Nach Stilllegung

Der Reaktor Wannsee ist wieder aktiv

Nach mehr als einem Jahr Reparaturpause hat das Helmholtz-Zentrum Berlin den Forschungsreaktor in Wannsee wieder hochgefahren. Alle Anforderungen der Behörde sind aber noch nicht umgesetzt.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Berlins einzige Atomanlage arbeitet wieder. Nach mehr als einem Jahr Reparaturpause hat das Helmholtz-Zentrum Berlin den Forschungsreaktor in Wannsee wieder hochgefahren. Die Neutronenquelle BER II habe ihre Nennleistung von zehn Megawatt erreicht, teilte Helmholtz mit. Junge Mathematiker und Physiker, die zu einer "Neutronenschule" in Berlin weilen, können reale Experimente an der Neutronenquelle unternehmen. Zuletzt hatten die Forscher mehr als 300 wissenschaftliche Projekte absagen müssen, die für 2014 geplant waren.

Im November 2013 hatte das Helmholtz-Zentrum den Reaktor stillgelegt, ohne zunächst die Öffentlichkeit zu informieren. In mehreren Schweißnähten hatten sich Risse bedrohlich vergrößert. Diese Schäden wurden nun behoben und ein neuer Hochfeldmagnet montiert.

Stresstest nach Fukushima

Die Reaktorsicherheitskommission hatte bereits nach der Katastrophe von Fukushima 2011 auch Forschungsreaktoren einem Stresstest unterzogen und Sicherheitsauflagen verschärft. Die Antwort des Berliner Senats auf eine Anfrage der SPD-Abgeordneten Daniel Buchholz und Ina Czyborra bringt jetzt ans Licht, dass der Reaktor wieder in Betrieb gegangen ist, obwohl noch nicht alle Anforderungen der Aufsichtsbehörden erfüllt sind.

So ist das Notfallhandbuch für BER II nicht auf dem neuesten Stand. An dem Buch nach den Empfehlungen der Reaktorsicherheitskommission und anderen Regelwerken werde gearbeitet, teilte Stadtentwicklungsstaatssekretär Christian Gaebler (SPD) den Parlamentariern mit. Das sei "noch nicht für alle Bereiche abgeschlossen". Auch das Brandschutzkonzept müsse überarbeitet werden, so Gaebler.

"Alle Empfehlungen der Sachverständigen umgesetzt"

Der SPD-Abgeordnete Buchholz zeigte sich verwundert. Der Betreiber habe mehrere Jahre Zeit gehabt, um etwa das Handbuch anzupassen. "Es ist keine übersteigerte Erwartungshaltung, dass Brandschutz und Notfallhandbuch komplett fertig gestellt werden sollten, ehe der Reaktor wieder hochfährt", sagte der Energieexperte.

Helmholtz-Sprecherin Ina Helms wies den Argwohn zurück, es könnten Sicherheitsauflagen missachtet worden sein. "Selbstverständlich haben wir alle Empfehlungen der Sachverständigen umgesetzt", sagte die Sprecherin. Derzeit seien lediglich noch "einige redaktionelle Formulierungen in der Endabstimmung." Das Brandschutzkonzept sei am Freitag an den Senat gesandt worden, sagte sie. Wobei die Anlage niemals wegen fehlenden Brandschutzes stillgelegt worden sei.

Kritiker aus dem Anti-Atom-Forum Berlin bleiben aber skeptisch. Am Donnerstag, 5. März, um 19 Uhr lädt das Bündnis zu einer Einwohnerversammlung in den Bürgersaal im Rathaus Zehlendorf ein.

Auch das Risiko von Flugzeugabstürzen auf die für solche Fälle nicht gesicherte Atomanlage besteht fort. Der Senat verweist auf seine Aussagen von 2013. Damals hieß es, die Flugverbotsbeschränkung sei auf zwei nautische Meilen oder 3,7 Kilometer rund um das frühere Hahn-Meitner-Institut ausgeweitet worden. Zudem habe Wirkung gezeigt, dass Piloten, die diese Zone missachteten, konsequent verfolgt worden seien, hieß es.

Dass das Oberverwaltungsgericht (OVG) Berlin-Brandenburg in einem Urteil über die Flugrouten vom neuen Hauptstadtflughafen BER in Schönefeld das Überfliegen des Reaktors untersagt hatte, ließ der Senat unberücksichtigt. Das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig hatte das Urteil im Jahr 2014 aufgehoben und an das OVG Berlin-Brandenburg zurückverwiesen. Die Entscheidung steht noch aus.

Anwohner sehen Gefahren

In der Nachbarschaft des Reaktors sind die Menschen schon länger mit der Informationspolitik des Helmholtz-Zentrums unzufrieden. Früher sei es üblich gewesen, dass Fachleute aus dem Reaktor selbst zu Informationsveranstaltungen gegangen seien, erinnert sich Traugott Klose, der drei Kilometer entfernt von BER II in der mittleren Schutzzone wohnt. Diese Mitarbeiter seien stets kooperativ gewesen. Heute habe die Geschäftsleitung solche Informationen aus erster Hand untersagt. "Es handelt sich um ein gefährliches Messinstrument", sagte Anwohner Klose. Da müsse das Institut Rechenschaft ablegen, ob der Stand der Sicherheit tatsächlich bestmöglich sei, findet er. Auch das neben dem Reaktor liegende Lager für schwach- und mittelradioaktiven Abfall sei ein "Riesenproblem direkt im Wohngebiet".

Die Informationsbroschüre, die die Anwohner alle fünf Jahre erhalten, sei im Dezember 2014 weitgehend identisch gewesen mit den früheren Ausgaben, sagte Klose. Über die angestrebte Schließung zum Dezember 2019 seien die Nachbarn gar nicht informiert worden. Die Helmholtz-Sprecherin verweist darauf, dass sich in den nächsten fünf Jahren ja nichts ändern werde. Auch bei der Schließung bleibe es. Danach müssten die Brennstäbe noch drei Jahre im Kühlbecken abklingen, ehe das Gebäude zurückgebaut werden könne.

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