27.05.08

Homosexuellen-Mahnmal

Zwei Männer und ein schwules Denkmal

Michael Elmgreen und Ingar Dragset haben die Stele zur Erinnerung an die im Nationalsozialismus ermordeten Homosexuellen im Tiergarten entworfen. Inmitten der Cruising-Area der schwulen Metropole ist den beiden Skandinaviern ein Kunstwerk mit Unterhaltungswert gelungen ohne pietätlos zu sein.

Foto: REUTERS
State culture minister Neumann and Berlin's Mayor Wowereit look in the memorial in Berlin
Und drinnen wird geküsst: Kulturstaatsminister Bernd Neumann (l) und Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit bei der Übergabe des Denkmals

In einem Video küssen sich zwei Männer. Zu sehen ist das im Inneren einer Beton-Stele. Drumherum ist es grün. Wenn nun, unweit von Peter Eisenmans Holocaust-Stelenfeld in Berlin, das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen eröffnet wurde, geht nicht nur ein Tauziehen um das Schwulen- und Lesben-Mahnmal mit einem Kuss zu Ende. Das Denkmal, ein Anstoß öffentlicher Erinnerungskultur, ist ein neueres Beispiel dafür, dass auch ein Denkmal gute Kunst sein kann.

Ganz so sah es nicht immer aus. Vor zweieinhalb Jahren hatte "Emma", die wackere Emanzipations-Postille von Alice Schwarzer, am Entwurf der beiden schwulen Künstler Elmgreen & Dragset bemängelt, es seien im Video des Denkmals nur Männer zu sehen ("Wieder einmal die Frauen vergessen!"). Es seien vor allem männliche Homosexuelle verfolgt worden, antwortete man. Nützt nichts. Jetzt soll das Video turnusmäßig ausgewechselt werden. Elmgreen & Dragset sind nette, problembewusste Leute. In zwei Jahren küssen sich also die Frauen.

Jetzt wird ordentlich geküsst

In dieser Kussparität ist das Denkmal tatsächlich erstmalig und einzigartig. Inmitten der Cruising-Area der schwulen Metropole ist den beiden Skandinaviern Michael Elmgreen (47) und Ingar Dragset (39) eine subtile Brechung der historischen und topographischen Zusammenhänge gelungen – ein Meta-Kunstwerk mit Schau- und sogar Unterhaltungswert. Oberflächlich oder frivol wirkt es nicht – bei allem Gewicht, welches auf Thema und Aufgabe lastet.


Es erklärt, weshalb Elmgreen & Dragset derzeit so angesagt sind. Die Art Basel ehrt die beiden in diesem Jahr mit einer Aufführung ihres Stücks "Drama Queen", wo nicht Schauspieler, sondern sieben Skulpturen der Kunstgeschichte als Hauptfiguren auftreten. Kontexte mischen sich prinzipiell im Werk der beiden Wahl-Berliner. Nur in der Wahl ihres Heimatbezirks haben sie eine harte, unversöhnliche Entscheidung getroffen.'


Schauplatzwechsel: Ein ehemaliges Pumpwerk der Berliner Wasserbetriebe im Bezirk Neukölln. Die Halle erweckt den Eindruck, als handele es sich um einen Kirchenraum der nebenan residierenden Guttempler-Gemeinde. Man erschrickt. Die Gegend: eine Hochburg für Billig-Telefonläden und Hobby-Prostitution. Hierher, wo die Leute auch tagsüber Zeit für Spaziergänge finden, hat sich das Künstlerduo vor kurzem verzogen.

Ihr Atelier steht in Neukölln

Zwischen Kunst-Flamingos und fabrikartigen Querbalken lümmeln beide in Jeans und unrasiert in der Sofaecke. Sie würden sehr müde sein, haben die Mitarbeiter vorher gewarnt. Elmgreen und Dragset sind aber ganz wach. Sie müssen es sein. Ihr letztes Groß-Projekt "The Welfare Show" haben sie in London, Wien, Toronto und beim Bergen Festival 2005 in je neuer Form realisiert. Aus Bergen kommen sie soeben wegen ihrer ersten Regiearbeit – Kaaja Saariahos Oper "L'amour de loin". In Schwarz, Weiß und Blau wechselt die Geschichte mittelalterlicher Fernliebe (nach Amin Maalouf) ins Dating-Revier eines heutigen Internet-Chatrooms. Berühmtheit erlangte ihr Projekt "Prada Marfa". Einen Designer-Shop voller Waren, aber ohne Eingang, hatten die beiden in der texanischen Wüste installiert. Auch ihre Uhr als Bühnenbild für Pascal Dusapins Opern-Uraufführung "Faustus – The Last Night" 2005 an der Berliner Linden-Oper sicherte einen der letzten Erfolge des jüngst geschassten Regisseurs Peter Mussbach.

