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30.04.08

Walpurgisnacht

Die Berliner Hexen-Experten

Walpurgisnacht ist die Nacht der Rituale, der Hexen, des wilden Tanzes. Wenn in Prenzlauer Berg und Friedrichshain zumindest die Grillfeuer angezündet werden, sind auf dem Brocken die Hexen los. Viel Alkohol, ein bisschen Ballermann im Harz. Doch wie zeigt sich der Kult in Berlin?

© akg
Walpurgisnacht nach Michael Herz

2. Berlin: Die Wicca-Hexe

Eine, die diese Frage beantworten kann, nennt sich Kauna; ihr Nom de Guerre in der Hexenwelt. Die 43-jährige Norwegerin ist Hohepriesterin des Wicca, das sie seit 18 Jahren praktiziert. Sie leitet einen Coven, was ein Hexenzirkel ist, und lehrt Magie. Von den Gästen des schicken Charlottenburger Cafés, wo sie an diesem Aprilabend sitzt, hebt sie nur eines heraus: Ihr rückenlanges Haar, der Lidstrich, die körperbetonte Kleidung, die Schuhe – alles ist schwarz. Der Kellner stellt freundlich den Weißwein auf den Tisch.


Ungefähr 800 Wicca gibt es in Deutschland. "Ernst zu nehmende Hexen, nicht solche, die sich einmal im Jahr auf dem Brocken betrinken", sagt sie. Der Wicca-Glaube, der nach Gardners Tod verschiedene Richtungen entwickelte, hat keine verbindlichen Schriften oder Organisationen. Über den Ablauf der magischen Rituale entscheidet also jeder Coven selbst. Hexenzirkel können Männer und Frauen und nicht mehr als 13 Mitglieder umfassen. Außerdem gibt es so genannte freifliegende Hexen, die keinem Coven angehören. Wicca feiern acht Jahresfeste, von denen eines die Walpurgisnacht, Beltane genannt, das Fruchtbarkeitsfest ist. Sie glauben an Göttin und Gott, deren Wesen sich im Kreislauf der Natur zeigen. Göttlichkeit hat dabei keine konkrete Form, deshalb halten Wicca keine anderen Religionen für falsch.

"Die Rituale sind natürlich keine Orgien", betont Kauna. Sie müssen nicht nackt stattfinden, und auch Sex ist "die Ausnahme". Der ist zwar wirkungsvoll, da viel Energie im Spiel ist, aber gängig ist das Nachstellen mittels eines Stabes, den man in einen Kelch steckt. Was im Gegensatz zu Gardner züchtig klingt, ist aus Hexensicht auch sinnvoll. Denn wie Kauna meint: "Es gehört Übung dazu, sich im Bett auf den neuen Traumjob zu konzentrieren." Rituale für kleine Dinge, wie Erfolg im Beruf oder in persönlichen Anliegen, sind Routine für Hexen.

Und wie funktioniert es nun, das Hexen-Einmaleins? Magie sei nichts Besonderes, sagt Kauna - "zehn Prozent ist Talent, der Rest ist Handwerk", und erläutert es so: Der menschliche Geist kann Veränderungen herbeiführen. Bei einem Ritual wird der Wille, und damit die Energie, auf ein Ziel gelenkt. Und da es jeden Augenblick viele Möglichkeiten für das gibt, was passiert, kann der Wille beeinflussen, welche Möglichkeit am Ende eintritt. Wie genau die Magie in den Lauf der Dinge eingreift, kann Kauna nicht erklären. "Magie ist schließlich noch keine Wissenschaft, aber in vier von fünf Fällen funktioniert es".

"In England ist Hexe-Sein nichts Außergewöhnliches", meint Kauna. In den USA sind sie sogar als Religionsgemeinschaft anerkannt. In Deutschland dagegen fehle dafür oft noch das Verständnis. "Es gibt immer noch viel Misstrauen." Die meisten Wicca praktizieren deshalb im Verborgenen, Freunde und Familie sind nicht immer eingeweiht.

3. Berlin: Der Hexenexperte im Kirchendienst

Matthias Pöhlmann von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin beschäftigt sich seit Jahren mit den neuen Hexen. Was ist sein Eindruck, sind sie eine Art neue Religion oder eher die bösen alten Frauen in neuem Gewand? "Nein, mit schwarzer Magie oder gar Satanismus haben die Wicca nichts zu tun", sagt Pöhlmann. Er kritisiert vielmehr die in der Esoterik popularisierte Hexerei. "Das ist oft eine Art kosmischer Bestellservice, ein Wünsch-Dir-Was mittels Magie. Das Ich steht dabei im Zentrum." Deshalb zählt er Wicca zur wachsenden Bewegung einer neuen, "säkularisierten Religiosität". Die treffe in Zeiten der Individualisierung und des Hedonismus einen Nerv.

Ein Beispiel sei der Leitspruch der Hexenbewegung: "Tue was du möchtest, solange es niemandem schadet." Das kommt gut an heutzutage. "Man kann sich rauspicken, was einem ins Leben passt", sagt Pöhlmann, "und da es kaum Verbindliches gibt, ist für jeden etwas dabei." Glauben nach dem Patchwork-Prinzip sei das.

Die okkult-magischen Weltsicht ist für ihn der problematischste Punkt. "Die kann zu einem Abtauchen in eine Parallelrealität führen. Es ist oft eine Flucht vor der Komplexität der modernen Gesellschaft, der man etwas entgegen setzen will." Auf diesem Bedürfnis fußt seiner Meinung nach auch der kommerzielle Erfolg von Hexenthemen im Esoterikbereich, der weit über den kleinen Kreis der organisierten Wicca-Szene hinausgeht. Wie viele Menschen in Deutschland sich der Esoterik verschrieben haben, steht in keiner Statistik. Aber die Buchbranche zeigt: Der Andrang auf den Jahrmarkt der Spiritualitäten ist groß.

4. Berlin: Der Verleger

Der Berliner Allegria Verlag, der zur Ullstein Gruppe gehört, ist einer der Anbieter auf diesem Markt. Michael Görden, Leiter von Allegria, spricht erfreut von "enormen Zuwachsraten" im Bereich der Esoterikliteratur. Insgesamt werden im deutschen Buchhandel mit spirituellen Themen jährlich rund 200 Millionen Euro umgesetzt. Auch Bücher für Hexen, die ihr Zauberwissen vertiefen wollen, verlegt er. Laut Görden ist das "zwar nur eine Nischenszene", aber eine "seriöse Hexe" wie die amerikanische Autorin Silver Raven Wolf erscheint bei ihm mit einer Auflage von 200.000. In Amerika sind ihre Bücher Bestseller, darunter Titel wie "Liebeszauber und magische Rituale für kesse Junghexen", "Geldzauber" oder "Magie und Macht ".Görden legt Wert darauf, dass der Verlag nicht Bücher "irgendwelcher Kristallkugelschauer" anbietet, sondern "Themen auf einem gewissen Niveau".

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