der Uckermark gerade erst angeworfen. Bauernpräsident Gerd Sonnleiter sagt, die Ernte werde wegen der Hitzewelle 20 bis 30 Prozent geringer ausfallen als noch vor einem Monat geschätzt. Er befürchtet einen Anstieg der Getreidepreise. Innerhalb von zwei Wochen seien die Weizenkurse um 20 Euro je Tonne gestiegen. Mit in die Höhe schießenden Preisen für Schrippe und Kuchen muss der Kunde aber nicht rechnen. "Der Anteil des Getreidepreises am Ladenpreis für Brot und Brötchen liegt nur bei vier Prozent", sagt Sonnleitner.

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