Zehlendorf

Familie entdeckt expressionistische Wandmalerei in Villa

Eine Familie in Zehlendorf reißt nach 40 Jahren die Tapeten ab – und entdeckt unbekannte Malereien des Expressionisten César Klein.

Das Berliner Ehepaar Ilsabe und Jan Krause aus Zehlendorf mit Katharina von Baibus K(l.), der Enkelin des Architekten, der sich ein Zimmer von César Klein bemalen ließ

Das Berliner Ehepaar Ilsabe und Jan Krause aus Zehlendorf mit Katharina von Baibus K(l.), der Enkelin des Architekten, der sich ein Zimmer von César Klein bemalen ließ

Foto: Joerg Krauthoefer

Wer kratzt schon gerne alte Tapeten ab. Als Familie Krause 1975 ihre Zehlendorfer Villa in der Nähe des Schlachtensees bezog, überstrich sie die vergilbte Wand einfach mit weißer Farbe. "Wir waren damals zu faul, die Tapeten abzumachen", erinnert sich Ilsabe Krause noch gut. Nun aber, 40 Jahre später, sollten sie ab. "Unsere Tochter zieht mit ihrem Verlobten im Erdgeschoss ein", sagt die 74-Jährige, "und sie will keine Tapeten an der Wand." Vor einigen Wochen legte der Vater mit den Renovierungsarbeiten los – und staunte nicht schlecht, als er die ersten Papierbahnen ablöste. "Darunter kamen lauter bunte Bilder zum Vorschein", erzählt Jan Krause.

Ein farbenfroher Papagei. Eine Bühne mit tanzenden Darstellern. Stillleben mit Obst. Vasen, gefüllt mit üppigen Blumensträußen. Südlich anmutende Landschaftsbilder. Das Kaminzimmer – ein einziges Gemälde. Noch hatten die Hausbesitzer keine Idee, von wem und aus welcher Zeit die Wandmalereien stammen könnten.

"Berliner Volkszeitung" von 1916 kam ebenfalls zum Vorschein

Doch dann stießen sie auf die Makulatur einer alten Zeitung, die ebenfalls hinter der Tapete aufgeklebt war. Die "Berliner Volkszeitung" von Donnerstag, 14. November 1916. Die Malereien waren also schon 100 Jahre alt. "Da musste ich sofort an den Dornröschenschlaf denken", sagt Ilsabe Krause. "Der dauerte auch so lange."

Der Weg zum Künstler führte schließlich über den ersten Besitzer: Das Landhaus hat sich 1911 der Architekt Friedrich Blume gebaut. Das wusste die Familie. Ilsabe Krause ist selbst Architektin. Im Internet entdeckten sie dann, dass er einst mit dem Maler César Klein zusammengearbeitet hatte. "Wir wandten uns an Nicola Bröcker, die sich für ihr 2010 erschienenes Buch 'Kleinmachnow bei Berlin – Wohnen zwischen Stadt und Land 1920–1945' intensiv mit Friedrich Blume beschäftigt hatte", erzählt Ilsabe Krause.

Blume war zwar nicht Student an der Technischen Hochschule Berlin, dafür aber von 1899 bis 1903 als Gasthörer eingeschrieben. Er erhielt dafür laut Universitätsarchiv der TU Berlin eine Studienbescheinigung. Von ihm stammen in Berlin und Kleinmachnow mehrere Villen und Geschäftshäuser, er baute aber auch die Eigenherd-Schule in Kleinmachnow. Sein größter Auftrag war 1910 der Bauentwurf für das Siemens-Verwaltungsgelände am Nonnendamm in Spandau. Den sollte er zusammen mit dem Leiter der Siemens-Bauabteilung, dem Hausarchitekten Karl Janisch, ausarbeiten.

Die Buchautorin verwies die Krauses an die Kunsthistorikerin Dr. Ruth Irmgard Dalinghaus. Sie promovierte 1991 zur Dr. phil., mit einer Arbeit über den Grafiker und Bühnenbildner César Klein (1876–1954). Von ihr erfuhren die Krauses: "Klein und Blume waren offenbar eng befreundet." Zeitweilig soll der Maler auch in Blumes Landhaus gewohnt haben. César Klein war 1910 Mitbegründer der Neuen Secession in Berlin – eine Künstlergruppe mit Nolde und Pechstein, die hauptsächlich expressionistisch arbeitete.

Auch wenn die Malereien nicht signiert sind, so sind sich Krauses sicher, den Urheber gefunden zu haben. "Es gibt Aufzeichnungen in einem Kontobuch, wonach César Klein für die Bilder und Vorlagen zur Ausmalung des Kaminzimmers und des Teehäuschens 2000 Reichsmark erhalten hat", sagt Jan Krause. Im unter Denkmalschutz stehenden Teehäuschen im Garten sind keine Malereien mehr zu erkennen.

Von Klein stammt übrigens der Mosaikfußboden aus dem Jahr 1913 im Vestibül der Siemens AG in Siemensstadt, 1919 gestaltete er die Fensterverglasung im Sitzungssaal des Zehlendorfer Rathauses. Das Theater am Kurfürstendamm schmückten einst sein Deckengemälde und etliche Mosaiken, im Zweiten Weltkrieg wurde alles zerstört. Heute noch vorhanden sind die Intarsien in der Holzverkleidung des Renaissance-Theaters mit Szenen der Commedia dell'Arte.

"Unsere Tochter will es lieber schlicht und weiß haben"

1937 verlor Klein seine Professur an den "Vereinigten Staatsschulen für Kunst und Handwerk"; seine Arbeiten wurden als "Entartete Kunst" aus den deutschen Museen und Galerien entfernt. Seine frühen Gemälde spiegeln den Einfluss Cézannes und der französischen Impressionisten wider, erst später wandte er sich dem Expressionismus zu. So spektakulär die Entdeckung auch ist, so richtig freuen kann sich die Familie bisher darüber nicht. "Unsere Tochter war nicht gerade begeistert über den Fund", sagt Ilsabe Krause. "Sie will es schlicht und modern haben."

Fünf Jahre hatten die Krauses nach ihrem Einzug und dem Kauf selbst in dem bemalten Zimmer gelebt. Ohne von dem Werk zu wissen. Später zogen sie in die obere Etage, die unteren Räume vermieteten sie. "Ich bin mir noch nicht sicher, ob die Malerei ein Geschenk oder eine Bürde ist", sagt Ilsabe Krause. Noch haben sie nicht entschieden, wie es weitergehen soll.

Tränen in den Augen hat die Enkelin des Architekten Friedrich Blume bei ihrem Besuch in der Villa in Zehlendorf. Die Kleinmachnower Malerin Katharina von Baibus sagt: "Ich war ein Jahr alt, als mein Großvater starb. Es berührt mich sehr, dass er sein Haus mit so schönen Malereien gestalten ließ – und heute so reizende Leute darin wohnen."

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