02.09.12

Dokumentation

Herr Wichmann von der CDU kehrt ins Kino zurück

Der Brandenburger CDU-Abgeordnete Wichmann bietet im Film erneut Einblicke in seine Welt. Ein Besuch im wahren Leben des Politikers.

Foto: JOERG KRAUTHOEFER
JOERG KRAUTHOEFER
"Herr Wichmann aus der dritten Reihe": Kinostart ist am 6. September 2012

Die plaudernden Damen aus Lauchhammer rücken begeistert beiseite, als der junge Mann im Anzug sich zwischen sie setzt, auf die Bank draußen vor dem Landtag in Potsdam. "Hallo, ich bin Henryk Wichmann von der CDU", stellt er sich höflich vor, "und wo kommen Sie her?"

Dann hört er sich an, dass die Damen und Herren einen Kurs namens "Aktiv für Arbeit" absolvieren, aus Lauchhammer in der Niederlausitz kommen und trotz des optimistischen Kursnamens allesamt arbeitslos sind. Dass sie heute erleben wollen, wie Politik wirklich gemacht wird. Herr Wichmann hört interessiert zu.

Der "Herr Wichmann von der CDU" wurde schon vor neun Jahren ein bisschen berühmt mit dem gleichnamigen Dokumentarfilm über sein Leben als junger CDU-Kandidat im Bundestagswahlkampf.

Mal nassforsch, mal rührend naiv, so arbeitete er sich durch seinen Wahlkreis in der Uckermark, der als ebenso politikverdrossenen wie CDU-fern gilt. Wichmann redete, redete, redete. Am Schluss stand er mutterseelenallein unterm CDU-Sonnenschirm, und der Wind trug ihm die Faltblätter davon.

Zum Fremdschämen schön

Natürlich verlor er damals haushoch gegen den alten SPD-Kämpen Markus Meckel. Was blieb, war ein wunderbarer Film in langsamen, genau beobachtenden Bildern ohne jeglichen Off-Kommentar. Ein Film, zum Fremdschämen schön, nebenbei ein bisschen Werbung für die Uckermark, in der Wichmann aufgewachsen ist und in der er lebt. Nur für eines warb er nicht – für Politik.

Wichmann ist inzwischen 35 Jahre alt und dennoch Politiker geworden, und er kommt jetzt zum zweiten Mal ins Kino. "Herr Wichmann aus der dritten Reihe" heißt der zweite Teil der Dokumentation des Regisseurs Andreas Dresen. Ein Jahr begleitet er Wichmann, diesmal nicht als Wahlkampf-Neuling, sondern als frischgebackener Berufspolitiker.

Anlass des Films war ein Zeitungsartikel. "Herr Wichmann hat es wieder nicht geschafft", konnte man nach der Brandenburger Landtagswahl 2009 lesen, das war eher hämisch als witzig. Wichmann stand auf Platz 20 der Landesliste, 19 kamen rein. Doch als ein CDU-Mitglied nach Brüssel ging, rückte er auf den Platz nach, auf dem er jetzt sitzt: im Potsdamer Landtag, Plenarsaal, dritte Reihe ganz außen.

"Herr Wichmann" steht auf einem Schildchen, das an den Tisch geschraubt ist. Kein Witz – alle Namensschildchen beginnen mit "Herr" oder "Frau". Man hat es hier gern höflich.

Es ist Mittwoch, Plenarsitzung. Auf den Tischen des Abgeordneten stapeln sich Unterlagen. Henryk Wichmann hat alle Unterlagen in einem Ordner abgeheftet, "Mittwoch", steht darauf, als sei auch ein Wochentag eine wichtige Aufgabe. Mittwochs werden die Reden gehalten. Heute steht der Haushalt an, es wird laut und hitzig, danach folgen Fragestunde und Reden zu neuen Gesetzesvorschlägen, von denen auch Wichmann eine halten wird. "Die muss ich aber erst noch schreiben." Er grinst wie ein Schuljunge, der seine Hausaufgaben nicht gemacht hat.

Danach werden ihn Eisenbahnfreunde sprechen, die eine stillgelegte Strecke in der Uckermark wiederbeleben wollen. Am frühen Abend ist ein Telefonquiz geplant mit einem Berliner Radiosender. Und zum Abschluss ein Gruppenfoto mit Feuerwehrleuten.

