Mauerfall
Die Revolution hat gerade erst begonnen
Montag, 9. November 2009 17:19 - Von Mathias DöpfnerDie Mauer ist nicht gefallen. Sie wurde zu Fall gebracht. Mathias Döpfner erinnert daran, dass die Freiheit nicht so selbstverständlich ist, wie viele Menschen glauben. Die Deutschen müssen sich fragen, ob sie die Freiheit, mit allem, was dazu gehört, wirklich wollen.

20 Jahre Mauerfall – das klingt so leicht, fast läppisch, als sei da vor 20 Jahren etwas zusammengefallen. Einfach so, weg war die Mauer? Der fast zur Marke geronnene Begriff führt in die Irre. Was wir heute feiern, sollte anders heißen: 20 Jahre friedliche Revolution für die Freiheit.
Nichts anderes war es: eine Revolution mit allen Risiken für Leib und Leben der Akteure. Eine friedliche Revolution, was angesichts der heutigen Erkenntnisse, wie millimeterknapp man einer gewaltsameren Niederschlagung der Demonstrationen entronnen ist, eine glückliche Sensation ist. Und es war eine friedliche Revolution für die Freiheit, gegen eine Gewaltdiktatur der Unfreiheit, der Menschenrechtsunterdrückung und Menschenverachtung. Kerzen und Gesänge haben in Leipzig, Berlin und anderswo die in Stellung gebrachten Panzer und Geschosse zum Schweigen angehalten. Der Wille des Volkes war stärker als die Macht der Funktionäre.
Wir feiern heute den Mut der Menschen, die Freiheit über alles gestellt, alles riskiert und alles gewonnen haben. Die Mauer ist nicht gefallen, sie ist zu Fall gebracht worden.
Morgenpost Online
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Die Deutschen tun das – natürlich – ohne Pathos. Pathos liegt uns nicht mehr. Und das Pathos der Freiheit erst recht nicht. Stattdessen war in den vergangenen 20 Jahren viel Genörgel. Es ist interessant, heute noch einmal nachzulesen, wer damals, noch lange nach dem 9.November, gegen die Wiedervereinigung polemisierte – und heute so tut, als sei er schon immer dafür gewesen. Es ist aufschlussreich, heute noch einmal nachzuvollziehen, mit welch kleinlichen und dummen Argumenten damals gegen die Einheit agitiert wurde: zu teuer, nur dem Konsumterror verhaftet, außenpolitisch zu gefährlich, bei einer behutsamen Reform der DDR gar nicht nötig, hieß es damals; sogar ein neuer Nationalismus wurde heraufbeschworen und dass die Deutschen bald wieder in Schaftstiefeln über den Linden-Boulevard paradieren würden. Heute mag sich daran keiner mehr erinnern. Es ist uns peinlich. Damals war es schick, über Bananen und blühende Landschaften zu lachen. Heute nehmen wir das alles lässig als Selbstverständlichkeiten hin. Und viele sehnen sich schon wieder nach mehr Gleichheit. Man müsse es ja mit der Freiheit nicht übertreiben.
Die Freiheit ist ein „sonderbar Ding“. Sie ist unbequem, sie verlangt dem Einzelnen viel mehr ab als ein Leben unter der süßen Droge der Fremdbestimmung. Man ist für sich selbst verantwortlich. Das ist Arbeit, Entscheidung, Verantwortung. Deswegen fremdeln gerade viele Deutsche damit und flüchten sich lieber unter die scheinbar schützenden Fittiche eines allzuständigen Umverteilungsstaates, der, indem er nur das Beste für seine unmündigen, ergo: unzurechnungsfähigen Bürger zu wollen vorgibt, zum freundlichen Würgegriff ansetzt.
Freiheit ist unbequem. Aber die Freiheit, zu sagen, was man denkt, die Freiheit, zu lieben, wen und wie man will, die Freiheit, zu glauben, was man möchte, die Freiheit, hochzusteigen und tief zu fallen, unterscheidet den Menschen vom Tier, das schillernde Individuum vom farblosen Kollektivwesen. Freiheit hat immer auch mit Grenzüberschreitung, Exzessen, Missbräuchen zu tun. Kontrollierte Freiheit, gelenkte Freiheit, perfekte Freiheit gibt es nicht. Die Freiheit ist wie das Leben – wild, widersprüchlich, wunderschön, aber nie vollkommen.
20 Jahre nach der friedlichen Revolution für die Freiheit müssen wir uns fragen, ob wir die Freiheit, mit allem, was dazugehört, wirklich wollen. Denn die Freiheit ist, wie der Künstler Stephan Balkenhol es in seiner für den Axel Springer Verlag geschaffenen Mauerläuferskulptur gezeigt hat, auch ein „Balanceakt“. Man kann schwanken, taumeln und wieder abstürzen. Wenn man das nicht will, muss man kämpfen. Die friedliche Revolution für die Freiheit hat gerade erst begonnen. Oder, wie es der Freiheitskünstler Joseph Beuys in einer berühmten Arbeit 1972 zitiert hat: „La rivoluzione siamo noi“ (Die Revolution sind wir).
Mathias Döpfner ist Vorstandsvorsitzender der Axel Springer AG























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