06.01.13

Jugendprojekt

18-Jähriger bringt ein Stück Neukölln nach Lateinamerika

Maradona Akkouchs große Leidenschaft ist Breakdance. In einem internationalen Jugendprojekt zeigt er, was sein Kiez noch zu bieten hat.

Foto: Massimo Rodari

Berlin-Neukölln ist für Maradona Akkouch nicht nur der Name seines Wohnbezirks, sondern vor allem ein besonderes Lebensgefühl
Berlin-Neukölln ist für Maradona Akkouch nicht nur der Name seines Wohnbezirks, sondern vor allem ein besonderes Lebensgefühl

Maradona Akkouch ist 18 Jahre alt und macht sich nichts aus großen Worten. Der gebürtige Neuköllner tanzt lieber: Breakdance am liebsten, den Straßentanz der Hip-Hop-Bewegung.

2010 war er damit im Dokumentarfilm "Neukölln Unlimited" zu sehen, in dem er und seine älteren Geschwister Hassan und Lial eine Zeit lang begleitet wurden. Damals fürchtete die Familie, abgeschoben zu werden – die Eltern waren nach dem Bürgerkrieg in ihrer Heimat Libanon Anfang der Neunziger nach Berlin gekommen.

Mittlerweile hat Maradona eine Aufenthaltsgenehmigung, mit der er zumindest vorerst in Deutschland bleiben darf. In seiner Heimat Berlin.

Seine Liebe zum Breakdance, aber auch sich selbst als Beispiel für die kulturelle Vielfalt in Deutschland konnte er nun in einem internationalen Jugendprojekt in Argentinien einbringen: beim Sommercamp der Initiative "Schulen: Partner der Zukunft" (Pasch), die weltweit Schulen vernetzen will, "an denen Deutsch einen besonders hohen Stellenwert hat".



Hinter der Initiative steht eine Kooperation des Auswärtigen Amtes mit der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen, dem Goethe-Institut, dem Deutschen Akademischen Austauschdienst und dem Pädagogischen Austauschdienst der Kultusministerkonferenz. Ziel ist es, jungen Menschen "das Interesse für das moderne Deutschland, seine Gesellschaft und die deutsche Sprache zu wecken".

Die Projekte mit den weltweit mittlerweile 1500 Partnerschulen sind unterschiedlich: So gibt es eine Online-Schülerzeitung, für die Schüler rund um den Globus schreiben, internationale Schreib- und Videowettbewerbe sowie Austauschprogramme.

Oktoberfest in Argentinien

Das "Sommercamp 2012" mit den Schwerpunktthemen Tanz und Street Art fand im Dezember 2012 statt. Ziel war es, einen "Clash der deutschen Kulturen" mit Volkstanz, Schuhplattlern, Breakdance und Folklore zu provozieren.

Treffpunkt der beinahe 200 deutschen und lateinamerikanischen Schüler und Lehrer aus zwölf Ländern war die Kleinstadt Villa General Belgrano in Zentralargentinien, die von deutschsprachigen Einwanderern geprägt ist. Inmitten von alpiner Architektur wird hier deutsches Brauchtum zelebriert und alljährlich das Oktoberfest begangen – und nun, zum fünften Mal, auch das internationale Jugendcamp.

"Es wirkte alles ziemlich klischeedeutsch dort", findet Maradona. "Eigentlich sah es aus wie im Schwarzwald, in den Geschäften waren die meisten Auszeichnungen auf Deutsch und vor allem die älteren Leute sprachen alle Deutsch." Auch mit einigen Jugendlichen aus Argentinien und anderen lateinamerikanischen Ländern konnten sich Maradona und die anderen in ihrer Muttersprache unterhalten, ansonsten wurde auf Spanisch, Englisch, mithilfe von Dolmetschern oder mit Händen und Füßen kommuniziert.

