Neuer Versuch

Pankower Straße wird wieder zum Spielplatz

Ab April will der Bezirk die Gudvanger Straße für Kinder sperren. Auch Friedrichshain-Kreuzberg ist interessiert.

Auf der Gudvanger Straße in Prenzlauer Berg durften Kinder immer dienstags spielen - bis ein Gericht es verbot

Auf der Gudvanger Straße in Prenzlauer Berg durften Kinder immer dienstags spielen - bis ein Gericht es verbot

Foto: Krauthoefer

Der Bezirk Pankow nimmt einen neuen Anlauf, um eine temporäre Spielstraße auf der Gudvanger Straße in Prenzlauer Berg einzurichten. "Wir wollen nach Ostern, im April, an den Start gehen", sagte Torsten Kühne (CDU), Stadtrat für Bürgerservice in Pankow.

Dass Kinder auf der Fahrbahn Roller fahren, den Asphalt bemalen, auf einem Trampolin springen und Federball spielen, war erstmals im Sommer 2015 erprobt worden. Es wurde jedoch nach wenigen Wochen vom Verwaltungsgericht untersagt. Eine Anwohnerin hatte geklagt und Recht bekommen.

Gerichte hatte das Projekt schon einmal gestoppt

Die Gudvanger Straße war vom Bezirk zuvor dienstags von 10 bis 18 Uhr für Autos gesperrt worden, mit der Begründung, es handele sich um eine Veranstaltung. Die Kritik des Gerichts: Das ungehinderte Spielen der Kinder auf der Straße sei keine Veranstaltung, da eine ausgearbeitete Konzeption dafür fehle. Und: Das öffentliche Interesse an diesem Projekt sei nicht gegeben.

In diesem Jahr soll die temporäre Spielstraße in Prenzlauer Berg nun juristisch hieb- und stichfest werden. Die Drachenreiter gGmbH, die das Vorhaben mitinitiiert hat, arbeitet gemeinsam mit dem Jugendamt ein Konzept aus. Es soll Ende Januar vorliegen. Dieses neue Konzept für die Pankower Spielstraße habe einen pädagogischen Anspruch, sagte Stadtrat Kühne. "Kinder sollen auf spielerische Weise an den Straßenverkehr herangeführt werden und in einem abgeschirmten Bereich Verkehrserziehung bekommen." Fahren mit dem Bobbycar gehöre dazu, "das geht schlecht im Sandkasten".

TU Berlin soll das Projekt wissenschaftlich begleiten

Das Projekt solle wissenschaftlich begleitet werden, im Rahmen einer Masterarbeit. Es gebe Interesse von der Technischen Universität (TU) Berlin, so Kühne. "Das langfristige Ziel ist, zu zeigen, dass in Innenstädten alternative Spielflächen benötigt werden." Auch die Kommunikation der Anwohner werde durch eine solche Spielstraße besser. "Dann profitiert der gesamte Kiez davon, das haben Erfahrungen in England gezeigt." Mit der wissenschaftlichen Auswertung der Spielstraße ergebe sich auch ein öffentliches Interesse für das Vorhaben – "wie vom Verwaltungsgericht gefordert".

Anders als beim ersten Versuch 2015 zeigt jetzt auch die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung Interesse. Stadtrat Kühne hatte, nachdem die Spielstraße gescheitert war, Verkehrssenator Andreas Geisel (SPD) um eine Einschätzung gebeten. Der teilte mit, dass dem Vorhaben aus seiner Sicht nichts im Wege stehe, wies aber auf das Klagerisiko hin.

Temporäre Spielstraße auch am Boxhagener Platz

Bezirk und Senat haben sich unterdessen Rat bei anderen deutschen Städten geholt. Geisels Verwaltung erkundigte sich zum Beispiel in Bremen, wo mehrere solcher Spielstraßen erfolgreich praktiziert werden. Pankows Stadtrat Kühne holte sich Auskunft in Frankfurt am Main. Dort sei 2015 eine solche Strecke in Westend eingerichtet worden, als Pilotprojekt "in einer Region, die ähnlich hoch verdichtet ist wie Prenzlauer Berg", so Kühne. Auch dort diene der Paragraf 29 der Straßenverkehrsordnung als juristische Grundlage, auf den sich Pankow schon im vergangenen Jahr stützte. Er erlaubt die zeitweilige Sperrung einer Straße für Sondernutzung bei regelmäßigen Veranstaltungen. Schilder zeigen eine Durchfahrtssperre für die Zeit der Veranstaltung an. "Das ist die sicherste Rechtsgrundlage", so Kühne. "Deshalb werden wir das wieder so umsetzen."

Das Vorhaben in Prenzlauer Berg werde fortlaufend evaluiert, sagte der Stadtrat. Er strebe langfristig an, dass die Rechtsgrundlagen für solche Projekte auf Bundesebene verbessert würden. "Deshalb dürfen wir jetzt nicht erneut vor Gericht scheitern." 2015 habe er Listen mit Unterschriften der Spielstraßengegner bekommen, so Torsten Kühne. "Ich rechne damit, dass wir uns auch beim nächsten Anlauf vor Gericht wiedersehen."

"Gefahrenpotenzial für Kinder ziemlich hoch"

Mit Interesse werden die Pankower Bemühungen in Friedrichshain-Kreuzberg verfolgt. Denn auch dort will man eine temporäre Spielstraße erproben. Sie soll künftig am Boxhagener Platz in Friedrichshain eingerichtet werden, immer am Freitagnachmittag. Den Beschluss hatte die Bezirksverordnetenversammlung auf Initiative der Grünen bereits im Herbst 2015 gefasst. "In Anlehnung an den Versuch in Pankow", heißt es im Text. Die Situation am Boxhagener Platz in Friedrichshain sei ähnlich wie an der Gudvanger Straße, sagte Paula Riester, Vorsitzende der Grünen-Fraktion in Friedrichshain-Kreuzberg. Es gebe viele Kitas und Schulen in der Umgebung, die Spielplätze seien stark ausgelastet.

Wie die Spielstraße in Friedrichshain zu realisieren ist, damit beschäftigt sich der Bezirksstadtrat für Ordnung, Peter Beckers (SPD). "Wir sind dabei, das Vorhaben zu prüfen", sagte er. Er ist jedoch skeptisch. Das Problem sei, so Beckers, "dass Kinder nicht zwischen temporär und dauerhaft unterscheiden". Wie könne man garantieren, dass ein Kind, das freitags auf der Straße gespielt habe, nicht auch am Sonnabend zum Spielen auf die Fahrbahn gehe? "Das Gefahrenpotenzial ist meines Erachtens ziemlich hoch." Es müsse auch gesichert werden, dass das Amt in der Zeit der Straßensperrung nicht in großem Maß Fahrzeuge abschleppen lassen müsse.

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