Urbane Mitte

Am Gleisdreieck sollen die Anwohner mitplanen

Gewerbe, Büros, Kultur und Gastronomie - Der Eigentümer sucht im Werkstattverfahren mit Anwohnern und Interessengruppen Vorschläge für die letzte große Brache im Areal des neuen Berliner Parks.

Foto: Amin Akhtar

Es ist Berlins jüngste Grünanlage: der Park am Gleisdreieck in Kreuzberg. Auf 26 Hektar einstigem Bahngelände breiten sich weitläufige Wiesen, lange Wege, Spiel- und Bolzplätze aus. Im vergangenen Jahr wurde der Park fertig. Jetzt wachsen auch die Bauten am Rand. Das Luxuswohnprojekt Flottwell Living mit elf Stadtvillen soll im Sommer 2015 fertig sein, das neue Quartier der Genossenschaft Möckernkiez mit rund 460 Wohnungen 2016. Der umstrittene neue Hellweg-Baumarkt am südwestlichen Parkrand ist längst eröffnet. Nun soll die letzte große Brache am Park bebaut werden.

Es ist ein 40.000 Quadratmeter großes Grundstück südlich des Debis-Parkhauses, am U-Bahnhof Gleisdreieck und neben der Trasse der künftigen S-Bahnlinie S21. Wegen des Bahnlärms ist es nicht geeignet für Wohnungen, Gewerbe, Büros, kulturelle Nutzung und Gastronomie kommen infrage.

Keine Wohnungen, kein Park

Doch was gebaut wird und wer einziehen soll, hat der Eigentümer noch nicht entschieden. Er will sich Zeit lassen und hören, welche Vorschläge Anwohner, Parknutzer, Kreative, Künstler und Fachleute haben. Ein ungewöhnliches Vorgehen, das aber mit der Bezirkspolitik abgestimmt ist.

"Wir wollen die Leute dabei mitnehmen", sagte Hans Panhoff (Grüne), Baustadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg, bei der Vorstellung des Projekts im Stadtentwicklungsausschuss der Bezirksverordnetenversammlung (BVV). Diese Offenheit passt gut zu dem Park, an dem die Neubauten entstehen sollen: Schon die zwischen 2008 und 2013 geschaffene Grünanlage selbst wurde mit intensiver Bürgerbeteiligung gestaltet.

Panhoff sagte auch, was nicht geht am Gleisdreieck: "Es wird keine Parkplanung an diesem Ort geben. Dort wird gebaut." Das Vorhaben heißt "Urbane Mitte". Der Name wurde in den 90er-Jahren festgelegt. Die Fläche könnte sogar sehr dicht bebaut werden. Das zumindest erlaubt der Rahmenvertrag, der noch unter Stadtentwicklungssenator Peter Strieder (SPD) vereinbart wurde. Rund 150.000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche sind möglich.

Finden, was funktioniert

Doch das wollen weder die Bezirkspolitiker noch der Eigentümer. "Wenn das Projekt besser wird, darf es auch weniger sein", sagte Markus Vogel, Geschäftsführer der Beratungsgesellschaft Dr. Markus Vogel GmbH. Seiner Firma und der Copro Projektentwicklung gehört das Grundstück in Kreuzberg.

Alte, einsturzgefährdete Baracken stehen auf der Fläche, die durch Wege zum Park unterbrochen werden soll und somit aus drei kleineren Arealen besteht. Der Boden ist mit Betonplatten versiegelt. Üblich sei, dass der Eigentümer einen Vorschlag zum Areal vorlege, sagte Vogel. "Doch bei dem Grundstück sind wir uns nicht sicher, was da stattfinden soll." Man wolle etwas finden, das an dem Standort funktionieren könnte. "Deshalb machen wir ein Werkstattverfahren."

Ergebnis dieses Verfahrens solle ein Beschluss für die Aufstellung eines Bebauungsplans sein und ein städtebaulicher Ideenwettbewerb. Also werden nicht Architekten die ersten Vorschläge machen, sondern Experten und interessierte Laien. Drei Fachkolloquien und drei Bürgerdialoge sind in den kommenden Monaten geplant, die jeweils abwechselnd stattfinden. Sie tagen im November, im Dezember sowie im Januar und im Februar 2015.

Fachgespräche und Bürgerdialoge

Die Anregungen der Teilnehmer werden von zwei Stadtplanern aufgenommen, zusammengefasst und beim jeweils nächsten Treffen vorgestellt. Die Experten für die Fachgespräche habe man mit dem Bezirksamt ausgesucht, sagte Vogel. Auch Bezirkspolitiker und der Parkbetreiber, die Grün Berlin GmbH, sind dazu eingeladen, außerdem der Gleisdreieck-Blog und aktive Nutzergruppen aus dem Park, Vertreter der Industrie- und Handelskammer und der Wirtschaftsförderung. Auch das Technikmuseum ist dabei.

Die drei Bürgerdialoge sind für jedermann offen. Der erste wird am 25. November stattfinden. Eine Vielzahl von Vorschlägen wird erwartet. "Das ist für einen Projektentwickler unglaublich wichtig", sagte Vogel. Denn so wolle er nicht verfahren: Im stillen Kämmerlein Bilder entwerfen, sie dann der Öffentlichkeit vorstellen und erwarten, dass es Beifall gibt. "Ein tolles Stück Architektur soll entstehen, und der Park dadurch besser werden", sagt der Unternehmensberater. "Weil wir dort auch Angebote unterbringen wollen, die noch fehlen."

Welche das sind? "Das wollen wir zusammen herausbekommen." Es sei eine Erfahrung, die er von holländischen Projektentwicklern übernommen habe, erzählte Vogel. "Für die ist es gang und gäbe, bevor sie sich eigene Gedanken machen, sich mit allen Interessierten zusammenzusetzen und zu fragen: Habt ihr eine Idee?" Ein Konzept für die neuen Gebäude am Gleisdreieck, das weitgehend Konsens findet, soll bis März 2015 formuliert sein. Im Sommer 2015 könnte ein städtebaulicher Wettbewerb beginnen, im Dezember das Bebauungsplanverfahren zusammen mit dem Bezirksamt.

Gute Verkehrsverbindung

Das angekündigte Vorgehen findet Zustimmung auch von Kritikern einer dichten Bebauung. Das Werkstattverfahren sei sehr zu begrüßen, sagte Carsten Joost, Bürgerdeputierter der Piraten-Partei in der BVV und Begründer der Initiative "Mediaspree versenken".

Die Höhe der Neubauten ist nach Auskunft von Markus Vogel noch offen, sie werden aber auf jeden Fall mehr als zwei Geschosse haben. Zum Investitionsvolumen könne er ebenfalls noch nichts sagen. "Das ist noch so weit weg." Die Bruttogeschossfläche solle mindestens 100.000 Quadratmeter betragen. Von großer Bedeutung werde die Nähe zum U-Bahnhof Gleisdreieck sein. Es sei eines der am besten angebundenen Gewerbegrundstücke in Berlin, sagte Vogel. Deshalb habe auch der Senat angefragt, ob dort die Zentral- und Landesbibliothek einziehen könne. "Das fanden wir interessant, aber wir haben es abgelehnt." Es gebe die Vorstellung, das Gelände gewerblich und künstlerisch zu nutzen, mit Galerien und Start-up-Firmen, so Vogel. "Es gibt immer eine Lösung, mit der fast alle zufrieden sind." Und die wolle man nun gemeinsam finden.

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