Einsatz in Kreuzberg Wie die Polizei nachts am Kottbusser Tor Kriminelle jagt

Zivilpolizisten bei einer Festnahme am Kottbusser Tor

Foto: Steffen Pletl

Zivilpolizisten bei einer Festnahme am Kottbusser Tor

Dealer, Räuber, Diebe: Die Zahl der Straftaten in Kreuzberg steigt stark. Unser Reporter war nachts mit Einsatzkräften unterwegs.

Es geht alles sehr schnell: Über Funk teilt eine Polizistin mit, dass ein Mann mit roter Mütze und roten Turnschuhen sowie ein Komplize eine junge Frau auffällig beobachten und ihr zum Bahnsteig der U-Bahn folgen. Kaum hat diese Meldung den Einsatzleiter erreicht, kommen die beiden auch schon wieder aus dem U-Bahnschacht hinaufgestürmt. Und noch bevor sie in einem der schmalen, schlecht beleuchteten Hausdurchgänge verschwinden können, sind sie festgenommen.

Es ist 23.40 Uhr an einem ganz normalen Abend an einem der Kriminalitätsschwerpunkte der Stadt, dem Kottbusser Tor in Kreuzberg. Die Polizistin heißt Peggy, sie ist 26 Jahre alt und trägt unter ihrem Anorak eine Schutzweste. Wie die anderen Beamten auch will sie als Zivilpolizistin ihren Nachnamen nicht nennen – aus Sicherheitsgründen. Mit ihren Kollegen vom Polizeiabschnitt 53 an der Friedrichstraße ist sie auf Streife. Denn rund um den Platz kommt es in letzter Zeit zu immer schwereren Gewalttaten.

Die Täter zücken auch mal ein Messer

Die Zahl der Taschendiebstähle hat sich im vergangenen Jahr mit 775 mehr als verdoppelt. Und die Täter werden immer aggressiver. "Nicht selten ziehen die Taschendiebe ein Messer und bedrohen ihr Gegenüber, wenn sie ertappt wurden", sagt Dirk, der Einsatzleiter. Raubtaten stiegen gegenüber dem Jahr 2014 von 52 auf 80 an, die Fälle von Körperverletzung nahmen von 49 auf 68 zu. Das Kottbusser Tor war schon immer ein Brennpunkt, aber in letzter Zeit hat sich die Situation verschärft.

Die Gegend bietet schon rein baulich gute Bedingungen für Taschendiebe, Dealer und Anschlepper. Im Schutz der Dunkelheit verabreden sie sich hier in Durchgängen, mustern ihre Opfer, hängen sich an ihre Fersen und bestehlen sie. Dabei kommt es auch immer wieder zu Handgreiflichkeiten. Ein derzeit im Netz kursierendes Video zeigt, wie im Schutz der Dunkelheit mehrere Personen auf einen Mann einprügeln. Offenbar handelt es sich um eine Tat mit homophobem Hintergrund. "Wir kennen das Video und ermitteln", sagt die Polizei. Haben die Täter ihr Ziel erreicht, ziehen sie sich blitzschnell in einen der dunklen Durchgänge zwischen den Häuserblocks zurück.

>>>Neue Zahlen: Kriminalität am Kottbusser Tor steigt<<<

Die Zivilpolizisten, die an diesem Abend Streife laufen, haben sich vorher abgestimmt. Bei einer kurzen Lagebesprechung um 19 Uhr wurde jedem eine konkrete Aufgabe zugewiesen. Den Platz, auf und unter dem sich die U-Bahnlinien U1 und U8 kreuzen, haben sie in zwei Zonen aufgeteilt. Trennlinie ist die Hochbahn der U1. Der südliche Teil – in Richtung Hermannplatz – ist der ruhigere. Dort gibt es nicht die zahllosen Nischen zwischen den Häusern wie auf der nördlichen Seite.

Eine Rolle spielte auch der Spielplatz der Kita am "Dresdener Sack", so der Einsatzleiter der elfköpfigen Gruppe. Er habe als Ort der Beuteübergabe an Komplizen gedient. "Das Tor zum Spielplatz ist seit ein paar Wochen allabendlich abgeschlossen", sagt Dirk. Jetzt seien die Täter gezwungen, ihre "Ware" an anderer Stelle weiterzugeben. "Das passiert dann vor allem in den angrenzenden Cafés." Erschwerend ist für die Beamten, dass viele Autofahrer die kleine Sackgasse zuparken, die den Oranienplatz mit dem Kottbusser Tor verbindet. Eine Verfolgung der Kriminellen wird so oft behindert.

