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9. November

Der Schicksalstag für die Deutschen

Dieser Tag ist besonders für die Deutschen: Der 9. November. Eine Reihe historischer Ereignisse hat sich an diesem Tag zugetragen – bis hin zum Mauerfall 1989, der am Montag in Berlin und in vielen anderen Städten gefeiert wurde. Ernst Cramer erinnert daran, dass der 9. November jedoch zugleich die dunkelsten Stunden in der deutschen Geschichte brachte.

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20 Jahre Mauerfall - Brandenburger Tor
Foto: dpa/DPA
Ein erhabener Anblick über dem deutschen Symbol:

Der 9. November ist ein magischer Tag in der deutschen Geschichte. Am 9. November 1918 dankte Wilhelm II. als Kaiser ab, um sich ins holländische Exil zu begeben. Am selben Tag rief Philipp Scheidemann vom Reichstag die erste deutsche Republik aus. Fast gleichzeitig verkündete Karl Liebknecht im Stadtschloss die Schaffung einer „freien sozialistischen Republik“, zu der es zum Glück nie kam.

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Am 9. November 1923 versuchten Adolf Hitler, Erich Ludendorff und andere Rechtsradikale, in München die Weimarer Republik zu stürzen; die bayrische Polizei konnte das verhindern. Aber später, nach der „Machtergreifung“, der Regierungsübernahme durch Hitler, wurden die 9. November regelmäßig als nationalsozialistische Gedenktage, zur Erinnerung an diesen missglückten Staatsstreich, gefeiert.

Der schlimmste und folgenreichste 9. November war der im Jahre 1938, verbrämt als „Reichskristallnacht“ bezeichnet, der von uns allen – bei aller Freude über das Geschehen vom 9. November 1989 – nicht vergessen werden darf. Denn an jenem Tag wurde die Gesetzlosigkeit, die in Deutschland schon lange herrschte, zur Selbstverständlichkeit, ja zur Richtschnur. Man erkannte damals noch nicht, dass das die Einleitung zum Genozid war. Denn die nationalsozialistische Taktik in den Jahren 1933 bis 1939 war, durch Entwürdigung und Entmündigung die Juden in Deutschland zur Auswanderung zu drängen. Kurze Zeit später kam es dann zur zwangsweisen Vertreibung von zu Hause, zu den Deportationen und schließlich zum millionenfachen Mord. Ebenso wie der 9. November 1989 einer der hehrsten Tage der deutschen Geschichte war, hatte mit dem 9. November 1938 das dunkelste, das verabscheuungswürdigste Kapitel dieser Geschichte begonnen.
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Ich will darüber nicht viel klagen. Aber an jenem Tag kamen Nazi-Schergen in unsere Wohnung, zertrümmerten das geliebte Cello meines Vaters und zerschlugen die kleine, aber exquisite Porzellansammlung meiner Mutter. Nur kurz sei hier noch bemerkt, dass die beiden zusammen mit meinem Bruder in der Karwoche des Jahres 1942 in den Osten deportiert wurden. Wir haben nie wieder von ihnen gehört. Ich selbst – der ich später auswandern konnte – wurde am 10. November 1938 nördlich von Breslau von Nazis in vielerlei Uniformen gefangen genommen. Schließlich kam ich ins Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar.

Darüber möchte ich heute nicht sprechen, denn ich weiß, dass später, nach 1945, viele Unschuldige in ähnliche Lager verschleppt wurden, und dass manche darin umkamen, wie damals in Buchenwald. Es genügt, wenn ich sage: „Der Aufenthalt im KZ war die schlimmste Zeit, die ich je durchlebte.“ Dass es später – bei den Deportationen und dem Mord an sechs Millionen – noch schlimmer kommen würde, konnte ich damals noch nicht ahnen. Jetzt jedoch weiß ich es.

Heute aber denken wir hauptsächlich zurück an das Wunder deutscher Geschichte, an die unblutige Revolution vom 9. November 1989. Noch im Sommer desselben Jahres hatte Erich Honecker gereimt: „Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf“. Nein! Es waren weder Ochsen noch Esel, sondern es waren die nach Freiheit dürstenden Demonstranten im heutigen Ostdeutschland, die – den bedrohlichen Gefahren trotzend – für die Einheit ihres Vaterlandes auf die Straßen gingen und so die Wende schufen. Besonders ihnen sei gedankt. Und Gott, der das ermöglichte.

Professor Ernst Cramer (96) ist Vorsitzender der Axel Springer Stiftung. Die Rede, die wir in Auszügen veröffentlichen, hielt er am Montag bei einer Gedenkveranstaltung zum Mauerfall in der Versöhnungskapelle in Mitte.

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