Neuvermessung
Deutsch-polnische Grenze - jeder Zentimeter zählt
Unfälle oder Verbrechen: An Landesgrenzen entscheiden im Zweifel Zentimeter über die Zuständigkeit. In Brandenburg wird nun gemessen.
Seit Polens Schengen-Beitritt sind Passkontrollen an der deutsch-polnischen Grenze passé – mit kurzen Ausnahmen während der Fußball-EM. Doch der genaue Grenzverlauf spielt dennoch weiter eine bedeutende Rolle. Bei Unfällen oder Verbrechen etwa können manchmal Zentimeter über Zuständigkeiten entscheiden. Die letzten Messdaten sind mehr als 30 Jahre alt – sie stammen von 1977/78. Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Brandenburg und Polen wollen daher die offiziell 465 Kilometer lange Grenze im Jahr 2014 neu vermessen. Die Vorarbeiten dafür haben schon begonnen.
Die schwarz-rot-gelbe Grenzsäule mit der Nummer 463 auf dem Oderdeich in Aurith nahe Frankfurt (Oder) steht im Visier der Vermesser Frank Richter und Thomas Hundt. Umschwirrt von Mücken und Bremsen notieren die beiden deren Zustand – und bestimmen mit Hilfe eines GPS-Geräts den genauen Standort. Etwa zweieinhalb Stunden dauert der Einsatz, dann geht es Richtung Norden zur nächsten Säule. Seit Anfang Juli sind Richter und Hundt und zwei weitere Messtrupps am brandenburgischen Abschnitt unterwegs, um die GPS-Koordinaten und den Zustand der symbolischen Grenzmarkierungen zu erfassen.
Verschiebungen der Grenze durch Naturkräfte
Dort wo Flüsse die Trennlinie zwischen Deutschland und Polen bilden, habe es durch Hochwasser und andere Naturkräfte im Laufe der Jahre möglicherweise Verschiebungen gegeben. Es könne nach der Neuvermessung also zu Flächenverlusten oder -gewinnen kommen. Ein 2010 in Kraft getretenes Gesetz schreibt die Neuvermessung und die Instandhaltung der Grenze vor. Mit rund 264 Kilometern – 257 Kilometer davon durch Oder und Neiße markiert – haben die Brandenburger die längste Strecke zu bewältigen. Der sächsische Teil der deutsch-polnischen-Grenze ist 123 Kilometer lang, der von Mecklenburg-Vorpommern 78 Kilometer. Dort wo sie auf Festland oder in Binnengewässern liegt, ändert sich der Verlauf der Grenze nicht.
Die Grenzsäulen bereiten vor allem den Deutschen Arbeit: "Von 464 Säulen in Brandenburg sind nur 18 in Ordnung", sagt Rothberger. Die restlichen stünden oft schief, seien abgebrochen oder bei Deichsanierungen entfernt worden. Die Kosten für die 2013 geplante Erneuerung schätzt er auf etwa eine Million Euro. Anders sieht es auf der östlichen Seite von Oder und Neiße aus: "Die Polen haben ihre Grenze gehegt und gepflegt", sagt Rothberger. Zum Teil seien die Säulen dort sogar aus poliertem Granit. Die deutschen Betonpfeiler mit Plastikummantelung nennen die Vermesser scherzhaft auch "Kondom". Die Säulen im Abstand von 200 bis 1200 Metern sind nur Grenzsymbole. Die eigentliche Grenze verläuft in der schiffbaren Oder entlang der tiefsten Stellen, dem so genannten Talweg. In der nicht schiffbaren Neiße gilt die Mittellinie zwischen beiden Uferlinien als Grenze. Auf dem Festland markieren Grenzsteine den Verlauf.
Vermessung mit satellitengestützten Verfahren
Mit welchen Methoden 2014 gemessen wird, legt eine gemeinsame Grenzkommission derzeit fest. In der sitzt auch Jörg Rubach vom Amt für Geoinformation, Vermessungs- und Katasterwesen in Schwerin. Ein Teil der Arbeiten werde vor allem durch satellitengestützte Vermessungsverfahren erledigt, erklärt Rubach. Hochgenaue digitale Orthophotos – verzerrungsfreie Ansichten aus der Luft – sollen die Arbeit unterstützen. Rubachs Kollegen wollen im November 2012 gemeinsam mit Polen die Markierungen an der Grenze überprüfen. Die Zusammenarbeit gestaltet sich in Mecklenburg-Vorpommern leichter als in Brandenburg, denn die Grenze verläuft dort vor allem auf dem Festland. Auch in Sachsen laufen die Vorbereitungen für 2014. "Bei uns werden Luftbilder gemacht und Festpunkte vermessen", berichtet Jens Riedel vom Staatsbetrieb Geobasisinformation und Vermessung in Dresden. Riedel und Kollegen kämpfen gleich an mehreren Fronten: Die deutsch-tschechische Grenze wird seit 2003 ebenfalls neu vermessen.
2015 sollen voraussichtlich die Ergebnisse für die deutsch-polnische Grenze vorliegen. Auf ihrer Grundlage einigt sich die Kommission dann über den genauen Verlauf. Er glaube nicht, dass Karten neu gezeichnet werden müssen, sagt Rothberger.


















