Islamischer Staat

Islamisten sprachen über Checkpoint Charlie als Terrorziel

Anti-Terror-Razzia gegen mutmaßliche Islamisten in Berlin. Die Polizei nimmt drei Algerier fest. Sie planten offenbar einen Anschlag.


Millionen Touristen besuchen jedes Jahr den Checkpoint Charlie

Millionen Touristen besuchen jedes Jahr den Checkpoint Charlie

Foto: Maurizio Gambarini / dpa

Vier Anhänger der Terrormiliz IS haben offenbar einen Anschlag in der deutschen Hauptstadt geplant. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur aus Sicherheitskreisen wurde ihr Vorhaben im Frühstadium durchkreuzt, konkrete Anschlagsziele waren noch nicht ausgekundschaftet. Die mutmaßliche islamistische Terrorzelle wurde am Donnerstag bei einer groß angelegten Razzia von Hunderten Polizisten in Berlin, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen zerschlagen.

Ermittelt wird gegen vier Algerier im Alter zwischen 26 und 49 Jahren wegen des Verdachts der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat, wie die Polizei in Berlin mitteilte. Es gab drei Festnahmen.

"Es geht um mögliche Anschlagsplanungen für Deutschland - konkret für Berlin", sagte der Sprecher der Berliner Ermittlungsbehörde, Martin Steltner. Die Sicherheitslage in der Hauptstadt habe sich aber nicht verändert, sagte ein Polizeisprecher.

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Nach dpa-Informationen aus Sicherheitskreisen hatten sich die verdächtigen Islamisten in abgehörten Telefonaten über mögliche Anschlagsziele in Berlin unterhalten. Demnach sollen die Männer auch beraten haben, ob der "Checkpoint Charlie" im Stadtzentrum ein lohnenswertes Angriffsziel sein könnte. Der frühere Grenzkontrollpunkt zwischen Ost und West ist ein Touristenmagnet. Berichte, wonach auch der Alexanderplatz ein mögliches Anschlagsziel hätte sein können, wurden nicht bestätigt. Allerdings habe der in Berlin festgenommene 49-jährige Algerier in zwei Backshops gearbeitet - einer lag demnach nahe dem Checkpoint Charlie, der zweite im S-Bahnhof Alexanderplatz.

Eine Verbindung zu den Terrorwarnungen an Silvester in München oder zur Absage eines Fußball-Länderspiels in Hannover im November sei derzeit nicht zu erkennen, hieß es in Sicherheitskreisen. Auch konkrete Hinweise auf geplante Anschläge gegen Karnevalsumzüge gab es bei den Behörden nicht. In Sicherheitskreisen wurde ein solcher Zusammenhang aber nicht ausgeschlossen.

Verbindung zu belgischen Islamisten

Nach dpa-Informationen hatte einer der Verdächtigen, der bei einer Durchsuchung in Hannover gefunden, aber nicht festgenommen wurde, Verbindungen zu belgischen Islamisten. Der 26-Jährige sei vor wenigen Wochen mindestens einmal in die Brüsseler Gemeinde Molenbeek gereist, hieß es in Sicherheitskreisen. Dort gelebt hatte auch der getötete mutmaßliche Drahtzieher der islamistischen Anschläge in Paris vom 13. November, Abdelhamid Abaaoud.

Als Hauptverdächtiger gilt ein 35-Jähriger, der am Donnerstagmorgen in einem Flüchtlingsheim in Attendorn im Sauerland festgenommen wurde - jedoch nicht wegen der möglichen Anschlagsplanungen. Ob dies daran lag, dass zu diesem Verdachtsmoment bislang nicht genügend Beweismaterial vorlag, blieb zunächst offen.

In dem Heim wurde ebenfalls seine 27 Jahre alte Ehefrau festgenommen. Beiden wird von algerischen Behörden Mitgliedschaft in der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) vorgeworfen. Sie waren mit internationalen Haftbefehlen gesucht worden, die nun von deutscher Seite vollstreckt wurden, wie ein Sprecher der Berliner Polizei sagte. Die Frau sei im Fall der mutmaßlichen Anschlagsplanung in Berlin keine Beschuldigte, gelte aber als mögliche Kontaktperson.