Geschäftsleute haben ein Plakat für ihren "Kotti" entworfen

Die Kriminalitätsentwicklung am Kottbusser Tor beschäftigt nicht nur die Polizei, sondern auch die dort ansässigen Geschäftsleute. Sie haben sich zusammengetan, um etwas für die Sicherheit auf dem Platz zu tun. "Immer Freitags treffen wir uns und tauschen unsere Erfahrungen aus", sagt Geschäftsmann Ulas. Und auch der Kontakt zur Polizei hat sich wesentlich verbessert – man redet miteinander und teilt die Erfahrungen.

Zudem haben die Geschäftsleute ein Plakat entworfen, das nun an den Schaufenstern klebt. "Mach meinen Kotti nicht an", steht da drauf. Entsprechend verteidigt Ulas das Kottbusser Tor: "Viele, die hier dealen, aber auch stehlen, brauchten eigentlich eine soziale Betreuung, ihnen fehlt es oftmals an einer Perspektive", sagt er. Der "Kotti", wie viele das Kottbusser Tor nennen, ist für ihn nach wie vor ein "super Platz".

Doch die Szene ist im Umbruch. Die Beamten beobachten, dass "seit etwas mehr als einem Jahr Tschetschenen als Dealer auftauchen". Zu Revierkämpfen mit den marktbeherrschenden arabischstämmigen Männern und den Kaukasiern sei es zwar noch nicht gekommen. Doch es scheint, als sei das nur eine Frage der Zeit.

90 Drogenhändler wurden nach Polizeiangaben im vergangenen Jahr rund um das Kottbusser Tor gefasst – im Jahr davor waren es nur 35. Außerdem wurden 252 Männer und Frauen aktenkundig, die Rauschgift kauften oder bei sich hatten. Was die Nationalität der Taschendiebe betrifft, so weist die Statistik einen Anstieg von Tätern aus Nordafrika auf. 2015 haben die Frauen und Männer der zivilen Einsatzgruppe zur Kriminalitätsbekämpfung des Abschnitts 53 insgesamt 236 Strafanzeigen geschrieben, die letztlich zu 140 Festnahmen geführt haben.

Portemonnaie und Handy haben in der Gesäßtasche nichts verloren

Wer entlang der Partymeile zwischen Warschauer Straße und Kottbusser Tor unterwegs ist, sollte sich deshalb genau überlegen, welche Papiere und wie viel Bargeld er mit sich führt. Die Polizei empfiehlt, nicht alle Bank- und Kreditkarten ständig dabei zu haben. Handtaschen sollten nicht in Fahrradkörbe gelegt werden. Sonst könnten Diebe blitzschnell in den Korb greifen, die Tasche herausreißen und verschwinden.

Männer sollten die Brieftasche oder auch ihr Handy nicht in der Gesäßtasche der Hose tragen. Im Gedränge beispielsweise in einer Warteschlange vor einem Geldautomaten oder auch vor einem der zahllosen Clubs sehen Taschendiebe eine günstige Gelegenheit. Die Wertsachen sollten daher immer in den Innentaschen von Jacken getragen werden. Reißverschlüsse an Rucksäcken sollten zudem nicht mittig verschlossen werden. Denn sie können sonst leicht geöffnet werden.

Am Ende der Festnahme durch die Polizistin Peggy und ihre Kollegen liegen die mutmaßlichen Diebe auf dem Boden. Schaulustige stehen um sie herum und beschimpfen die Beamten. Aber die kennen das schon und ignorieren es. Stattdessen nehmen sie die Personalien der Männer auf und stellen das Diebesgut sicher. Einer ist 22 Jahre alt, der andere 20. Gegen einen liegt bereits ein Haftbefehl vor. Beide werden die kommende Nacht in der Gefangenensammelstelle verbringen. Währenddessen wird ihr Opfer, eine 31 Jahre alte Frau, wahrscheinlich eine unruhige Nacht durchleben. Die Diebe hatten der Frau ihre Geldbörse mit allen Papieren unbemerkt aus der Tasche gezogen.

"Wir haben die Frau auf dem U-Bahnsteig nicht mehr erreicht. Doch ich freue mich schon jetzt, wenn wir ihr mitteilen, dass ihre Papiere samt Geldbörse auf der Dienststelle liegen", sagt Einsatzleiter Dirk.

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