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Schutz und Geborgenheit im Sonnenhof

Das Nesthäkchen vom Sonnenhof heißt Moritz. Gerade einmal acht Monate jung ist er und schon ziemlich agil. In Windeseile robbt er quer durch die Diele und bewältigt dabei auch die Schwelle zur Küche problemlos.

Moritz lacht und brabbelt und strahlt immer wieder die Kinder und Erwachsenen an, die um ihn herumstehen. Nichts deutet daraufhin, dass sein Start ins Leben schwierig war. Doch Moritz Mutter ist geistig behindert und alkoholabhängig, auch während der Schwangerschaft hat sie regelmäßig getrunken. Bei seiner Geburt wurde deshalb befürchtet, dass der Alkoholkonsum seiner Mutter bereits im Mutterleib Behinderungen des Ungeborenen verursacht haben können.

Der Sonnenhof in Spandau existiert seit über hundert Jahren. Seit Mitte der 90er Jahre ist das Heim, in dem vernachlässigte und missbrauchte Kinder leben, auf die Betreuung von Kindern spezialisiert, die durch Alkohol in der Schwangerschaft geschädigt worden sind. Die Erzieherinnen und Erzieher leben mit den Kindern in kleinen Wohngemeinschaften zusammen. Nach vorsichtigen Schätzungen werden jährlich 3000 bis 4000 Kinder in Deutschland geboren, die unter dem fetalen Alkoholsyndrom (FASD) leiden, womöglich liegt die Dunkelziffer jedoch weitaus höher. In Extremfällen kommen die Babys bereits mit einer "Fahne" auf die Welt, haben aber kaum körperliche Fehlbildungen. Nur Ärzten oder anderen Sachkundigen fallen die typischen Merkmale auf: Herabhängende Augenlider, flache Nasen oder tief ansetzende Ohren. "Viele der Kinder sind jedoch geistig behindert, ohne dass man ihnen etwas ansehen kann", erklärt Gela Becker-Klinger, Diplom-Psychologin und fachliche Leiterin des evangelischen Kinderheims. " "Sie haben Aufmerksamkeits-Probleme, können sich schwer konzentrieren und nur schlecht etwas merken. Ihre Schwierigkeiten werden meist von Lehrern und Erziehern auf das Milieu geschoben, in dem sie aufwachsen. Dabei ist ihr Hirn bereits im Mutterleib irreparabel beschädigt worden." Neben dem Down-Syndrom ist das FASD die häufigste angeborene geistige Behinderung in Deutschland. Nur zwölf Prozent der Betroffenen sind als Erwachsene in der Lage einer geregelten Arbeit nachzugehen und sich selbstständig zu versorgen. Ohne entsprechende Therapien haben sie kaum Chancen einen Platz in der Gesellschaft zu finden. Sie sind hochgradig gefährdet, später straffällig, obdachlos oder psychisch krank zu werden.

"Es ist ein vermeidbares Leiden", sagt Gela Becker-Klinger weiter. "Vielen Schwangeren ist nicht bewusst, dass bereits geringe Mengen Alkohol ein Ungeborenes schädigen können. Ein einziges Party-Wochenende kann ausreichen um ein Kind vom Gymnasium in die Hauptschule zu saufen." Nicht jedes der Kinder im Sonnenhof wurde durch den Alkoholkonsum der Mutter geschädigt, meist sind es zwei Kinder pro Gruppe, die dieses Schicksal miteinander teilen. In der Wohngemeinschaft "Nemo", die in einem Einfamilienhaus untergebracht ist, sind es ein sechsjähriges Mädchen und ein achtjähriger Junge. Fröhliche und zufriedene Kinder, denen man auf den ersten Blick nichts anmerkt. Doch beide haben Probleme in der Schule. Ohne intensive Betreuung in einer sogenannten Integrationsklasse und ohne eine speziell auf ihre Bedürfnisse abgestimmte Förderung wäre ein erfolgreicher Schulbesuch für sie nicht möglich.

Die Zimmer der Kinder sind nach ihren Wünschen bunt angestrichen und liebevoll eingerichtet. An den Wänden hängen selbstgemalte Bilder und Poster mit Sportlern oder Popstars, auf dem Bett liegen Kuscheltiere. Auffallend ist nur die beinahe penible Sauberkeit, die in den Zimmern herrscht. "Gerade die Ordnung ist sehr wichtig für die Kinder", erklärt die Pädagogin Kathrin Frank, die in der Gemeinschaft lebt. "Sie brauchen einen konstanten Rahmen, da sie schnell unter Reizüberflutung leiden."

Der Sonnenhof ist die einzige derartige Einrichtung in Deutschland. Nur den wenigsten FASD-Kindern, wird eine angemessene Behandlung zuteil. In einer anderen Wohngemeinschaft wohnt ein Junge, der in der Schule immer wieder aneckt, weil er nie das tut, was man ihm sagt. "Bei ihm steckt kein böser Wille dahinter. Sein Gehirn ist nicht in der Lage, sich einfache Anweisungen einzuprägen", sagt Gela Becker-Klinger. Im Sonnenhof singt der Erzieher dem Jungen Anweisungen vor. Die Melodien machen es dem Kind viel leichter, sich etwas zu merken. "In der Schwangerschaft werden die Kinder mit Alkohol begossen, später werden sie häufig falsch diagnostiziert. Wir bemühen uns hier, dass sie nicht noch weiter bestraft werden", resümiert die Psychologin.

Evangelisches Kinderheim Sonnenhof Tel.: 030 - 335 80 31

www.ev-sonnenhof.de

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