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9. November
Der Schicksalstag für die Deutschen
Mittwoch, 18. November 2009 17:00
- Von Ernst Cramer
Dieser Tag ist besonders für die Deutschen: Der 9. November. Eine Reihe historischer Ereignisse hat sich an diesem Tag zugetragen – bis hin zum Mauerfall 1989, der am Montag in Berlin und in vielen anderen Städten gefeiert wurde. Ernst Cramer erinnert daran, dass der 9. November jedoch zugleich die dunkelsten Stunden in der deutschen Geschichte brachte.
"Die Arbeit für die Freiheit darf nie zu Ende gehen", sagte Obama. Der Fall der Mauer am 9. November vor 20 Jahren sei ein Zeichen für ein „starkes Ankämpfen gegen Tyrannei“ gewesen. Hier seien die Rechte, die für alle gelten, wahrgenommen worden.
Im Museum "Berlin-Story" am Kurfürstendamm drängten sich am Jahrestag des Mauerfalls die Besucher. Dort konnte man sich u.a. an einem offenen Schlagbaum und in einem echten Trabi fotografieren lassen - mit lebendem DDR-Volkspolizisten daneben und vor einem Riesenbild, das den über den Stacheldraht springenden Grenzpolizisten Conrad Schumann zeigt.
Thüringen und Bayern erinnerten in Mödlareuth an die Ereignisse vor 20 Jahren. Der Ort ist als "Klein-Berlin" bekanntgeworden, weil durch ihn mehr als 40 Jahre lang die innerdeutsche Grenze verlief. Mit Gründung der beiden deutschen Staaten 1949 gehörte der thüringische Teil von Mödlareuth zum Territorium der DDR, die bayerische Hälfte zur Bundesrepublik.
"Unser 'Yes we can' heißt 'Wir sind das Volk'", sagte der frühere DDR-Bürgerrechtler Joachim Gauck auf der Bornholmer Brücke über den Ruf der friedlichen Revolution von 1989 und den Kampagnen-Slogan des US- Präsidenten Barack Obama.
Genau 20 Jahre nach dem Mauerfall wurde an der Bornholmer Straße in Berlin der historischen Ereignisse gedacht worden. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und frühere DDR-Bürgerrechtler ging in Begleitung des damaligen früheren sowjetischen Staatschefs Michail Gorbatschow über den ehemaligen DDR-Grenzübergang Bösebrücke an der Bornholmer Straße.
Die Bornholmer Brücke (eigentlich Bösebrücke) in Berlin gilt als Symbol für die deutscheTeilung und den Mauerfall. Von 1961 bis 1989 verlief die Grenze über die Brücke. Hier wurde am 9. November 1989 der erste Schlagbaum an der innerdeutschen Grenze geöffnet.
Auf den Dächern verschiedener Gebäude in Berlin erschienen acht Friedensengel mit großen Flügeln. Sie erinnerten an das friedliche Zusammenwachsen der geteilten Stadt.
Die Himmelsboten schmückten Gebäude entlang des ehemaligen Grenzverlaufs zwischen dem Brandenburger Tor und dem Potsdamer Platz, so die Dächer der niedersächsischen Landesvertretung, der hessischen Landesvertretung, des Marriott Hotels sowie des Otto Bock Science Centers an der Ebertstraße.
Ein Stück der Berliner Mauer auf der weltbekannten Spanischen Treppe und dazu der Song "Another Brick In The Wall" von Pink Floyd: Mit einer multimedialen Installation auf einem der meistbesuchten Plätze Roms feierte die italienische Hauptstadt den 20. Jahrestag des Mauerfalls.
US-Außenministerin Hillary Clinton ging am Brandenburger Tor spazieren. Sie besucht die Bundeshauptstadt im Rahmen der Feierlichkeiten im Gedenken an den Mauerfall am 9. November 1989.
Zum 20. Jahrestag des Berliner Mauerfalls ist in der bulgarischen Hauptstadt Sofia eine symbolträchtige Mauer eingerissen worden. Die 20 Meter lange Kunstinstallation war vor dem früheren Königspalast in der Innenstadt von Sofia errichtet worden. Seitdem wurde sie mit Graffiti besprüht. Neben den historisch inspirierten Texten gab es auch politisch aktuelle Slogans wie "DS (die kommunistische Staatssicherheit in Bulgarien) raus aus der EU" oder "Die Mauer fiel, die Mafia nicht".
Die Installation "Work in Progress" des in Dresden geborenen Künstlers Benjamin Walther und seiner aus Wales stammenden Frau Manon Awst fing bei plus zehn Grad wie geplant sofort zu schmelzen an. Das Kunstwerk veränderte stets sein Aussehen.
Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher und Unternehmerin Friede Springer enthüllten in der Axel-Springer-Passage (Berlin-Kreuzberg) eine Bronzebüste von Michail Gorbatschow.
Der Geehrte und die Büste von ihm. "Seht auf diesen Mann Michail Gorbatschow, der den Mut hatte, die Lage in seinem Land zu ändern, dass sich die ganze Welt änderte", sagte der ehemalige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher in seiner Laudatio.
Für die Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße wurde ein neues Besucherzentrum eröffnet. Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) und Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) weihten den für rund 2,5 Millionen Euro errichteten Neubau ein.
