Tourismus

Bezirk will keine neuen Hotels in Kreuzberg

Die steigenden Tourismuszahlen erfreuen nicht alle Berliner. Die Grünen wollen in Kreuzberg Wohngebiete besser schützen und dort keine neuen Hotels mehr zulassen. Auch Hostels sind davon betroffen.

Foto: David Heerde

Der Berlin-Tourismus reißt Jahr für Jahr neue Rekordmarken. Nach 25 Millionen Übernachtungen im Vorjahr erwartet der Senat 2013 26,5 Millionen. Um durchschnittlich zehn Prozent stieg die Zahl an Gästen und Übernachtungen allein im August gegenüber dem Vorjahresmonat.

Allerdings: Gerade in den am meisten besuchten Innenstadtbezirken rufen solche Meldungen nicht nur Begeisterung hervor. In der Bezirksverordneten-Versammlung (BVV) von Friedrichshain-Kreuzberg wurde am Mittwoch ein Antrag der Grünen behandelt, mit dessen Hilfe dem von der Fraktion beklagten "Betten-Wildwuchs" entgegengewirkt werden soll.

Verlust von Attraktivität

In der Kritik stehen vor allem die "Schattenseiten des Dumping-Tourismus", formulierte es der grüne Bezirksstadtrat für Stadtentwicklung, Hans Panhoff. Ganze Kieze veränderten ihr Gesicht, wenn sich Billighotels und Hostels gleich reihenweise ansiedelten, sagte Julian Schwarze, Vorsitzender des bezirklichen Wirtschaftsausschusses. Souvenirläden statt klassischer Einzelhandel, Gastronomieangebote vor allem für Besucher aus In- und Ausland. Zu Lärm und Müll komme der Verkehr durch Reisebusse, Gäste-Pkw und den Lieferbetrieb.

Die Grünen fordern deshalb, in allgemeinen Wohngebieten solle "die Genehmigung von Beherbergungsbetrieben in Zukunft komplett unterbunden werden. Ausnahmen werden nicht mehr gemacht." Selbst in Gewerbe- und Mischgebieten sollen Hotelansiedlungen nur noch möglich sein, wenn es nicht zu erheblichen Belastungen für die Nachbarn komme. Nicht zuletzt deshalb, so heißt es in der Begründung, "weil sonst bald keine Kieze mehr übrig sind, welche die Attraktivität Berlins erst begründen und so viele Besucher anziehen."

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Die Mittel des Bezirks, um dieses Ansinnen umzusetzen, sieht Stadtrat Panhoff allerdings als unzureichend an. Im Rahmen der Bauverordnung sei ein Hotelbetrieb schwer zu verhindern, bestätigt auch die Senatsstadtentwicklungsverwaltung. Die Grünen in Friedrichshain-Kreuzberg fordern deshalb vom Land einen Hotelentwicklungsplan als übergeordnetes Steuerungsinstrument, wie es das beispielsweise schon für Einkaufszentren gibt. "Wir wollen nicht in die Gewerbefreiheit eingreifen", sagte Panhoff. "Aber es kann nicht sinnvoll, etwas zuzulassen, was dann permanente strukturelle Probleme mit sich bringt."

Bei der CDU im Bezirk ist man eher skeptisch, was die Zielsetzung angeht. "Mit dem Antrag soll der Bau von Hotels verhindert werden, ohne dass sie das ausdrücklich dort reinschreiben", sagte der Unions-Fraktionschef in der BVV, Götz Müller. Überrascht zeigte sich am Mittwoch auch Tourist Dirk Böttcher. Er finde gerade die Mischung von Wohnen und Hotels gut, so der Besucher aus Frankfurt am Main. Warum sich Anwohner dadurch gestört fühlen könnten, versteht er nicht so recht.

Auch in der Wirtschaftssenatsverwaltung hat man für den Vorstoß wenig Verständnis. Die Eröffnung neuer Hotels in Berlin werde grundsätzlich begrüßt, sagte die Sprecherin von Senatorin Cornelia Yzer (CDU), Petra Diroll. "Investitionen für unsere Stadt sind gut. Sie schaffen Arbeitsplätze und Einkommen." Das große Hotelangebot führe zu kostengünstigen Preisen. Zu den aktuell 793 Hotels mit 132.000 Betten sollen laut Diroll in den nächsten Monaten 40 neue Herbergen mit rund 21.100 Betten hinzukommen.

Überforderung vermeiden

Im übrigen, so Diroll, seien 88 Prozent der Berliner stolz auf die Zahl der Berlinbesucher und fühlten sich auch nicht eingeschränkt oder gestört. Das habe eine Umfrage von Visit Berlin in diesem Jahr ergeben. Bei Berlins Vermarktungsorganisation allerdings hat man für das Anliegen Friedrichshain-Kreuzbergs durchaus Verständnis. Gut in Erinnerung ist Geschäftsführer Burkhard Kieker die Aktion einiger Protestler aus dem Bezirk, die vor zwei Jahren mit touristenfeindlichen Aufklebern für Furore sorgten.

"Das größte Pfund, mit dem wir wuchern können, ist, dass wir authentisch sind", sagte der Tourismusexperte. "Eine zu große Überforderung der Bevölkerung sollten wir vermeiden, aber nicht durch den erhobenen Finger und Verbote, sondern durch kluge Steuerung." Ähnlich sieht es Beate Ernst, Vorsitzende des Vereins "Wir Berlin" unter dem Dach der Stiftung Zukunft Berlin. "Des einen Freud", so Ernst, "ist des anderen Leid. Es gibt hier Interessenkonflikte."

Ein gesamtstädtisches Konzept für die Lenkung der Touristenströme sei deshalb wünschenswert. Grundsätzlich gegen einen Hotelentwicklungsplan ist auch Willy Weiland vom Hotel- und Gaststättenverband nicht. Vordringlich findet er das Problem aber nicht. "Besser ist doch ein Hotel, das ich kontrollieren kann, als 50 Ferienwohnungen", so Weiland. Wichtig sei deshalb eine schnelle Verabschiedung des geplanten Gesetzes zur Eindämmung der Ferienwohnungen.

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