Interview

Patricia und John von der Kelly Family starten ihr Comeback

Patricia und John von der Kelly Family wollen an ihre alten Erfolge anknüpfen. Ein Gespräch über Glück und Glauben.

Patricia und John von der Kelly Famiy am Neuen See im Tiergarten

Patricia und John von der Kelly Famiy am Neuen See im Tiergarten

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Die Musikgruppe The Kelly Family feierte Mitte der 90er-Jahre ihre größten Erfolge – und das weltweit. Auf ihren Konzerten herrschten ähnliche Zustände wie bei Auftritten der Beatles, Teenager kreischten nicht nur, sondern fielen auch regelmäßig in Ohnmacht. Anfang der 2000er-Jahre wurde es stiller um die musizierende Großfamilie. Rund 20 Millionen verkaufte Tonträger und 48 Gold- und Platin-Schallplatten später wagen die Kellys ein Comeback. Wir trafen die Geschwister Patricia und John zum Interview.

Können Sie sich eigentlich noch an Ihren ersten Aufritt erinnern?

John : Im Jahr 1974, da war ich sieben Jahre alt. Vor unserem Haus haben wir gespielt, ich am Schlagzeug. Die spontane Idee, für unsere Freunde und Nachbarn vorm Haus zu spielen, war im Prinzip unser erster öffentlicher Auftritt. 1975 kam dann der erste bezahlte, im Norden von Spanien.

Patricia: Ich erinnere mich noch, wie meine Mutter mich auf dem Arm hatte und betete, dass ich bald einschlafe. Es war schon sehr spät. Die anderen waren auf der Bühne. Ich wollte unbedingt mitmachen und blieb wach, um den Auftritt zu erleben. Mein Vater meinte immer, du bist zu jung, du darfst noch nicht. Ich wollte immer mit. Mit fünf war ich natürlich viel zu jung, aber ich habe geschrien, dass ich mit will. Dann schlug unser Vater vor, dass ich mit auftreten dürfte, wenn ich alle Lieder in einer Woche lerne zu spielen. Dann habe ich von Caroline, meiner älteren Schwester, Gitarrenunterricht bekommen und habe geübt bis zum Umfallen. Als ich die Lieder meinem Vater vorspielte, zwar grottenschlecht, aber immerhin, sagte er: "Was machen wir nun mit dir?" Von da an durfte ich mit. Da war ich fünf Jahre alt. Ich war so happy, das war für mich das Leben.

Wie hat es sich angefühlt, jetzt wieder gemeinsam auf der Bühne zu stehen?

Patricia: Der erste gemeinsame Comeback-Auftritt hat sich toll angefühlt. Es war wie damals, dieses Feuer, diese Lebensfreude. Man ist wieder Teil von etwas Besonderem. Ich habe dabei und auch hinter der Bühne vor Freude geweint. Ein sehr emotionaler Moment, der an die Freude der Anfangszeit erinnerte. Es war ja auch nicht immer nur Spaß. Ich kann nicht behaupten, dass die Mitte der 90er-Jahre für mich so schön war. Eine Zeit lang bedeutete das Musikprojekt Kelly Family einfach nur noch purer Stress. Es lastete so viel Druck auf uns. Ich wurde krank. Diese gewisse Phase war ein Albtraum. Die vielen Konzerte, das Geschreie. Und jetzt ist es wieder das Entdecken von etwas Großartigem. Wie in der Kindheit.

John: Wir haben so viel gemacht, das war zu extrem. Jeder Mensch brennt irgendwann einmal aus, wenn er zu viel auf einmal macht. Das war unser Leben früher, 24 Stunden am Stück. Heute haben wir nicht diesen enormen Druck. Man kann Abstand nehmen, sich zurückziehen.

Würden Sie sagen, dass Sie jetzt glücklicher sind als mit dem großen Erfolg in den 90er-Jahren?

Patricia: Der Erfolg ist schon eine Droge. Aber er hat seine Kehrseite. Glück ist nicht die Euphorie. Ich habe festgestellt, dass Glück ein ständiges Gefühl ist, eine Zufriedenheit. Ich habe das in den letzten 20 Jahren gefunden. Etwas vermisse ich die Festivals, die wir mit megacoolen Bands und Künstlern wie Aerosmith oder Pavarotti bespielen durften.

