24.01.13

Eisen und Sulfat

Braune Spree gefährdet Natur und Tourismus im Spreewald

An Kahnfahrten ist in der braunen Brühe der Spree nicht zu denken. Alle fünf Fraktionen im Brandenburger Landtag fordern Sofortmaßnahmen.

Von Gudrun Mallwitz
Foto: dapd
Klares Wasser war einmal: „Die braune Brühe gefährdet unsere Existenz“, sagt Fährmann Roland Scherz aus dem Spreewald
Klares Wasser war einmal: "Die braune Brühe gefährdet unsere Existenz", sagt Fährmann Roland Scherz aus dem Spreewald

Bis zu drei Millionen Besucher kommen jährlich in den Spreewald, um auf den Fließen die einzigartige Landschaft zu genießen. Doch damit könnte es bald vorbei sein. Tourismusanbieter, Fischer, Umweltverbände und jetzt auch Politiker sorgen sich um den Zustand der Spree. Der Fluss ist immer stärker mit Eisen und Sulfat belastet – eine Spätfolge der Stilllegung von Tagebauen in der Lausitz.

Durch den Kontakt mit Sauerstoff zerfallen in den aufgeschütteten Kippen die Minerale Pyrit und Markasit in Eisenhydroxid und Sulfat. Beides wird mit steigendem Grundwasser in die Flüsse geschwemmt. Da im Spreewald das Wasser nur sehr langsam fließt, setzt sich der Eisenocker ab – der Rost färbt die Spree braun.

"An Kahnfahrten mit Glühwein und Wärmflasche ist derzeit in den Spreewälder Naturhäfen Ragow und Raddusch nicht zu denken", sagt der Ragower Fährmann Roland Scherz. "Die braune Brühe hält uns seit Wochen davon ab".

Verschmutzung erreicht historisches Ausmaß

Seit 1996 betreibt Scherz den Ragower Hafen zwischen Lübben und Lübbenau. Aus Sorge um seine und die Zukunft der Spree hat er sich dem Aktionsbündnis "Klare Spree" angeschlossen. So auch Jana Eitner vom Tourismusverein Burg. Die junge Frau sagt: "Wir wollen das Bewusstsein in Politik und Wirtschaft für das Verockerungs- und Sulfatproblem in der Spree und den Zuflüssen schärfen." Der Chef des Tourismusverbandes Spreewald, Peter Stephan, warnt: "Es geht um viele Arbeitsplätze in der Tourismusbranche."

Einem Gutachten der Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Sanierungsgesellschaft (LMBV) zufolge hat die Belastung der Spree und des Grundwassers ein historisches Ausmaß erreicht. Umweltministerin Anita Tack (Linke) sagte am Mittwoch im Landtag: "Wir nehmen das Problem sehr ernst." Bisher seien die Mengen allerdings nicht gesundheitsschädigend. Die Brandenburger Behörden hätten 2008 erste Untersuchungen angeordnet.

Sofortige Abhilfe stellte Tack nicht in Aussicht. "Ein Problem, das sich über Generationen entwickelt hat, kann man nicht mit einer Hebelumdrehung beseitigen", sagte sie. Wie ernst auch die Abgeordneten das Problem nehmen, zeigt ein Entschließungsantrag aller fünf Fraktionen im Landtag. Nur äußerst selten können sich die rot-rote Regierungskoalition und die Opposition von CDU, Grüne und FPD auf eine Forderung einigen.

Gräben, Drainagen und Brunnen sollen Schadstoffe herausfiltern

Sie verlangen, dem Schutz der Fließgewässer eine höhere Priorität einzuräumen und mit der sächsischen Regierung dafür zu sorgen, dass die Sanierungsgesellschaft LMBV Sofort-Maßnahmen ergreift. So müssten weitere Grubenwasserreinigungs-Anlagen gebaut werden, in denen das Eisen zurückgehalten wird. Außerdem soll es mehr Messstellen geben. Zudem soll in der Landesregierung ein Beauftragter ernannt werden.

Die LMBV plant ab 2014 den Bau von Gräben, Drainagen, Brunnensystemen und unterirdischen Dichtwänden, um die Schadstoffe herauszufiltern. Außerdem soll die Grundwasser-Aufbereitungsanlage im Spremberger Ortsteil Schwarze Pumpe genutzt und die alte Anlage im sächsischen Burgneudorf wieder belebt werden.

Dem Landtag geht das zu langsam, es müsste bereits 2013 begonnen werden, heißt es. Laut einer der Berliner Morgenpost vorliegenden Untersuchung im Auftrag des Landesumweltamtes kommt der Talsperre in Spremberg weiter eine wichtige Aufgabe zu. Dort werden derzeit bereits rund 85 Prozent des Eisens abgesetzt.

Energiekonzern Vattenfall soll sich an Kosten beteiligen

Experten für Bergbausanierung schätzen, dass für die Arbeiten etwa 100 Jahre veranschlagt werden müssen. Im Sanierungstopf der LMBV liegen für 2013 bis 2017 rund 1,23 Milliarden Euro, davon allein 590 Millionen für die Brandenburger Lausitz. Wie viel davon für eine "saubere Spree" ausgegeben wird, ist unklar.

Von dem Problem betroffen ist auch die Schwarze Elster. Auch aktive Tagebaue steuern ihren Anteil an der braunen Spree bei, unterstreichen die Grünen. Sie wollen, dass sich der Energiekonzern Vattenfall an den Kosten beteiligt. Auch die Linken sind dafür. Die SPD ist dagegen.

Fische im braunen Wasser gefährdet - Berlin nicht

Dem Leiter des Landesumweltamtes, Matthias Freude, zufolge hat das Problem der "Verockerung" den Spreewald eher erreicht als gedacht. "2010 gab es so viele Niederschläge, dass das eisenbelastete Grundwasser schnell angestiegen ist", erläutert Freude. Dadurch führten die südlichen Zuflüsse – das Greifenhainer Fließ, das Vetschauer Mühlenfließ und die Wudritz – das dunkelrote Wasser bis in den Spreewald.

"Nicht nur, dass das braune Wasser dem Tourismus schadet, es ist auch ein ökologisches Problem", sagt Matthias Freude. "Das Eisen setzt sich in dem fast stehenden Gewässer auf dem Boden ab, wo Muscheln, Bachflohkrebse und viele andere Tiere leben". Sterben diese, verlieren die Fische ihre Nahrung.

Die Spree in Berlin sei nicht durch das Eisen gefährdet. "Das kommt über den Spreewald nicht in großen Mengen hinaus", sagt Freude. Anders verhält es sich mit dem Sulfat. Berlin kontrolliere jedoch, dass die Grenzmengen nicht überschritten werden.

Quelle: mit dpa
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