Hauptverdächtiger kam über die Balkanroute

Der 35-jährige Hauptverdächtige, der wahrscheinlich auch militärisch ausgebildet und laut Polizei im syrischen Kampfgebiet gewesen ist, kam nach dpa-Informationen über die sogenannte Balkanroute nach Bayern und wurde dort als Flüchtling registriert. Nach ersten Hinweisen auf Anschlagspläne sei der Mann dann in Nordrhein-Westfalen ausfindig gemacht worden.

In Berlin wurde ein 49-jähriger Algerier festgenommen - auch er aber nicht wegen der mutmaßlichen Anschlagsplanungen. Laut Polizei lag gegen ihn ein Haftbefehl wegen Urkundenfälschung vor. Ein weiterer Verdächtiger wurde in Berlin angetroffen, jedoch nicht festgenommen. Beide Männer lebten schon länger in der Hauptstadt und arbeiteten auch hier.

Der Großeinsatz fand unter anderem in der Waldemarstraße in Kreuzberg statt. Nach Angaben eines Anwohners soll die Drei-Zimmer-Wohnung seit etwa drei Jahren von mehreren Männern bewohnt werden. Es soll sich dabei um drei Generationen handeln. Eine Frau habe er in dieser Zeit dort nie gesehen.

Der Arbeitsplatz des einen Verdächtigen, ein Backshop am Berliner Alexanderplatz, wurde durchsucht. Konkrete Hinweise auf den stark frequentierten Platz im Stadtzentrum als Anschlagsziel gebe es aber nicht, betonte Redlich. Bei den Durchsuchungen seien weder Waffen noch Sprengstoff gefunden worden.

Die mutmaßlichen Mitglieder der Terrorzelle hatten verschlüsselt kommuniziert und unter großer Geheimhaltung verdeckt operiert, wie die dpa aus Sicherheitskreisen erfuhr. Ein Bezug ins Bürgerkriegsland Syrien habe sich bei wochenlangen Ermittlungen ergeben. Um den Jahreswechsel herum hätten sich die Erkenntnisse gegen die Männer verdichtet. Demnach wollte die Gruppe in Berlin zusammenkommen, um Attentate vorzubereiten.

Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU) erklärte, die Bedrohungslage durch militante Islamisten bleibe hoch. "Wir haben weiterhin allen Grund, wachsam und vorsichtig zu sein." Ein konsequentes Vorgehen gegen die Islamistenszene sei geboten - vor allem, wenn es um mögliche IS-Bezüge geht.

Durchsucht wurden in Berlin am Donnerstag neben Wohnungen auch ein Kiosk und ein Backshop, wie Polizeisprecher Redlich sagte.

Gruppe wollte in Berlin Attentate vorbereiten

Gegen die Männer wird bereits seit mehreren Wochen ermittelt. Die Erkenntnisse hätten sich um den Jahreswechsel herum verdichtet. Demnach wollte die Gruppe laut Nachrichtenagentur dpa in Berlin zusammenkommen, um Attentate vorzubereiten. Wie weit die Pläne bereits fortgeschritten waren, war zunächst offen.

Nach den Informationen erhielt die Polizei den ersten Hinweis auf den Hauptverdächtigen in NRW vom Bundesamt für Verfassungsschutz. Bei den weiteren Ermittlungen seien Kontakte des Mannes zu Islamisten in Berlin und Hannover festgestellt worden.

Berliner LKA leitet bundesweite Razzien

Das Berliner Landeskriminalamt leitete die Aktion der zeitgleichen Durchsuchungen. Sicher gestellt wurden Computer, Mobiltelefone und Aufzeichnungen.

Festgenommen wurde in Berlin auch eine Frau aufgrund eines Haftbefehls, der aber nichts mit dem Terrorismusverdacht zu tun habe, hieß es.

Innensenator Henkel: "Wachsam und vorsichtig sein"

Innensenator Frank Henkel sagte am Donnerstagvormittag zu den Razzien: "Die Bedrohungslage durch militante Islamisten bleibt hoch. Wir haben weiterhin allen Grund, wachsam und vorsichtig zu sein. Deshalb ist ein konsequentes Vorgehen gegen die Islamistenszene geboten. Vor allem, wenn es um mögliche IS-Bezüge geht. Die Aktivitäten der Szene werden von uns sehr intensiv und behördenübergreifend begleitet."

Bevor weitere Schlüsse gezogen werden könnten, müssten die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft und die Auswertung der sichergestellten Objekte abgewartet werden.

>> Die Zahl der Salafisten in Berlin steigt

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