Russischer Gastronom

Russlands Jamie Oliver expandiert nach Charlottenburg

Der Jamie Oliver Russlands, Aram Mnatsakanov, eröffnet eine Dependance in Berlin. Ein Besuch auf der Baustelle an der Meinekstraße.

Aram und Mikhail Mnatsakanov auf der Baustelle ihres Restaurants an der Meinekestraße

Aram und Mikhail Mnatsakanov auf der Baustelle ihres Restaurants an der Meinekestraße

Foto: Reto Klar

Aram Mnatsakanov nutzt den Moment. Von der Übersetzerin unbemerkt greift er nach der Hand des Besuchers. "Come with me", flüstert er. Dann geht es mit einem Ruck hinter Mnatsakanov her, der 1,70-Meter-Mann hat Kraft, er grinst, Widerstand zwecklos. Zügig geht es hinaus aus der Baustelle mit der Hausnummer zehn, hinein in den Eingang links daneben. Ein gutbürgerliches Treppenhaus ist zu sehen, großer Spiegel an der Wand, Briefkastenbatterie daneben.

Aram Mnatsakanov ist Großgastronom aus Russland. Acht verschiedene Restaurants, Bars und Cafés in Sankt Petersburg und Moskau gehören zu seinem Imperium. Der gebürtige Armenier hat sein erstes Lokal 2003 eröffnet, heute zählen 200 Mitarbeiter, drei selbst verfasste Bücher und unzählbare Auftritte in Sendungen wie "Hells Kitchen Russia" und "Hells Kitchen Ukraine" sowie bei "Kitchen Nightmares" und bei "Real Kitchen" zu ihm. Als Juror. Mnatsakanov gilt als der Jamie Oliver Russlands, in seinen Restaurants verkehrt Szene, Prominenz sowie die Food-Fans des Landes.

An der Wand in Mnatsakanovs Stammrestaurant in Sankt Petersburg hängen signierte Teller, sie zeugen von Besuchen von Mick Jagger, Sophie Marceau, John Malkovich, Sting, den Sex Pistols und Meryl Streep . Auch aus Deutschland hat sich ein Gast verewigt. Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder. Nicht ganz zufällig. Der russische Präsident und Schröder-Freund persönlich, Wladimir Putin, zählt ebenfalls zu Mnatsakanovs Gästen.

Zwei Russen hätten vor dessen erstem Besuch vor seiner Tür gestanden und nach Plätzen für eine chinesische Delegation gefragt, erzählt Mnatsakanov. Sie hätten jedoch verlangt, er möge seine Tische dafür in einer separaten Ecke zusammenschieben. Das wollte der Gastronom jedoch nicht. Da habe ihn der eine der beiden Herren um ein Gespräch unter vier Augen gebeten und erklärt, um wen es sich tatsächlich handeln würde. Die Tische waren plötzlich doch verschiebbar. Auch wenn Mnatsakanov noch wissen wollte, warum der Präsident "verdammt noch mal" mit einer chinesischen Delegation zu ihm kommen wolle.

Mnatsakanov stößt eine kleine Tür rechts des Treppenaufgangs auf. Dunkelheit und Staub warten, Mnatsakanov kennt keine Gnade, es geht weiter hinein. Durch einen langen Gang, zwei Mal links, schwach nur mit der Taschenlampe seines Handys beleuchtet, führt der Weg in einen kleinen Raum. Etwas Licht dringt durch die mit Zeitungspapier verklebten Fenster zur Straße. "This is the smallest bar of Berlin", sagt Aram Mnatsakanov. Er ist stehen geblieben – und klingt sehr zufrieden. "And this is mine, too."

Aram Mnatsakanov plant die Expansion. Ein Restaurant mit Weinbar in Berlin. Nach der Eröffnung des "Mine" ("mein" ausgesprochen) in der Meinekestraße 10 in Charlottenburg soll ein weiterer Standort in London im nächsten Jahr folgen. Wie in Russland soll es italienische Küche mit lokalen Produkten geben. In Moskau kocht das Team mit Büffelmozzarella aus der Region, in Berlin soll es dann die Burrata aus Brandenburg sein. Dazu die in der Heimat populärsten Gerichte von ihm: Pasta mit schwarzem Trüffel, Linguine mit rotem Kaviar, Tortelli mit Burrata. "Ich wollte schon immer in Berlin ein Restaurant eröffnen", sagt Aram Mnatsakanov. "In dieser so jungen und so großartig offenen Stadt."

Mnatsakanov hat eine eigene Geschichte über Berlin zu erzählen. Seine erste Frau ist nach der Trennung von ihm hierhergezogen. Mit den gemeinsamen Kindern, Lina und Michail, 2001. Oft habe er sie in der deutschen Hauptstadt besucht, als sie das Jüdische Gymnasium besuchten, Michail neben seinem Kellnerjob im "Gorki Park" am Weinbergsweg eine Ausbildung in Potsdam begann, später unter anderem bei Jörg Behrend im "Hotel de Rome" in der Küche stand. "Der Anfang in Berlin war nicht leicht", sagt Michail Mnatsakanov. "Aber ich habe mich gezwungen, in sechs Monaten die deutsche Sprache zu können. Ab da war es klasse."

Der 30-Jährige ist an diesem Tag ebenfalls auf die Baustelle des "Mine" in Charlottenburg gekommen. Nach Stationen in Frankreich, der Toskana und in Rejkjavik ist der Mnatsakanov-Sohn nach Berlin zurückgekehrt. Er leitet das Projekt des Vaters, als Geschäftsführer und Souschef wird er das "Mine" führen. Das Restaurant sowie die Weinbar, in der die Bioweine des Hauses gleich im Anschluss gekauft werden können sowie Wartende ihren Abend mit einem Drink beginnen sollen, wie Michail Mnatsakanov erzählt.

Stolz hat der Vater seinem Sohn zugehört. Und dann erzählt Aram Mnatsakanov noch eine Anekdote aus der Heimat. Wie der Besuch von Meryl Streep angekündigt worden war, zu den Internationalen Filmfestspielen von Sankt Petersburg. Und wie die Schauspielerin viel zu spät und mit unangenehm auffälliger Stretchlimousine vor sein Restaurant gefahren kam. "Ich dachte schon, oh nein, eine Diva", sagt Mnatsakanov, sei ihr Auftritt doch so prätentiös gewesen. Doch Streep sei in den Laden durch den Gastraum direkt zu ihm in die Küche gerannt und hätte gerufen: "Hilfe, retten Sie mich, die denken, ich mag so was!" Und dann sei sie nicht mehr aus der Küche zu bekommen gewesen – und habe die Trüffelpasta direkt bei ihm aus dem Topf gegessen.

Solche Erlebnisse erhoffe man sich für Berlin natürlich auch, sagt Aram Mnatsakanov. Auch wenn ihm glückliche wichtiger als prominente Gäste seien. Er lacht und schaut aufmunternd in Richtung seines Sohnes. "Ja, und spätestens im November wollen wir dann eröffnen", sagt Michail Mnatsakanov.

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