Der 1961 in Kopenhagen geborene Michael Elmgreen und sein acht Jahre jüngerer, aus Trondheim stammender Ex-Lebensgefährte Ingar Dragset sind nicht nur die jüngsten Belege dafür, dass bildende Künstler für die Oper geeigneter sind als Quereinsteiger vom Film. Ursprünglich in Architektur und Mode zu Hause, haben der Maniac und das Model, wie man die beiden getrost beschreiben könnte, ihre eigenen Fremdheitsgefühle in Kunst verwandelt. Malen oder Bildhauern können sie nicht.

Die beiden lassen produzieren

"Wir sind unprofessionell", sagen die Erben von Ready-Made und Factory-Kunst. Ihre Arbeit – wie der Zeichentrick-Film in Berlin oder die Stele in Berlin – lassen sie von Zulieferern anfertigen. "Schon Leonardo hatte eine Werkstatt", sagt Michael Elmgreen frech. Sie stehen dem Factory-Gedanken eines Andy Warhol oder Jeff Koons näher. Beide hängen ständig am Telefon. Mitarbeiter verbreiten Business-Stress.

Die Oberfläche ihrer Kunst bleibt leicht – und ihre Botschaft politisch. Künstler müssen nicht nur schaffen, sondern immer auch organisieren. Geld, Ideen, Kooperatoren. In Elmgreen & Dragset hat die Zunft zwei lustige, daueraktive Kommunikatoren gefunden. Sie haben die Vernetztheit zur Hauptsache erklärt. Sie bestellen, was sie nicht selbst machen können.

© Berliner Morgenpost 2013 - Alle Rechte vorbehalten
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Warmfeiern: Fans auf der Berliner Fanmeile vor dem Champions-League-Endspiel zwischen Dortmund München
Aktualisiert vor 18 MinutenChampions-League-Finale
Henkel beruhigt – Fanmeile kein konkretes Anschlagsziel

Das Bundeskriminalamt hat vor Terrorgefahr auf deutschen Fanmeilen gewarnt. Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU) sieht keine konkrete Gefahr. Auf der Berliner Fanmeile ist noch sehr wenig los. mehr...

Berliner SPD-Mitgliederversammlung
Aktualisiert vor 59 MinutenLandesparteitag
Berliner SPD kürt Eva Högl zur Spitzenkandidatin

Eva Högl führt die Hauptstadt-Genossen in den Wahlkampf. Die rund 220 Delegierten der Landes-SPD wählten die Direktkandidatin für den Wahlkreis Mitte mit 77,5 Prozent. mehr...


Das Wembley-Stadion vor einem neuen historischen Finale
08:0520 Momente
Champions League Finale - Als Rummenigge zwei Cognac brauchte

Das deutsche Duell macht die Historie der Endspiele in der Champions League um ein weiteres Kapitel reicher. Die Morgenpost schildert noch einmal die 20 schönsten, kuriosesten und traurigsten Momente. mehr...

title
Aktualisiert vor 6 MinutenLive-Ticker
150.000 deutsche Fans feiern in London

Ab 20.45 Uhr hat das Orakeln ein Ende, wer holt den Henkelpott nach Deutschland, Dortmund oder Bayern? Doch vorher gibt es hier alles Wissenswerte und Abseitige zum großen Finale in Wembley. mehr...

Leser-Kommentare Kommentare
Leserkommentare sind ausgeblendet.
Kommentare einblenden
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Multimedia

Elmgreen und Dragset

Top-Thema
title
Start-ups in Berlin

Gründerzeit: Die Serie und das Blog der Berliner Morgenpost.

Video Nachrichten mehr
Krawalle Wieder Ausschreitungen in Stockholm
Washington Brücke in USA eingestürzt
Grundsatzrede Obama will strengere Regeln für Drohnenangriffe
Queen of Soul Aretha Franklin braucht eine kleine Auszeit
 
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Fanfest

Berlins Fanmeile Champions-League-Finale

 
In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote