"Aus der Haut"

Claudia Michelsen wünscht sich mehr Toleranz

Claudia Michelsen und Merlin Rose haben gemeinsam den ARD-Film „Aus der Haut“ gedreht. Ein Gespräch über Vorurteile und Aufklärung.

Claudia Michelsen und Merlin Rose, Schauspieler und Hauptdarsteller in dem Film "Aus der Haut" vom Regisseur Stefan Schaller und Drehbuchautor Jan Braren

Foto: Amin Akhtar

Claudia Michelsen und Merlin Rose, Schauspieler und Hauptdarsteller in dem Film "Aus der Haut" vom Regisseur Stefan Schaller und Drehbuchautor Jan Braren

Für den ARD-Film "Aus der Haut" (9. März, 20.15 Uhr) standen Claudia Michelsen und Merlin Rose gemeinsam vor der Kamera. Die gebürtige Dresdnerin spielt darin die Mutter eines Jungen, der sein Coming-out erlebt. Für den 23-jährigen Berliner Nachwuchsschauspieler Rose war die Rolle die nächste große Herausforderung. Ein Gespräch über Vorurteile, fehlende Aufklärung und Fremdenfeindlichkeit.

Berliner Morgenpost: Ist Homosexualität heute überhaupt noch ein Problem?

Merlin Rose: Ich glaube, dass es nicht so einfach ist, wie wir uns das vorstellen, denn nicht alle akzeptieren es zu 100 Prozent. Es gibt immer noch unterschwellige Homophobie, und sei es nur, dass auf Schulhöfen "Schwuchtel" die beliebteste Beleidigung ist.

Haben Sie in der Schule Homophobie erlebt?

Rose: Ja, na klar. Ich habe einen Kumpel aus der Schule wiedergetroffen und erfahren, dass er schwul ist. War er schon immer, aber er wäre in der Schule nie auf die Idee gekommen, das öffentlich zu machen, sagte er mir. Es ist immer noch so, dass man zugeben müsste, nicht normal zu sein.

Man wünscht sich doch, dass wir über das Thema längst hinweg wären ...

Claudia Michelsen: Ich denke, wir sind über viele Themen noch nicht hinweg. Wir tun zwar fortschrittlich, emanzipiert und weltoffen, aber die Realität im täglichen Umgang miteinander sieht oft anders aus. Wir leben immer noch Grenzen, "versündigen" uns und verurteilen andere. Das sitzt tiefer als wir es zugeben mögen. Bis wir wirklich frei sind und jeden "Nächsten" so lieben wie uns selbst, braucht es noch viel Zeit. Aber der erste Schritt ist, sich dessen bewusst zu werden.

In "Aus der Haut" versuchen Sie und und Ihr Kollege Johann von Bülow locker mit dem Coming-out des Sohnes umzugehen, und erleben doch eine Überforderung.

Michelsen: Ja, die beiden Eltern versuchen krampfhaft, tolerant mit der Situation umzugehen, worin sie teilweise bitter scheitern. Aber dieses Scheitern setzt Neues in Bewegung, ein Erwachen über das eigene Leben. Für mich pubertieren die Eltern mehr als der Sohn.

Haben Sie Merlin Rose beim Dreh viele Ratschläge gegeben?

Michelsen: Viele sehr erfolgreiche junge Leute, wie zum Beispiel Merlin, gehen ja heute gar nicht mehr auf Schauspielschulen. Ich bin da vielleicht auch eher altmodisch. Dieser Beruf ist für mich ein Handwerk, welches man, natürlich Talent vorausgesetzt, erlernen sollte. Wie lange hält sich dieser schnelle Erfolg und was ist wenn "jung" vorbei ist? Aber ich lasse mich da auch gerne eines Besseren belehren, insofern bewundere ich den Mut dieser Generation.
Rose
: Ich finde es immer interessant, auch andere Perspektiven zu hören, aber ich finde es schwer, wenn es ums Spielen geht, Techniken von jemanden anzunehmen.

Frau Michelsen, wie nehmen Sie denn aktuell die fremdenfeindliche Stimmung in Ihrer Heimat Dresden wahr?

Michelsen: Das ist ein wirklich trauriges Thema für mich und hinterlässt große Ratlosigkeit. Es ist offensichtlich sehr viel versäumt worden. Die Bedürfnisse der Menschen wurden und werden zu wenig wahrgenommen. Aufklärung fehlt. Was passiert denn wirklich, wenn wir so viele Menschen aufnehmen? Welche Chancen bringt das für das Land mit sich? Angst regiert und Unsicherheit, und das macht aggressiv.
Rose
: Ich empfinde es als gruselig, wenn Tausende Menschen auf die Straße gehen und rechte Parolen schreien. Natürlich gibt es eine Gegenbewegung, doch die wird gegen den braunen Sumpf kaum wahrgenommen. Es gibt viel Dummheit und Menschen, die sich das zunutze machen. Klar sind nicht alle Nazis, die da mitlaufen, aber die deutsche Tradition des Mitlaufens und nachher Nichts-gewusst-Habens, ist nicht zu vergessen.

Was wünschen Sie sich in diesem Zusammenhang für die Zukunft?

Michelsen: Ich wünsche mir, dass sich wirklich um die Leute gekümmert wird, die hier um Asyl bitten. Ich wünsche mir, dass man den Umgang mit der Waffenindustrie überdenkt. Wir sind immer noch einer der größten Lieferanten für die Gebiete, aus denen teilweise die Menschen hierherkommen. Das ist doch eine Farce. Ich wünsche mir mehr Toleranz im Umgang miteinander, egal, wo wir herkommen, ob wir blau, grün, schwarz oder regenbogenfarben sind.

Die Überforderung im Film lässt sich wohl auf viele Lebensbereiche übertragen?

Rose: Viele haben Angst, den vermeintlich richtigen Weg zu verlassen. Sie denken, wenn sie auf einer strikten Bahn bleiben, dann könne ihnen nichts passieren. Viele Menschen haben Angst sich einzugestehen, dass es diese Norm gar nicht gibt, dass keiner von uns normal ist. Keiner ist wie der andere und trotzdem sind alle gleich.

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