Die Feiern zum 20. Jahrestag des Mauerfalls begannen mit einem ökumenischen Gottesdienst (CDU) in der Gethsemanekirche in Prenzlauer Berg. Bundespräsident Horst Köhler begrüßte den Vorsitzenden der Bischofskonferenz, Freiburgs Erzbischof Robert Zollitsch. Im Hintergrund: der Bischof der Evangelischen Kirche Berlin - Brandenburg - schlesische Oberlausitz, Wolfgang Huber, und Bundeskanzlerin Angela Merkel.
Vor 20 Jahren war die Kirche einer der Zufluchtspunkte für die Opposition in der DDR. Tausende Menschen kamen in diese Kirche, um Alternativen zum Leben in der DDR zu finden. Am 7. und 8. Oktober 1989 wurde die Kirche zum Schutzraum, als bewaffnete Polizei- und Militäreinheiten den friedlichen Protesten auf den Straßen mit brutaler Gewalt begegneten.
In Los Angeles wurde mit dieser Aktion an den Mauerfall vor 20 Jahren erinnert. Auf dem Wilshire Boulevard wurde symbolisch die Berliner Mauer nachgebaut, um sie dann ...
In Los Angeles steht außerdem das längste Stück Mauer außerhalb von Berlin: zehn Original-Teile, die von Künstlern bemalt wurden. Hier lassen sich Passanten mit einem Darsteller in einer alten NVA-Uniform fotografieren.
Ute Lemper sang in Los Angeles am Wilshire Boulevard.
Der 9. November ist ein magischer Tag in der deutschen Geschichte. Am 9.
November 1918 dankte Wilhelm II. als Kaiser ab, um sich ins holländische
Exil zu begeben. Am selben Tag rief Philipp Scheidemann vom Reichstag die
erste deutsche Republik aus. Fast gleichzeitig verkündete Karl Liebknecht im
Stadtschloss die Schaffung einer „freien sozialistischen Republik“, zu der
es zum Glück nie kam.
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Am 9. November 1923 versuchten Adolf Hitler, Erich Ludendorff und andere
Rechtsradikale, in München die Weimarer Republik zu stürzen; die bayrische
Polizei konnte das verhindern. Aber später, nach der „Machtergreifung“, der
Regierungsübernahme durch Hitler, wurden die 9. November regelmäßig als
nationalsozialistische Gedenktage, zur Erinnerung an diesen missglückten
Staatsstreich, gefeiert.
Der schlimmste und folgenreichste 9. November war der im Jahre 1938, verbrämt
als „Reichskristallnacht“ bezeichnet, der von uns allen – bei aller Freude
über das Geschehen vom 9. November 1989 – nicht vergessen werden darf. Denn
an jenem Tag wurde die Gesetzlosigkeit, die in Deutschland schon lange
herrschte, zur Selbstverständlichkeit, ja zur Richtschnur. Man erkannte
damals noch nicht, dass das die Einleitung zum Genozid war. Denn die
nationalsozialistische Taktik in den Jahren 1933 bis 1939 war, durch
Entwürdigung und Entmündigung die Juden in Deutschland zur Auswanderung zu
drängen. Kurze Zeit später kam es dann zur zwangsweisen Vertreibung von zu
Hause, zu den Deportationen und schließlich zum millionenfachen Mord. Ebenso
wie der 9. November 1989 einer der hehrsten Tage der deutschen Geschichte
war, hatte mit dem 9. November 1938 das dunkelste, das
verabscheuungswürdigste Kapitel dieser Geschichte begonnen.
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Ich will darüber nicht viel klagen. Aber an jenem Tag kamen Nazi-Schergen in
unsere Wohnung, zertrümmerten das geliebte Cello meines Vaters und
zerschlugen die kleine, aber exquisite Porzellansammlung meiner Mutter. Nur
kurz sei hier noch bemerkt, dass die beiden zusammen mit meinem Bruder in
der Karwoche des Jahres 1942 in den Osten deportiert wurden. Wir haben nie
wieder von ihnen gehört. Ich selbst – der ich später auswandern konnte –
wurde am 10. November 1938 nördlich von Breslau von Nazis in vielerlei
Uniformen gefangen genommen. Schließlich kam ich ins Konzentrationslager
Buchenwald bei Weimar.
Darüber möchte ich heute nicht sprechen, denn ich weiß, dass später, nach
1945, viele Unschuldige in ähnliche Lager verschleppt wurden, und dass
manche darin umkamen, wie damals in Buchenwald. Es genügt, wenn ich sage:
„Der Aufenthalt im KZ war die schlimmste Zeit, die ich je durchlebte.“ Dass
es später – bei den Deportationen und dem Mord an sechs Millionen – noch
schlimmer kommen würde, konnte ich damals noch nicht ahnen. Jetzt jedoch
weiß ich es.
Heute aber denken wir hauptsächlich zurück an das
Wunder deutscher Geschichte, an die unblutige Revolution vom 9. November
1989. Noch im Sommer desselben Jahres hatte Erich Honecker gereimt: „Den
Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf“. Nein! Es waren
weder Ochsen noch Esel, sondern es waren die nach Freiheit dürstenden
Demonstranten im heutigen Ostdeutschland, die – den bedrohlichen Gefahren
trotzend – für die Einheit ihres Vaterlandes auf die Straßen gingen und so
die Wende schufen. Besonders ihnen sei gedankt. Und Gott, der das
ermöglichte.
Professor Ernst Cramer (96) ist Vorsitzender der Axel Springer Stiftung.
Die Rede, die wir in Auszügen veröffentlichen, hielt er am Montag bei einer
Gedenkveranstaltung zum Mauerfall in der Versöhnungskapelle in Mitte.