Beim Tanken die falsche Zapfsäule erwischt

Der Film richtet einen ebenso schweigenden wie erstaunten Blick auf die Welt, in der Politiker sich bewegen. Da sind zunächst die verwirrenden Flure des Landtags. Wichmann grüßt hier und lobt da: "Sieht gut aus!" Diesen Satz wird er noch oft wiederholen, egal, ob es um einen neuen Stempel geht oder sein Hochzeitsfoto im Büro.

Der Potsdamer Landtag, einst als "Reichskriegsschule" erbaut, war später Sitz der SED-Bezirksleitung. Heute wird er gern als Symbol der brandenburgischen Politik gesehen, die ihre Vergangenheit nur schwer loswird. Im Gebäude kreuzen sich Baustile und Einrichtungselemente. Verschnörkelte Treppengeländer im Flur, DDR-Schick der Kantine.

Der optimistische Herr Wichmann – Regisseur Dresen sagt über ihn, er gehe "mit einer gesunden Naivität" durchs Leben, die für den Politikbetrieb ungewöhnlich sei. Wo sich dieser Optimismus mit der Wirklichkeit bricht, da wird es dann eben doch ziemlich witzig.

Im Film wechseln sich Parlamentsszenen mit solchen aus Wichmanns Wahlkreis ab. Wie er in der dritten Reihe halblaut seinem Sitznachbarn beichtet, er habe beim Tanken die falsche Zapfsäule erwischt, und dann plötzlich eifrig die Hand hochreißt wie ein Schüler – beinahe hätte er eine Abstimmung verpasst.

Dresen zeigt, wie Wichmann sich professionell mit Vertretern anderer Parteien beharkt. Die typischen Zwischenrufe und besserwisserischen Kommentare – plötzlich ist er wieder da, der nassforsche Herr Wichmann. Es gibt aber auch andere Szenen. In der Kantine, abseits der "Bühne" Parlament, führt Wichmann die eigentlich wichtigen Gespräche, auch fraktionsübergreifend. Probleme, so sieht es aus, werden eher bei Gurkenscheiben und Beuteltee gelöst als in lauten Debatten.

Absurder Streit um überfahrene Regenwürmer

Dagegen schneidet Dresen die Begegnungen in Wichmanns Wahlkreis, im nördlichen Teil des Bezirks Oberhavel und der südlichen Uckermark. Es sind Gegenden, ebenso schön wie hoffnungslos: idyllische Dörfer, in denen die Bevölkerung schrumpft, die Arbeitslosigkeit aber nicht, wo die Preise steigen, die Löhne sinken und der Glaube an die Zukunft. Was will ein Landespolitiker dagegen ausrichten, zumal einer aus der Opposition? "Opposition ist, wenn man im Parlament nie mit seinen Vorschlägen durchkommt, auch wenn die Ideen gut sind", antwortet Wichmann einmal erstaunlich offen auf eine Schülerfrage. Schulklassen stehen auch auf seinem Programm.

Dresen zeigt Wichmann immer wieder fahrend. Vier bis fünf Stunden am Tag sitzt er oft im Auto, fährt durch grüne Alleen, vorbei an kahlen Feldern, tiefen Wälder, das alles zu Beethovens "Chorfantasie" vom CD-Spieler. Das sind große, ganz große Bilder. Dagegen stehen die ganzen kleinen und ganz kleinen Probleme der Menschen.

Wichmann vermittelt im absurden Streit um überfahrene Regenwürmer und Eidechsen; es geht um einen geplanten Fahrradweg, der angeblich einen Schreiadler bedroht, dessen Nahrung die Würmer sind. Der CDU-Mann hört geduldig zu, schließlich gibt es eine Einigung. Und dann sind da noch jene Männer, die sich allen Ernstes beklagen, die Politiker kämen sowieso nie persönlich zu ihnen – dabei sitzt gerade einer vor ihnen.

Dresen sagt, er habe Wichmann gefragt: "Wie hältst du das aus?" Herr Wichmann lächelt auf solche Fragen nur und sagt: Genau deshalb sei er doch Politiker geworden. "Ich habe Einblick in die unterschiedlichsten Bereiche – und ich kann etwas bewegen."

