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22.11.08

Wiederaufbau

Jetzt entsteht das Schloss der Bürger

Nichts ist so stark wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist. Dieses Victor Hugo zugeschriebene Zitat mag auf Größeres gemünzt gewesen sein, aber es passt auf die Idee, das Stadtschloss wieder aufzubauen. Was die meisten anfangs für irrwitzig hielten. Heute aber beginnen die Grabungen.

© DDP
Ein Schloss fuer Berlin

Handwerklich unmöglich und unbezahlbar: So urteilten nicht wenige über den Plan, das Stadtschloss wieder aufzubauen. Dank der Leidenschaft und Tatkraft engagierter Bürger ist er in greifbare Nähe gerückt. Vor sechs Jahren beschloss der Bundestag, im Herzen der Hauptstadt einen Kulturpalast mit den rekonstruierten Barockfassaden des Stadtschlosses zu errichten, der den Namen Humboldt-Forum tragen soll.

Heute beginnen am Schlossplatz, wo der Palast der Republik abgemagert auf sein Stahlskelett einem schönen Tod entgegengeht, die Arbeiten zur Vorbereitung der Baustelle. Man wird die erhaltenen Fundamente der 1950 gesprengten Hohenzollernresidenz freilegen und sich auf der Suche nach den Gräbern brandenburgischer Markgrafen und Kurfürsten auf diese Weise tief in die Frühgeschichte der Stadt hineingraben. Zugleich entsteht auf einem Teil des Areals eine temporäre Kunsthalle für Zeitgenössisches. 2010 soll der Bau des Humboldt-Forums beginnen.

Es fällt einem kaum ein anderes Projekt dieser Bedeutung in Deutschland ein, bei dem sich eine so kleine Schar passionierter Bürger gegen eine anfangs so ablehnende öffentliche Meinung durchgesetzt hat. Als durchgedrehte Kleinbürger, als preußenselige Reaktionäre oder Träumer hatte man sie abgetan.

Es waren zwei Publizisten, der inzwischen verstorbene Joachim Fest und der Berliner Wolf Jobst Siedler, die zur Nachwendezeit in großartigen Essays den Boden bereiteten, und aus Hamburg wuchs mit dem Kaufmann Wilhelm von Boddien die Schlüsselfigur des Projektes heran. Seit fast 20 Jahren treibt er mit unerschütterlichem Optimismus und stets neuen Initiativen alle Bedenkenträger vor sich her.

Die erste Attrappe stand 1993

Er fand überall im Lande wichtige Helfer vor und hinter den Kulissen und machte so aus einer schönen Utopie ein mehrheitsfähiges Projekt – angefangen mit der privat finanzierten Schlossattrappe des Jahres 1993, die den entscheidenden Meinungsumschwung bewirkte, bis zur Finanzierung der zentimetergenauen Fassadenpläne, die zur Grundlage des laufenden Architektenwettbewerbs wurden.

Was die Nutzung betrifft, lieferte die Stiftung Preußischer Kulturbesitz die weit in die Zukunft reichende Idee, ihre Sammlungen außereuropäischer Kunst vom Rande der Stadt ins neue Schloss zu verlegen – als Pendant zu den Schätzen der Museumsinsel.

Nach dem Fall der Mauer war zunächst erwogen worden, den Bundespräsidenten oder das Bundeskanzleramt im Herzen Berlins anzusiedeln. Das wäre eine schöne tote Mitte geworden, mit Sicherheitszäunen und weiten Absperrungen bei jedem Staatsbesuch. Auch ein Hotel oder Büros an dieser Stelle wurden verworfen, obwohl sie die Finanzierung des Bauwerks erleichtert hätten.

Gegen das Gerede von der Ökonomisierung aller Lebensbereiche hat sich bei den Verantwortlichen ein Gespür dafür bewahrt, dass an diesen herausragenden Ort ein öffentliches Haus gehört, gewidmet Kultur, Bildung und Wissenschaft als wichtigen Ressourcen in einer globalisierten Welt. Dass allerdings die herausragende Gemäldesammlung Berlins keinen Platz im Schloss erhalten soll, sondern einen Katzentisch jenseits der Spreeinsel – das bleibt ein leider zu spät erkanntes Versäumnis.

Gefragt sind jetzt die Architekten. Sie müssen im laufenden Realisierungswettbewerb Vorschläge machen, wie sich das moderne Innere eines lebendigen Kulturpalastes verknüpfen lässt mit den Barockfassaden Andreas Schlüters. Auch die einst mittelalterliche vierte Fassade zur Spree können sie neu gestalten. Es ist eine der anspruchsvollsten Aufgaben, die Baumeister in Deutschland je zu lösen hatten.

Kosten belaufen sich auf 80 Millionen

Dennoch haben sich ihr einige namhafte Architekten wegen der Vorgaben verweigert. Sieht man sich viele ihrer bisher bekannt gewordenen Vorschläge an, nimmt man es eher mit Erleichterung zur Kenntnis. Gefragt sind auch die Bürger, denn Kosten von 80 Millionen Euro müssen durch Spenden aufgebracht werden.

Bei der Dresdner Frauenkirche, deren Rekonstruktion anfangs genauso utopisch klang und nicht weniger umstritten war, kamen 100 Millionen Euro an Spenden zusammen. Die Kraft und Schönheit dieses wieder auferstandenen Barockbaus hat alle Skeptiker verstummen lassen. Warum sollte dies anders sein in sieben Jahren, wenn im Herzen der deutschen Hauptstadt die Pracht des Schlüterschen Barock in das Schloss der Weltkulturen einlädt?

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