Berlin-Kreuzberg

Zwangsräumung des Szeneladens M99 wieder abgesagt

Die für Donnerstag geplante Zwangsräumung des Kreuzberger Szeneladens ist ausgesetzt. Ein medizinisches Gutachten muss geprüft werden.

Der Kult-Laden M99 in Kreuzberg

Der Kult-Laden M99 in Kreuzberg

Foto: dpa/Jörg Carstensen

Die nördliche Manteuffelstraße im Kreuzberger SO-36-Kiez am Mittwoch. Menschen unterschiedlichster Herkunft, die sich in ihren Heimatsprachen unterhalten, bevölkern den Gehweg. Einige haben Zeit für einen Kaffee vor den zahllosen kleinen Läden, vom nahen Spielplatz sind lachende, tobende Kinder zu hören. Vor und in dem Laden für "Gemischtwaren mit Revolutionsbedarf" an der Ecke Waldemar­straße geht es geschäftig zu. Zwei offen stehende Container werden von Helfern beladen, als am Mittag die überraschende Nachricht eintrifft, die sich in Windeseile verbreitet. Die für Donnerstagmorgen angekündigte Räumung des "M99" ist vom Landgericht Berlin ausgesetzt worden.

"Noch mal gut gegangen, H. G., erst mal", ruft eine Nachbarin in den Laden hinein. Alle im Kiez nennen Hans Georg Lindenau nur H. G. Der 57-Jährige sitzt nahe der Eingangstür in seinem Rollstuhl, wirkt trotz der für ihn positiven Nachricht sichtlich angespannt. Er weist einen Helfer an, einige Päckchen fair gehandelten Kaffees in der Schaufensterauslage zu platzieren. Ja, er sei froh und überrascht über die Wendung in letzter Minute. Nein, die Probleme seien damit längst nicht gelöst, sagt er schließlich.

Erst am Dienstag hatte ein Amtsgericht einen Aufschub der Räumung seiner seit drei Jahrzehnten angemieteten Geschäftsräume abgelehnt. Nun entschied das Landgericht, dass "ein Gutachten eines Facharztes für Neurologie und/oder Psychiatrie eingeholt" werden müsse. Grund: die Behauptung Lindenaus, vom Gericht Schuldner genannt, die beabsichtigte Räumung sei für ihn mit einer erheblichen Gefahr für Leib und Leben verbunden, "da eine ernsthafte suizidale Handlung (...) drohe", wie es in dem Beschluss weiter heißt, der der Berliner Morgenpost vorliegt. Der Anwalt des Hauseigentümers, Cornelius Ernst Wollmann, bestätigte auf Anfrage den Beschluss des Landgerichts, wollte sich zu dessen Inhalt jedoch nicht äußern.

Noch am Vormittag hatten Polizisten an einer dem Laden nahe gelegenen Kreuzung etliche Absperrgitter von einem Lkw entladen. Zur Vorbereitung für eine Demonstrationen gegen die Zwangsräumung, für die nach Polizeiangaben 1200 Teilnehmer angemeldet waren. Vorher sollte von 18 Uhr an vor dem "M99" eine Mahnwache gegen die Räumung mit 300 Räumungsgegnern stattfinden. In linken Internetforen war außerdem mehrfach zu einer Blockade aufgerufen worden, sollte die zuständige Gerichtsvollzieherin die Räumung durchsetzen. Die Polizei bestätigte, dass sie zum angesetzten Termin des Vollzugs um Amtshilfe gebeten worden war. Der Behörde bleibt nun ein damit verbundener Großeinsatz von Einsatzkräften zumindest vorerst erspart.

Ersatzbleibe kann erst im Mai bezogen werden

Der Laden, in dem vor allem politische Bücher, zudem Bekleidung, Zelte, Rucksäcke oder Postkarten angeboten werden, sollte schon mehrfach zwangsweise geräumt werden, zuletzt im August. Doch dem Inhaber Lindenau wurde – nicht zuletzt wegen seines Gesundheitszustands – ein Aufschub eingeräumt. Danach war er vier Tage lang in sozial-psychiatrischer Betreuung in einer Klink. Die Atempause habe ihm gutgetan, seinen Akku aufgeladen, berichtet ein Freund. Die über dem skurril anmutenden Szenegeschäft gelegene Wohnung hatte der 57-Jährige bereits vor längerer Zeit geräumt.

Einer Kiezinitiative war es dann gelungen, H. G. eine echte Perspektive zu bieten. Für ein Ladengeschäft mit Wohnräumen an der Falckensteinstraße 46, dessen Eigentümer eine soziale Stiftung ist, liegt bereits ein Mietvertrag vor. Der Haken: Der Einzug dort ist frühestens zum 2. Mai des kommenden Jahres möglich. Ob das gerichtlich angeforderte Gutachten H. G. über die fehlenden Monate hilft, ist fraglich.

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