Land & Leute

Auf dem Mauerweg

Auf dem Mauerweg im Norden Berlins kann man eine Grenzerfahrung der eigenen Art machen - bei einer Radtour auf der Narbe Berlins zwischen Ost und West.

Am Tegeler Fließ, hoch im Norden Berlins, lässt sich gut ablesen, wie viel 20 Jahre sind: An den Birken, Kiefern und Pappeln nämlich, die hoch im ehemaligen Mauerstreifen stehen.

Die Schneise ist hier gut konserviert, die heideartige Landschaft der einstigen Demarkationslinie steht unter striktem Naturschutz. Grenzerfahrungen, im wahrsten Sinne: Am besten fährt man dafür den Mauerweg mit dem Fahrrad entlang, wo einst die DDR-Grenzschützer patrouillierten. Es ist eine Stadtrandtour mit Überraschungen, zum Beispiel zwischen Frohnau ganz oben und dem Nordkreuz, also der Bornholmer Straße.


Wie weit der Begriff Norden wirklich reichen kann - am S-Bahnhof nach Frohnau kann man sich zunächst gar nicht vorstellen, dass es sich auf Berliner Stadtgebiet noch weiter heraus fahren lässt. Und doch geht es. Der nordwestlichste Zipfel der Stadt ist erst am Naturschutzturm an der Utestraße erreicht. Im ehemaligen Grenzstreifen betreibt die Waldjugend Umweltschutz, betreut Wald und Heide am Bieselfließ und am Hubertussee, ihre Station ist ein früherer Wachturm.

In lockerer Folge wechseln sich danach die Siedlungsgebiete von Frohnau und Glienicke (Nordbahn) ab. Auf welcher Seite man gerade ist, lässt sich am besten an den Nummernschildern der Autos ablesen - in Berlin oder Brandenburg, diesseits oder jenseits der einstigen Grenze. Dann verläuft der einstige Grenzpostenweg schnurgerade durch die Heide am Tegeler Fließ und am idyllischen Köppchensee entlang, unter den Rädern rumpeln dabei alle paar Meter die Betonlücken im Takt, wie früher auf den Ost-Autobahnen. Scharf rechts liegt Lübars, das einzige "Dorf" in Berlin. Mittlerweile ist es ein riesiger Abenteuerspielplatz für Reiter, Rösser und natürlich für Familien. Manchmal dampft sogar ein historischer Zug der alten Heidekrautbahn vorbei, deren Gleis genau dort verläuft. Etwa einmal im Monat bringen die "Berliner Eisenbahnfreunde" eine Dampflok mit mehreren Wagen auf die Schiene. Rosenthal liegt nun zur Linken, ein Bahnhofschild aus früheren Zeiten ist sogar noch vorhanden, aber nur als Schmuck im Garten eines alten Eisenbahners. Dieser Pankower Ortsteil hätte früher Lübars Konkurrenz machen können. Viel Urtümliches blieb hier bis in die Neunzigerjahre erhalten.

Gegenüber liegt das Märkische Viertel, ein Satellit für 30 000 West-Berliner, der ab den 60er-Jahren wurde, während Altbauquartiere großflächig abgerissen wurden. Viele Phasen der Stadtentwicklung lassen sich hier ablesen, die Auswirkungen der Mauerstadt sind immer präsent. So geht es weiter, später parallel zur S-Bahnlinie 1, auf die man am Bergmann-Borsig-Gelände in Pankow stößt. Laien fahren schlichtweg auf den Fernsehturm zu, der immer wieder durchscheint in der Schneise, die an stellenweise zugewuchert ist und auf der immer wieder ein Stück des alten Postenwegs auftaucht.

Zur Startseite
© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.