John: Glücklich sein, das ist das Wichtigste. Ob du ein Toilettenputzer oder ein Megastar bist, spielt dabei keine Rolle. Glück hat auch immer etwas mit Liebe zu tun. Das kann man nicht kaufen. Für mich war meine Mutter ein Beispiel für Zufriedenheit. Sie hat immer im Hintergrund agiert, sie hat nie Interviews gegeben. Mit wenigen Worten, nur mit ihrer Ausstrahlung konnte sie alles mitteilen. Sie hat diese Liebe, von der ich spreche, gelebt.

Wie kamen Ihre Eltern auf die Idee, das Projekt Kelly Family zu gründen?

John: Unsere Eltern waren schon außergewöhnliche Menschen. Sie wollten die Menschen berühren, Spaß verbreiten.

Ihre Mutter starb 1982, Ihr Vater 2002. Glauben Sie, sie wären glücklich mit Ihrem Comeback?

Patricia: Da bekomme ich Gänsehaut. Ja, ich glaube, sie wären stolz auf uns, weil wir es geschafft haben, wieder zusammenzukommen. Papa und Mama sind im Moment sehr präsent für mich. Ihre Liebe war der Funke, aus dem die Kelly Family entstanden ist.

John: Absolut. Das ist ein Wunder, die Kelly Family gibt es jetzt 42 Jahre, und jetzt stehen wir wieder auf der Bühne. Ich denke sehr oft an meine Eltern, auch wenn wir auf der Bühne stehen. Singt für alle Kinder auf der ganzen Welt, hat meine Mutter damals gesagt. Sie war immer unser Motor.

Patricia, Sie sind praktizierende Katholikin. War das immer so?

Patricia: Ich war immer gläubig, auch als Kind. In keinem Moment in meinem Leben habe ich nicht an Gott geglaubt. Aber eine Zeit lang war Gott nicht das Wichtigste für mich. Nach den 90er-Jahren wurde ich sehr krank. Da habe ich gelernt, dass man das Glück nicht in anderen Menschen findet, sondern es in dir selbst wachsen muss. Manche stürzen sich in Drogen, bei mir war es der Glaube. Ich glaube, dass ich ein Kind Gottes bin, und egal was passiert, er ist da für mich. Diese Gewissheit hat mir die Zufriedenheit beschert, die mich glücklich macht. Mich bringt nichts mehr aus der Fassung, weil ich diesen Anker im Glauben gefunden habe.

Ist es in Ihrem Business nicht eher hinderlich, zu sagen, dass man Christin ist?

Patricia: Es ist nicht cool zu sagen: Ich bin katholisch. Da gilt man in der Musikbranche schon als Rebell. Dadurch bekomme ich nicht mehr Plattenverträge, eher weniger. Ich gehe nicht mit tiefen Ausschnitten auf die Bühne, das muss ich auch nicht. Glaube ist eine Lebensentscheidung, und mich macht sie happy. Andere Menschen zeigen ihre Brüste und sind auch glücklich damit. Jeder muss seinen eigenen Weg finden. Ich würde mich als liberalen Katholiken bezeichnen. Für mich ist niemand in erster Linie heterosexuell oder homosexuell, sondern ein Mensch, ein Kind Gottes. Die traditionelle Denkweise der katholischen Kirche ist das, wonach sich viele heute sehnen.

Warum sind nicht alle Kellys bei der Wiedervereinigung mit an Bord?

John: Alle wurden eingeladen, beim Comeback dabei zu sein. Wir sprechen seit zwei Jahren darüber. Wir sind eine Band, in der jeder die gleichen Rechte hat. Die, die nicht dabei sind, haben ihre Gründe, doch unsere Backstage-Tür steht immer offen, sollte sich der ein oder andere das noch mal anders überlegen. Die Kellys waren ja nie eine feste Konstellation von Menschen.

Ihr Bruder Angelo sagte, Sie müssen sich heute auf der Bühne mehr Mühe geben als damals. Sehen Sie das auch so?

Patricia: Es ist viel leichter, heute auf der Bühne zu stehen und zu singen. Unsere Stimmen haben sich ja weiterentwickelt. Ein paar Falten sind da, aber man kann uns noch anschauen (lacht). In den 90er-Jahren sah ich nicht so gut aus wie heute, weil ich damals nicht glücklich war. Heute bin ich entspannter, das strahlt man dann auch aus.

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