Die Projektleiterin am Goethe-Institut in Buenos Aires, Ines Patzig-Bartsch, habe ihn im vergangenen Sommer kontaktiert, erzählt Maradona. "Sie hatte 'Neukölln Unlimited' gesehen und wollte mich gern dabei haben." Der schmale junge Mann klingt stolz. "Ich hatte sofort Lust dazu." Gemeinsam mit seinem Berliner Tanztrainer Ivan Stevanovic flog er über Madrid nach Argentinien, um im Camp Workshops anzubieten. "Ich habe den Teilnehmern ein paar Basics des Breakdance beigebracht und Ivan hat Hip-Hop- und Street-Dance-Kurse gegeben."

Mehr als Volkstanz

Ganz nebenbei tauschten die Jugendlichen aus Deutschland und den deutschen Siedlungsgebieten in Südbrasilien, Paraguay und Argentinien Erfahrungen des täglichen Lebens aus. Die "Deutschländer", wie Maradona, Ivan und die anderen von den deutschen Einwanderern in Lateinamerika genannt werden, versuchten frei nach dem Slogan des internationalen Treffens "Überliefertes neu zu erfinden, deutsche Traditionen und die Sichtweise auf sie auf den Kopf zu stellen" und den Jugendlichen, die Deutschland meist nur aus Erzählungen ihrer Großeltern kennen, ein modernes Multikulti-Bild von Deutschland zu vermitteln. "Wir wollten zeigen, dass Deutschland nicht bloß Oktoberfest und Volkstanz ist", sagt Maradona.

Deutschland, Berlin, Neukölln – für den 18-Jährigen ist das Street Art, Graffiti, Breakdance. Jugendkultur, aber auch ein Schmelztiegel aus deutschen Traditionen und Einflüssen aus aller Welt. "Die Jugendlichen haben uns viel gefragt, wie unser Leben hier so aussieht." Und auch er habe viel gelernt, zum Beispiel, "dass man mit wenig Geld glücklich sein kann." Über Facebook hält er jetzt mit den anderen Teilnehmern Kontakt.

Im Camp ist ein zwölf Minuten langes Musikvideo entstanden, in dem die Jugendlichen die Geschichte von Maria und Ihab erzählen: Marias Großeltern sind vor einem halben Jahrhundert aus Europa nach Argentinien eingewandert, sie selbst liebt Volkstanz und Trachten; Ihabs Eltern flohen vor dem Bürgerkrieg aus dem Libanon nach Deutschland, Ihab liebt Breakdance und Hip Hop. Die Geschichte von Maria und Ihab ist die zweier typischer Biografien aus dem argentinischen Villa General Belgrano und Berlin. Zwei Biografien, wie sie etliche der jugendlichen Teilnehmer aus ihren eigenen Familien kennen. Es ist auch die Geschichte von Maradona Akkouch.

Heimat ist für ihn Berlin

Er ist mit den Werten und Vorstellungen seiner libanesischen Eltern und seines deutschen Umfeldes groß geworden. In einer Art Schwebezustand zwischen dem Heimatgefühl zu seiner Geburtsstadt Berlin und der Aussicht, jederzeit abgeschoben werden zu können in die Heimat seiner Eltern, ein Land, das er vor allem aus Erzählungen kennt.

Zwar müssen die Akkouchs und ihre sechs Kinder zurzeit nicht mit einer Abschiebung rechnen. Maradona macht nach dem erweiterten Hauptschulabschluss gerade eine Ausbildung zum Trockenbaumonteur, träumt allerdings davon, einmal als Kfz-Mechatroniker zu arbeiten und dann zur Feuerwehr zu gehen – "die sind sportlich und hilfsbereit, das gefällt mir". Seine Leidenschaft fürs Tanzen aber will er lieber nicht zum Beruf machen, wichtiger ist ihm erst mal die Ausbildung.

Maradona guckt sich gern das im Camp entstandene Musikvideo auf Youtube an. Es heißt "Wo gehörst du hin?!", eine Frage, die sich viele der Teilnehmer in ihrem Leben schon einmal gestellt haben. Für Maradona gibt es nur eine Antwort: "Hierher, nach Berlin-Neukölln."

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