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Bildung

Organisatoren kämpfen um Schulgründung

Im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg findet seit knapp drei Jahren eine Auseinandersetzung zwischen zwei Gruppen von Schülergründern statt. Zum einen wollen Privatpersonen eine evangelische Privatschule eröffnen. Zum anderen ist auch das türkische Bildungsinstitut Tüdesb an einer Schuleröffnung interessiert. Nach der langen Zeit spitzt sich die Lage erheblich zu: Der Bezirk will nur ein Schulgebäude vergeben.

Manfred Gottert ist niemand, der Probleme vertagt. Er will sie lösen. Und zwar möglichst schnell. Und möglichst gut. Dass es in seinem Kreuzberger Kiez Probleme mit der Schule geben würde, hat er schon vor drei Jahren erkannt. Damals war sein Sohn Finn erst gut zwei Jahre alt. ",Schicken Sie Ihren Sohn bloß nicht zu mir', hat der Direktor unserer Einzugsschule zu mir gesagt", erinnert sich der Vater. 95 Prozent der Schüler haben dort einen Migrationshintergrund, mindestens drei Viertel von ihnen stammen aus bildungsfernen Familien. Der 48 Jahre alte Kommunikationsdesigner schaute sich in der Nachbarschaft noch ein paar andere Schulen an. Dann stand für ihn fest: "Das will ich für mein Kind nicht." Er wollte eine Schule gründen - wie viele andere Eltern in Berlin auch. Doch dies ist nicht so leicht.

Einige Eltern suchten bereits eine Scheinwohnung in einem anderen Bezirk, um ihr Kind dort anzumelden, andere wollten wegen der sozialen Probleme in Kreuzberg wegziehen. Gottert wollte das nicht. Gemeinsam mit anderen erarbeitete er ein Konzept für eine evangelische Schule. Die Finanzierung stand schnell, denn sie fanden mit der Evangelischen Schulstiftung einen erfahrenen Träger für ihre Idee. Nun könne es losgehen, dachten die Eltern.

Ganztagsschule mit Platz für 50 Kinder

Drei Jahre ist das jetzt her. Die Schule gibt es noch immer nicht. "Unsere Idee wird vom Bezirk torpediert", sagt Gottert. Als Erstes bewarben sich die Eltern um ein Schulgebäude an der Reichenberger Straße. "Es wäre gut geeignet gewesen", sagt Annerose Steinke von der Stiftung der evangelischen Kirche. Doch der Bezirk wollte das Gebäude für die Protestanten nicht bereitstellen. Die Eltern bewarben sich weiter. Diesmal um das Gebäude der ehemaligen Rosegger-Grundschule an der Kreuzberger Bergmannstraße 28/29. Auch dort tat sich der Bezirk schwer. Er fürchtete, dass in den öffentlichen Schulen dann nur noch Kinder aus bildungsfernen Schichten und mit Zuwanderungshintergrund übrig bleiben würden. "Wenn die evangelische Schule verhindert wird, gibt es auch eine Entmischung", sagt Gottert, "denn dann ziehen wir weg."

Jörg Ruckelshauß (36) hat zwar noch zwei Jahre Zeit, bis sein Sohn Jakob eingeschult wird. Aber er weiß schon jetzt, dass es keine öffentliche Schule sein wird. "Ich möchte keine Eliteschule", sagt der Kreuzberger, "aber ich möchte, dass mein Sohn normale Startchancen hat." Auch er engagiert sich im Förderverein für die evangelische Schule. "Das Konzept ist sehr sozial", sagt Ruckelshauß. Die Schule sei für alle Glaubensrichtungen offen, das Schulgeld liege je nach Einkommen zwischen 50 und 150 Euro. Geplant ist eine Ganztagsschule für etwa 50 Kinder. Schon jetzt gibt es 70 Anmeldungen. "Die Nachfrage ist riesig", sagt Ruckelshauß und schildert ein Phänomen, das Eltern auch bei der Gründung anderer Privatschulen wie der Phorms in Mitte feststellten.

"Unsere Schule passt in den Kiez", sagt Ruckelshauß. Nach einer Pause fügt er hinzu. "Wenn sie aber verhindert wird, dauert es sicher nicht mehr lange, bis ein großer Investor den Bedarf erkennt und am Bezirk vorbei eine exklusive Schule eröffnet." Er ist sich sicher, dass verzweifelte Eltern das teure Schulgeld zahlen würden. Er selbst wahrscheinlich auch. Für Bildungsstadträtin Monika Herrmann (Grüne) zählt das nicht. Sie bevorzugte zunächst einen Mitbewerber der Evangelischen Schulstiftung, das türkische Bildungsinstitut Tüdesb.

Bewerbungsfrist endet am 23. Oktober

Das Institut wollte an der Bergmannstraße ein türkisches Gymnasium und eine Realschule eröffnen. Damit könne der Wegzug der türkischen Mittelschicht gestoppt werden. Ruckelshauß hält das für einen Vorwand. "Eine türkische Europaschule gibt es direkt um die Ecke schon", sagt er. Er glaubt an einen "Kulturkampf". Protestanten gegen Muslime. Jetzt entschied der Bezirk nach langem Hin und Her, das Gebäude wegen steigender Schülerzahlen nur an eine Grundschule zu vergeben. Bis 23. Oktober können sich Interessenten bewerben. Aufatmen bei den Eltern der evangelischen Grundschule. Denn die Ausschreibung sei praktisch auf ihr Konzept zugeschnitten. Sie dachten, sie hätten es geschafft. Doch schon ein paar Tage später kam die Enttäuschung. Der Mitbewerber Tüdesb blieb im Rennen. Man sei dazu aufgefordert worden, ein Konzept einzureichen, hieß es.

So einen Kampf um eine Schulgründung hat Annerose Steinke von der Evangelischen Schulstiftung noch nicht erlebt. Sie betreut in Berlin immerhin 26 Schulen.

"Wenn wir in einem anderen Bezirk wären, gäbe es unsere Schule schon längst", sagt Gottert ein bisschen bitter. Er steht mit Ruckelshauß vor dem denkmalgeschützten Gebäude in der Bergmannstraße, das sie so gern hätten. Der Hof ist ein bisschen verwildert, die Räume müssen renoviert werden. "Alles kein Problem", sagt er. Doch selbst wenn die Evangelische Schulstiftung jetzt den Zuschlag erhält, wird Gottert mit seinem Sohn Finn quer durch die Stadt fahren müssen. "Für uns ist es zu spät", sagt er. "Finn kommt schon dieses Jahr in die Schule." Gottert hat sich für die private Kant-Schule in Steglitz entschieden. Die evangelische Schule Kreuzberg unterstützt er trotzdem weiter. "Ich will wenigstens diesen Wegzug aus Kreuzberg stoppen", sagt er. "Jedes Jahr ziehen Freunde von uns weg, wenn ihre Kinder zur Schule müssen."

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