Integration

Wie das Leben in Neukölln wirklich tickt

In seinem neuen Buch schreibt der Autor Thomas Lindemann über sein neues Leben in Neukölln. Hier ein Auszug.

Stühle und Tische stehen an der Pannierstraße Imbissen, Cafes und Kneipen. Eine Seite von Neukölln

Stühle und Tische stehen an der Pannierstraße Imbissen, Cafes und Kneipen. Eine Seite von Neukölln

Foto: Jens Kalaene / picture alliance / ZB

Abed Chaaban möchte sich am Rathaus Neukölln treffen. Als ich dort kurz warte, frage ich mich, ob das symbolische Bedeutung hat. Ein freundlich wirkender Herr um die fünfzig kommt auf mich zu. Chaaban trägt ein elegantes weißes Hemd und führt mich erst einmal einen Kilometer die Karl-Marx-Straße entlang. Alle paar Schritte ein anderes kleines Geschäft: Türken, Libanesen, auch Russen, Polen, nebeneinander. "Sehen Sie?", sagt er, "es funktioniert doch."

Nach jemandem wie Chaaban habe ich lange gesucht bei den intensiven Recherchen, die ein Ziel haben: Neukölln verstehen. Ohne die arabische Szene wäre das undenkbar. Städte wie New York haben ihr Chinatown, ihr Little Italy, in Deutschland gibt es etwas ähnliches genau einmal: die "Arabische Meile" auf der Sonnenallee.

Als wir uns treffen, recherchiere ich schon mehrere Monate in Neukölln. Mit kurdischen Künstlern und türkischen Unternehmern sprach ich, spielte mit Roma Ping-Pong, besuchte Geflüchtete. Nur die arabischstämmige Szene war weniger zugänglich. Der Rapper Bushido wollte nicht mit mir reden. Eine Sozialarbeiterin schrieb nur: keine Zeit. Auch Chaaban, zu dem ein Freund den Kontakt herstellte, war erst zurückhaltend. Und dann treffen wir uns wirklich und die zwei Stunden Tee mit ihm krempeln meine Berliner Weltsicht schon ein wenig um.

Der gebürtige Libanese hat keinen Wikipedia-Eintrag, keine Internetseite, in den Pressearchiven gibt es keine ausführlichen Interviews mit ihm. Aber das alles sollte es geben, denn Abed El-Halim Chaaban ist eine Integrationsfigur Neuköllns. In den 23 Jahren, die er in dieser Gegend schon lebt, hat er oft mit dem Bezirksamt gearbeitet, mit der Polizei, war aktiv in der deutsch-arabischen unabhängigen Gemeinde, war Sozialarbeiter, Familienhelfer. Zurzeit arbeitet er mit jugendlichen Straftätern.

In dem Shisha-Café, in dem wir schließlich ankommen, um einen Chai mit Minzblatt zu trinken, begrüßen der Wirt und er sich mit vier Wangenküsschen. Und während der zwei Stunden, die wir uns unterhalten, kommen immer wieder Menschen auf Chaaban zu und machen ihre Aufwartung. Dass die Berliner Boulevardzeitung "BZ" derzeit oft über "kriminelle arabische Clans" schreibe, ist ihm aufgefallen. Mindestens dreimal war das Thema in den vergangenen Wochen auf der Titelseite. Von Neukölln aus sei eine Hand voll Familien im Untergrund der Stadt hochaktiv, von Drogen- und Waffenhandel ist die Rede. Chaaban wundert sich: Warum das Arabische so betonen? Es gebe doch Gute und Schlechte in jedem Volk.

Die Jugendlichen stehen an jeder Ecke herum

Ich möchte wissen, wie es dann aber dazu kommt, dass aus der arabischstämmigen Kultur Neuköllns viele der sogenannten Intensivtäter entsprungen sind, oft schon als Jugendliche. Chaaban antwortet mit Anekdoten darüber, was er all die Jahre von seinen Jugendlichen gehört habe. Stört ein Schüler massiv den Unterricht, wird er ein paar Tage suspendiert, die Lehrer wollen das Problem loswerden. Was macht der Schüler in den zehn Tagen? Gibt es ein Zentrum, das vielleicht ein arabischer und ein deutscher Pädagoge zusammen leiten, wo sie voneinander lernen und wirklich auf die Jugendlichen eingehen können? Nein, nur für kleinere Kinder.

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Die Jugendlichen stehen an jeder Ecke herum, immer sieben oder acht. Einmal habe er ein paar Teenager zur Rede gestellt, die jemanden geschlagen hatten wegen einer Nichtigkeit. "Wir haben nichts zu tun, wir hängen nur rum", sei ihre Erklärung gewesen. Fliegen sie von der Schule, geht es weiter, an eine, die sie eben noch nimmt. So gebe es in Neukölln einige Schulen mit mehr als 90 Prozent Ausländern und andere mit weniger als 50 Prozent.

