18.07.13

Alles im Fluss

Hostel-Schiffe bieten Zeltplatz mitten auf der Spree

Die Hostel-Schiffe "Eastern Comfort" und "Western Comfort" beherbergen internationale Gäste. Im Sommer sind die 130 Schlafplätze an Bord fast immer ausgebucht. Wer will, kann auch an Deck zelten.

Von Franziska Birnbach
Foto: JOERG KRAUTHOEFER

Zelten auf dem Wasser: Alessandro Fiori und Dhanha Bacigalupo aus Italien an Deck der „Eastern Comfort“
Zelten auf dem Wasser: Alessandro Fiori und Dhanha Bacigalupo aus Italien an Deck der "Eastern Comfort"

Angezogen von den gefühlt zehn Clubs pro Quadratmeter, schlendern Trauben von jungen Touristen in der Abendsonne an der East Side Gallery und Oberbaumbrücke entlang. Am Ost-Ufer liegt die "Eastern Comfort" ruhig in der Spree.

Vorbeifahrende Boote, auf denen kleine Gruppen ausgelassen Richtung Sonnenuntergang fahren, lassen das Hostel-Schiff nur sanft schaukeln. Auf dem Oberdeck genießen Gäste bei einem Bier das Hauptstadt-Panorama. Edgar Schmitt von Groeling, Besitzer der "Eastern Comfort", sitzt an einem der kleinen Holztische an der Seite des Schiffs. Der 50-Jährige hat in den letzten 16 Jahren viel Erfahrung auf dem Wasser gesammelt. Angefangen mit einem kleinen Hausboot auf dem Flutgraben im Tiergarten, betreibt er seit 2005 das schwimmende Hostel.

Es hatte eine Weile gedauert das passende Schiff zu finden. "Für unsere Brücken ist das Schiff viel zu hoch. Bei dem Transport von Wilhelmshaven mussten wir das obere Deck komplett abschneiden und hier wieder aufbauen", sagt Schmitt von Groeling. Mittlerweile ist sogar noch ein zweites Schiff dazu gekommen. Die etwas kleinere "Western Comfort" liegt direkt nebenan.

Zwei Vorbesitzer sind bankrott gegangen

Ursprünglich lag sie auf der anderen Seite des Ufers. Zwischen den beiden Schiffen fuhr ein kleines hosteleigenes Rettungsboot um Dinge zu transportieren. "Als ich das Schiff von dort entfernen musste, war ein bisschen meine Idee ,East meets West' zerstört. Aber so ist das halt manchmal", sagt Schmitt von Groeling. Überhaupt scheint der Mann mit Schiebermütze und weißer Jeansjacke für die hart umkämpfte Hotel-Branche relativ abgebrüht. Bereits zwei Besitzer seien mit dem Schiff bankrott gegangen, weil es sehr klein ist und die Ausgaben vergleichsweise hoch. Maximal 130 Personen können auf dem Schiff übernachten, die optimale Belegung liegt allerdings bei lediglich 80 Personen. Im Sommer ist das Schiff fast immer ausgebucht, während der Wintermonate wird es leerer.

Für die Instandhaltung der Schiffe sorgt Schmitt von Groeling selbst. "Es gibt eigentlich ständig was zu tun. Allein die Reling streiche ich zweimal im Jahr", erklärt er. Als Architekt und gelernter Tischler kennt er sich mit Materialien und Reparaturen gut aus – das spart eine Menge Geld. Die Zimmer auf der "Eastern Comfort" sind in ihrer Ausstattung sehr unterschiedlich. Kabinen der ersten Klasse sehen aus wie normale Hotelzimmer.

Schiffs-Flair durch runde Fensterluken

Die Spreeseite bietet einen fantastischen Blick auf das Wasser, die Landseite Blick auf die Mauer. "Bei Touristen sind diese Kabinen sehr beliebt, Deutsche mögen das Mauerpanorama eher nicht so", erklärt Kirsten Handke, die Geschäftsführerin des Hostels. Die Zimmer auf dem unteren Deck haben durch die runden Fensterluken etwas mehr Schiffs-Flair. Doch nicht jeder Gast muss in einem Zimmer schlafen – es gibt auch Zeltplätze auf dem Oberdeck. "Ich bin viel herumgereist und fand es immer schön, wenn ich einfach in meinen eigenen Bettsachen schlafen konnte. Diese Möglichkeit will ich auch meinen Gästen bieten", sagt Schmitt von Groeling. Tatsächlich ist der Zeltplatz voll belegt. "Wir suchen in Berlin einen Job, weil es in Italien derzeit so schwierig ist", erklärt Dhanja Bacigalupo.

Die 20-jährige Italienerin ist vor ein paar Tagen mit einem Freund nach Berlin gekommen. Nun zelten die beiden auf der "Eastern Comfort". Sehnsüchtig schauen sie bei Bier und Tortilla-Chips auf die Oberbaumbrücke. "In Berlin sind so viele junge Menschen, hier ist immer was los", sagt Alessandro Fiori. Die beiden gehen gelassen an die Jobsuche – irgendwie werden sie ihrer Meinung nach schon als Kellner oder im Supermarkt unterkommen. Kirsten Handke bestätigt, dass immer mehr junge Spanier und Italiener unter ihren Gästen sind, die auf Jobsuche sind.

"Berlin wird immer verrückter"

Die gebürtige Kanadierin leitet das Hostel seit drei Jahren und hat in dieser Zeit schon einiges erlebt. "Berlin wird immer verrückter. Manchmal ist das ein bisschen anstrengend", sagt sie mit einem Augenzwinkern. Letztens hatten sie eine Besucherin, die angab, mit dem Eifelturm verheiratet zu sein und sich diesen über die ganze Brust tätowiert hatte. Andere Gäste springen nachdem sie zu viel getrunken haben in die Spree. "Wir versuchen unsere Gäste etwas auszuwählen, weil wir kein Party-Boot sein wollen", sagt Schmitt von Groeling. Schülergruppen werden nicht aufgenommen. Ab zwölf Uhr herrscht auf dem Schiff Nachtruhe – austoben sollen sich die Gäste woanders. Die hauseigene Bar ist bis drei Uhr offen, allerdings bei geschlossenem Fenster.

An der Rezeption begrüßt eine Mitarbeiterin einen jungen Franzosen. Sie erinnert sich noch an ihn, auch wenn sein letzter Besuch bereits zwei Jahre her ist. Eine Szene wie von Schmitt von Groeling für Werbezwecke erdacht. "Wir wollen ganz klar, dass sich die Gäste hier wohl fühlen und eine familiäre Atmosphäre schaffen", sagt er. Dies scheint ihm gelungen zu sein.

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