Man kann all das schlimm finden, lustig oder tragikomisch; allein: Es ist die Realität – und nicht mal die ganze. Denn sobald die Kameras aus sind, melden sich auch jene zu Wort, die vorher geschwiegen haben. Wer in Wichmanns Wahlkreis – und mit Sicherheit nicht nur dort – nach dem grundsätzlich Interesse an Politik fragt, bekommt Antworten wie jene des Busfahrers, der ansatzlos losmeckert: "Politik is' ne Hure, mit dem Dreck gebe ich mich nicht ab!"

Er war zwölf, als die Mauer fiel

Herr Wichmann von der CDU – im ersten Film war er jemand, der da hinging, wo es (ihm) wehtat, zu den Nicht-Wählern und Nicht-CDU-Wählern auf der Straße. Im zweiten Teil tut vieles immer noch weh – aber es sind die Probleme der Menschen, denen er sich annimmt – und das durchaus mit Erfolg. Im wirklichen Leben sitzt Wichmann im Petitionssausschuss des Landtags, der unter Ausschluss der Öffentlichkeit tagt. Wichmann sagt: "Was man dort an Bürokratiewahnsinn erlebt, ist unglaublich."

Und wenn man noch einmal nach seinem Motiv fragt, erzählt der junge Politiker noch eine andere Geschichte, die vieles erklärt. Henryk Wichmann ist in der Uckermark geboren, aufgewachsen und fährt bis heute jeden Abend wieder dorthin nach Hause. Drei Töchter hat er, das vierte Kind ist unterwegs.

Er hat in Berlin inzwischen sein Jurastudium beendet, und säße er nicht im Potsdamer Landtag, wäre er jetzt Anwalt – nicht in Berlin, sondern in Lychen. Er sagt: Seine Familie, dazu die ruhige Kleinstadt am See, das sei der Ort, an dem er Energie tankt. Es ist aber auch der Ort, an dem er zu dem wurde, was er ist.

Er war zwölf, als die Mauer fiel, als Schüler erlebte er wenig später Helmut Kohl im nahen Prenzlau, in glühenden Worten warb dieser für die deutsche Einheit. "Ich war fasziniert von Kohl, er war für mich ein Vorbild", sagt Henryk Wichmann. Spätestens bei diesem Thema fällt alles Aufgesetzte, Jungpolitikerhafte von ihm ab, und man ahnt, was das Wort "Freiheit" für ihn bedeutet.

Henryk Wichmann und seine Familie sind Christen; sein Vater, sagt er, sei zu DDR-Zeiten nicht in der Partei gewesen. Er habe ein Eisenwarengeschäft betrieben, die Mutter arbeitete in der Bibliothek. Es gab einen großen Bruder – er starb bei einem Verkehrsunfall, als Henryk Wichmann 18 Jahre alt war. Ein Trauma.

Amüsiert und ein bisschen gerührt

"Herr Wichmann aus der dritten Reihe" läuft in den Berliner Kinos am kommenden Donnerstag an. Schon eine Woche zuvor durften sich die Potsdamer Abgeordneten ein Bild machen. Die meisten waren amüsiert und ein bisschen gerührt – nicht nur, weil Henryk Wichmann in allen Fraktionen geschätzt wird.

Es seien ja, sagt einer, schließlich dieselben seltsamen Leute und dieselben skurrilen Probleme, denen sie im wirklichen Leben alle begegnen. Parteizugehörigkeit hin oder her.

Zehn Jahre ist es her, da begleitete der Regisseur Andreas Dresen den jungen Juristen Henryk Wichmann aus Lychen zum ersten Mal. Wichmann wollte damals als Direktkandidat der Brandenburger CDU in den Bundestag einziehen, was misslang. Nun kommt am 6. September 2012 der zweite Teil "Herr Wichmann aus der dritten Reihe" in die Kinos.

Dresen, 1963 in Gera geboren, studierte an der Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf", seinen ersten Kino-Erfolg hatte er mit "Nachtgestalten" im Jahr 1999. Auch folgende Filme wie "Halbe Treppe" (2002), "Sommer vorm Balkon" (2005) oder "Whisky mit Wodka" (2009) zogen viele Zuschauer an. Für seinen jüngsten Film "Halt auf freier Strecke" über das langsame Sterben eines Krebskranken wurde Dresen mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet.

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