Er wollte kein Geld, er fühlte nur Wut

Chaaban jedenfalls arbeitet heute mit straffälligen Kindern und Jugendlichen bei einem evangelischen Jugendwerk. Schon vor ein paar Jahren wurde ihm eine Gruppe von vier Jungs zwischen zwölf und dreizehn zugeteilt, die Raubüberfälle begangen hatten. Einer von diesen Jungs hatte die Geldscheine, die er beim Aufteilen der Beute bekam, noch auf der Straße in lauter kleine Stücke zerrissen. Er wollte kein Geld. Er fühlte nur Wut.

Die Geschichten von den Jugendlichen, die schlechter behandelt werden, höre ich als Ausdruck der Enttäuschung, dass Deutschland sich immer noch schwertut mit echter Integration. (Und erst jetzt, durch die Flüchtlingssituation, dazulernen muss.) Das ist auch seine persönliche Erfahrung und die vieler Jugendlicher, die er betreut. Aber allein das Leben mit zwei Grundschulkindern zeigt mir, dass es auch deutsche Rowdys und Störer an den Schulen gibt. Eine Studie der Uni Münster zeigte im Jahr 2014, dass das Gerede von "Ausländerkriminalität" eine Mär ist, auch bei Jugendlichen, tatsächlich begehen Migranten nicht mehr Straftaten als Deutsche. Auch alle Statistiken zeigen das. Wer etwas anderes behauptet, wie es etwa aus Pegida und AfD nach der Kölner Silvesternacht 2015/2016 immer wieder zu hören war, der verdreht die Tatsachen.

Dafür ist Neukölln berüchtigt

Es gibt allerdings das Phänomen, dass Menschen zu mild mit Delinquenten aus Migrantenfamilien umgehen, weil sie Angst haben, sonst als Ausländerfeind zu gelten. In der englischen Stadt Rotherham organisierte eine Bande von Männern mit pakistanischem Hintergrund über Jahre hinweg sexuellen Missbrauch von Kindern. Der Soziologe Armin Nassehi nannte diesen Fall ein Beispiel falsch verstandener linker Toleranz, da die Behörden jahrelang Hinweise ignoriert hatten, um den Vorwurf zu vermeiden, ethnic profiling zu betreiben, Migranten schnell als Täter anzusehen.

Dafür ist Neukölln berüchtigt. Mehrere Fernsehbeiträge etwa von "Spiegel-TV" drehten sich um Gerichtsverhandlungen gegen einzelne Mitglieder der hier ansässigen Familie Abou Chaker. Auf diese Familie hatten einige Medien sich regelrecht eingeschossen, sie wurde dort seit etwa 2012 unter dem Stichwort der Clan-Kriminalität immer wieder erwähnt. In den TV-Beiträgen sieht man, wie die Brüder und Freunde eines Beklagten auf dem Flur des Amtsgerichts das Kamerateam beleidigen, schubsen und auch bedrohen.

"Araber sind sehr stolz", sagt Chaaban dazu. Verschiedene Medien hätten diese Familie damals mit Drogenhandel, Prostitution und Waffenhandel in Verbindung gebracht und diese Vorwürfe pauschalisiert auf den Familiennamen insgesamt. Jeder wäre da verletzt und wütend, sagt er. Viele aus dieser Familie kenne er, die sehr beständig und rechtschaffen seien. (Ein Satz, den ich auch von anderen Seiten immer wieder gehört habe.) Und dann stigmatisiert das Fernsehen gleich alle. "Sprich auf Augenhöhe mit einem Araber, wird es immer gelingen. Komm von oben herab, wird es nicht funktionieren." Diese Menschen hätten alles verloren.

"Sind wir Deutsche? Nicht voll"

Die Familie kommt aus Palästina, musste ganz neu anfangen, das präge. "Wir sind eingebürgert. Aber sind wir Deutsche? Nicht voll. Die Deutschen sagen ,Engländer' zu Engländern, ,Amerikaner' zu Amerikanern, ,Italiener' zu Italienern. Zu allen anderen sagen sie nur ,Ausländer'." Er sieht keine echte Integration.

Redet man mit Sozialarbeitern oder dem Integrationsbeauftragten, mit allen, die die Lage wirklich gut kennen, ist auch immer wieder von falscher Politik die Rede. Es solle sich kein Ghetto bilden, ist doch eigentlich eine Maxime, besonders zurzeit. Frankreichs Banlieues sind das Gegenbeispiel. Aber Chaaban hat zu Hause ein Dokument aus den 80ern, mit Stempel der Stadt, in welchen Gegenden er sich niederlassen darf: Tiergarten, Wedding, Neukölln. Eine Wohnung in Charlottenburg oder Zehlendorf hätte er nicht beziehen dürfen. Das Gleiche hat mir auch die langjährige Mitarbeiterin einer stadteigenen Wohnungsbaugesellschaft gesagt, mit der ich sprach: Das Entstehen der "Problemviertel" ist das Ergebnis einer jahrelang gepflegten Politik der Stadt. Ausländer sollten in bestimmte Bezirke gedrängt werden. Dann entstehen die sogenannten Brennpunkte.

