Verein Nacoa

"Meine Mutter braucht eine Entziehungskur"

"In meiner Kindheit hatte ich fast immer das Gefühl, ein Störfaktor zu sein", sagt Karin (Name geändert). Ihr Vater, ein alkoholabhängiger Schriftsteller, war stets der Mittelpunkt der Familie.

"Ich konnte nie entspannt sein, weil ich immer Angst hatte, dass er einen seiner Gemütszustände bekommt", berichtet sie. Die "Gemütszustände" waren Wutausbrüche, in denen der Vater seine Kinder beschimpfte und ihnen die Schuld an seinen Schreibblockaden gab. "Als Kind fühlt man sich in solchen Momenten wirklich schuldig", erinnert sich Karin. "Das Schlimmste aber war die Einsamkeit. Ich hatte das Gefühl, in meiner Familie überhaupt nicht wahrgenommen zu werden."

"Süchtige sind unberechenbar. An einem Tag sind sie aggressiv, am nächsten wollen sie bei ihren Kindern alles wiedergutmachen. Den Jungen und Mädchen fehlt ein verlässliches erwachsenes Gegenüber", sagt Henning Mielke, Vorsitzender und Gründer von Nacoa, einer rein ehrenamtlichen Interessenvertretung für Kinder aus Suchtfamilien, zu deren Mitgliedern auch Karin gehört. Der freie Journalist wuchs selbst mit einem alkoholkranken Elternteil auf und engagierte sich jahrelang in Selbsthilfegruppen für die Angehörigen von Alkoholkranken. "Wir sind keine Beratungsstelle", betont Mielke. "Das könnten wir gar nicht schaffen. Unsere Aufgabe sehen wir in erster Linie darin, zu informieren." Der Verein hat eine Broschüre herausgegeben, die mit Unterstützung der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung und dem Land Brandenburg an Grundschulen und Kindertagesstätten beider Länder verteilt wurde. Die Website von Nacoa ( www.nacoa.de ) richtet sich an Eltern, Lehrer und Erzieher, vor allem aber an Kinder. In einfachen Worten wird ihnen erklärt, dass Süchtige krank sind und von Familienmitgliedern nicht geheilt werden können.

"Kinder, die in einer suchtkranken Familie aufwachsen, werden um ihre Kindheit gebracht", sagt Henning Mielke. Er berichtet von einem Fünfjährigen, der mit der volltrunkenen Mutter im Schlepptau auf einem Polizeirevier aufgetaucht ist und dort sagt: "Meine Mutter braucht eine Entziehungskur" und von einer Zwölfjährigen, die sich am Telefon als ihre Mutter ausgegeben hat, um mit der Bank einen Aufschub für die nächste Ratenzahlung eines Kredits auszuhandeln. Parentisierung heißt dieses Verhalten in der Fachsprache: Die Jungen und Mädchen übernehmen die Rolle ihrer Eltern und versuchen nach Kräften, das Familienleben aufrecht zu erhalten. "Das ist eine typische kindliche Überlebensstrategie innerhalb einer Suchtfamilie", sagt Mielke. "Einige der Jungen und Mädchen sind sehr leistungsorientiert und sehr verantwortungsbewusst. Sie kümmern sich nicht nur um ihre Eltern, sondern geben auch Mitschülern Nachhilfeunterricht."

In ihrem späteren Leben sind die Kinder von Alkoholikern stark gefährdet, in das Muster zu verfallen, das ihnen ihre Eltern vorgelebt haben. Studien belegen, dass ein Drittel von ihnen im Erwachsenenalter alkohol-, drogen- oder medikamentenabhängig wird. Ein weiteres Drittel sucht sich später instinktiv wieder einen süchtigen Partner und führt damit das Leiden der Kindheit fort. Das letzte Drittel hat auf den ersten Blick mit keinerlei Beeinträchtigungen zu kämpfen. "Doch auch von ihnen leiden nicht wenige unter Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen", sagt Mielke.

"Alkoholismus ist ein Phänomen, das sich durch alle Gesellschaftsschichten zieht", so Mielke. Nicht nur in bildungsfernen Schichten, sondern auch in Professoren-Haushalten wachsen Kinder mit ständig benebelten Müttern und Vätern auf. Nach Schätzungen des Bundesgesundheitsministeriums leben aktuell 2,6 Millionen Kinder unter 18 Jahren mit alkoholkranken Eltern zusammen, dazu kommen noch 40 000 bis 60 000 Kinder, deren Eltern von illegalen Drogen abhängig sind. Insgesamt soll etwa jedes sechste Kind von Suchtkrankheiten innerhalb der Familie betroffen sein. "Bei dem Konsum von illegalen Drogen geht der gesellschaftliche Abstieg meist sehr rasant", sagt Mielke. "Für die Kinder kann das ein Vorteil sein, da Jugendämter und andere Behörden schneller auf die Zustände in der Familie aufmerksam werden." In Haushalten mit Alkoholiker-Elternteilen wird dagegen viel Energie investiert, nicht aufzufallen und nach außen das Bild einer tadellos funktionierenden Familie abzugeben. Das Leiden der Kinder bleibt jahrelang im Verborgenen. Auch Karins Vater hatte sich in der Öffentlichkeit gut im Griff, außerhalb der heimischen vier Wände fiel er niemals aus der Rolle.

Karins Eltern versuchen bis heute, die Sucht des Mannes vor Anderen zu verheimlichen. Die Lehrerin hat erst mit 34 Jahren bemerkt, dass viele ihrer Probleme, die sie in Beziehungen zu anderen Menschen hatte, durch den Alkoholkonsum ihres Vaters verursacht waren. Die Lektüre eines Buches über Suchtprobleme und Gespräche mit einer Tante, die selbst in der Drogenberatung tätig war, waren für sie ein Anstoß, sich intensiv mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen. Seit 14 Jahren besucht Karin Selbsthilfe-Gruppen für die Angehörigen von Alkoholikern. "Die Erlebnisse der Teilnehmer ähneln sich sehr. Ich habe dort viele Menschen getroffen, denen es ähnlich ergangen ist wie mir", sagt sie. "Das Wichtigste aber ist, dass man lernt, sich selbst und den anderen zu verzeihen."

"Alkoholismus ist ein Phänomen, das sich durch alle Gesellschaftsschichten zieht."

Zur Startseite
© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.