"Entweder einbürgern oder raus"

"Die Menschen warten nur auf die Chance, etwas Gutes zu tun für dieses Land", sagt Chaaban noch. "Man muss sie aber auch lassen. Warum lässt die Regierung Leute dreißig Jahre hier, und die sind immer noch im Status der Duldung? Entweder einbürgern oder raus!" Das versteht er nicht. Den Kontakt mit den Behörden empfand er selbst damals als schikanös und zermürbend. Drei Jahre lang dürfe man nicht arbeiten. Er hatte aber schon ein Angebot und wollte gar keine Sozialhilfe mehr. Am Kaiserdamm habe man ihm immer gesagt: Nein. Dann sagte ein Freund: "Geh doch mal zum Arbeitsamt im Wedding." Dort ging es plötzlich. Daran musste er sich in Deutschland erst gewöhnen, dass es die viel beschworene Ordnung nicht gab, das Gesetz schien nicht die Hauptrolle zu spielen, eher die Laune des jeweiligen Beamten. (Das deckt sich übrigens mit dem, was mir eine junge Serbin einmal abends beim Bier vor einem Spätkauf in Neukölln erzählte: Als es um ihre Einbürgerung ging, habe sie bei der Ausländerbehörde ihre Fragen immer mehrmals an verschiedenen Schaltern gestellt, weil die Antworten nie gleich gewesen seien.)

So viel Ballast scheint sich angestaut zu haben, dass es dauert, bis wir zu ein paar schönen Erlebnissen kommen. Ende 2007 wurde in der Flughafenstraße 43 in Neukölln eine neuapostolische Kirche entweiht und verkauft, eine Moschee zog in das Gebäude. Die Boulevardpresse inszenierte einen "Aufschrei", auch wenn der im Wesentlichen aus ihren eigenen Artikeln bestand. Arnold Mengelkoch, der Integrationsbeauftragte des Bezirksamts, sagte damals schlicht: "Ein Gotteshaus ist ein Gotteshaus." Das, sagt Chaaban, hätten alle auf der Karl-Marx-Straße und der Sonnenallee wahrgenommen. Plötzlich respektierte sie jemand. Seitdem habe Mengelkoch seinen Platz in der arabischen Gemeinschaft, nur wegen dieses einen Satzes. Heute begrüßen ihn alle auf der Straße. "So funktionieren die Muslime." Überhaupt: Würden die Politiker zuhören, was einer wie Mengelkoch sage, wären sie alle auf dem kurzen Weg, die Integration zu schaffen. Aber es höre keiner hin. Und Menschen wie ihn gebe es selten.

Seine Kinder sind Deutsche mit arabischem Hintergrund

Dass Chaaban integriert ist, liegt auf der Hand, aber wie zum Beweis zählt er auf, was seine Familie erreicht habe, etwa seine Kinder: ein technischer Zeichner, einer bei Daimler, eine Mitarbeiterin im Jugendamt. Sie seien keine Araber mehr, sie können überhaupt kein Arabisch mehr, seine Frau und er lachen zu Hause über die Fehler, die ihre Nachkommen machen, wenn sie es doch einmal versuchen. Seine Kinder sind Deutsche. Deutsche mit einem arabischen Hintergrund, das sagt er noch, den verliere man nie. Aber wirklich willkommen fühlt Abed Chaaban selbst sich hier immer noch nicht. Er liebt den orientalischen Garten in den "Gärten der Welt" in Marzahn-Hellersdorf. Die Anlage wurde 1987 zur 750-Jahre-Berlin-Feier der DDR errichtet. Der orientalische Garten oder "Garten der vier Ströme", der aufwendig von einem deutsch-algerischen Landschaftsarchitekten gestaltet wurde, kam vor zehn Jahren dazu. Eine prachtvolle und einzigartige Anlage. Aber Chaaban geht selten hin, er traut sich nicht. "Meine Frau trägt das Kopftuch", sagt er. "Was tun wir, wenn auf dem Weg sechs Glatzen kommen?" Neukölln, Wedding, Tiergarten, das sind die Gegenden, in denen er sich frei bewegen kann. Deutschland ist nie ganz sein Land geworden.

Hier in der Shisha-Bar auf der Karl-Marx-Straße ist das Leben in Ordnung. Am Wochenende gibt es immer Livemusik, dann liegen auch die Deutschen auf Kissen am Boden, rauchen eine Shisha-Pfeife und trinken Tee. Sie schauen Bauchtänzerinnen und eine Band an. Sie essen. "Wie Araber!", sagt Chaaban und lacht. Wenn er erklärt, wie Deutschland mit den Augen eines arabischstämmigen Bürgers aussieht, ist es leider kein Land der offenen Arme. Aber so viel Trauriges es auch zu besprechen gab, es war ein freundliches, positives Gespräch. Ich gehe und bin überzeugt, dass echte Integration möglich wäre. Man muss sie nur wollen.

Thomas Lindemann, "Keine Angst, hier gibt's auch Deutsche!: Unser neues Leben im Problemkiez", Berlin Verlag, 14,99 Euro.

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