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13.03.09

ITB-Blog

Jet & Bett

Kein Land bleibt unentdeckt, kein Trend entgeht ihm - Michael Hegenauer ist auf der Internationalen Tourismusmesse in Berlin unterwegs.

© BM Infografik
Jet & Bett

Wasser hat keine Balken – und keine Krise

13.03.2009, 21 Uhr

Kreuzfahrten, ob nun auf dem Meer oder auf dem Fluss, boomen ohne Ende. 2008 haben rund 1,3 Millionen Deutsche sich für einen schwimmenden Urlaub entschieden. Fragt sich nur, warum.

Was ist bloß dran an einem Schiff? An einem Urlaub auf einem Schiff? An einer winzigkleinen Kabine, womöglich innen liegend und damit fensterlos (die kann man sich zumindest noch leisten)? Es schwappt und schaukelt, es ist je nach Kabinenlage auch noch notorisch-motorisch laut, das Badezimmer macht dem Begriff Nasszelle alle Ehre.

Man isst vor Langeweile viel zu viel und kann eigentlich nur auf heftigen Seegang hoffen, um radikal eine notbremsengleiche Zwangsdiät einzulegen.

Besonders schlimm: Schaut man sich um (und auf einem Schiff gibt es nun mal kein Entrinnen), sieht man nur alte Leute – denn alt sind natürlich immer nur die anderen. Sie wollen es genauer wissen? Auf den Hochseeschiffen betrug das Durchschnittsalter 49,7 Jahre. Auf dem Fluss-Kreuzer sogar 58.

Es gibt, glauben Sie mir, zig gute Gründe KEINE Kreuzfahrt zu machen (in der Karibik von Insel zu Insel ließe ich mir das ja noch gefallen, aber eine Flusskreuzfahrt? No way.)

Aber es scheint auch genügend Aspekte zu geben, die eine Schiffsreise zum puren Vergnügen für immer hin rund 1,3 Millionen Deutsche machen. So viele haben nämlich im vergangenen Jahr eine Kreuzfahrt gemacht. Und spendabel waren sie dabei auch noch, denn ein Landurlaub kommt die Deutschen erheblich billiger.

Schaut man sich die wesentlichen Daten der frisch vom Deutschen Reiseverband (DRV) vorgestellten Kreuzfahrtstudie an, reibt man sich die Augen: Zweistellige Zuwächse auf See und auf den Flüssen. Konkret: Anbieter von Hochsee-Kreuzfahrten freuen sich über ein Gäste-Plus von 18,9 Prozent, auf den Flüssen tummelten sich 14,8 Prozent mehr Deutsche als im Jahr zuvor.

In absoluten Zahlen: 906.620 Bundesbürger schipperten gediegen übers Meer und 383.690 über die Flüsse.

Wahnsinn I: Die Aussichten für das "Krisenjahr" 2009 sind insofern rosig, als dass immerhin knapp die Hälfte der befragten Unternehmen eine Steigerung der Passagier- und Umsatzzahlen erwartet (damit wäre die Millionen-Schallmauer bei den Hochseereisenden durchbrochen).

Wahnsinn II: Auch die Umsätze stiegen gewaltig, nämlich allein um 17,8 Prozent auf dem Meer – hier betrug er knapp 1,7 Milliarden Euro. Pro Reise gaben die Deutschen 1868 Euro aus, macht einen durchschnittlichen Tagespreis von 199 Euro (bei 9,37 Tagen Reisedauer).

Hat jemand zufällig ein Schiff über? Wir sollten es schnell zu Wasser lassen. So ein Anti-Krisen-Kreuzer, das wär's jetzt. Man muss ja nicht selbst mitfahren.

Wie viel Minus darf es denn sein?

12.03.2009, 11.15 Uhr

"FREE" ist das neue F-Wort der erfolgsverwöhnten Sonnenscheinbranche. Die Rezession (oder ist es doch eine Krise?) wird den Tourismus nicht umkurven.

Monarchie und Alltag. Es hängt ein Grauschleier über der Stadt, den meine Mutter noch nicht wegggewaschen hat, sang einst die Band Fehlfarben auf ihrem Album "Monarchie und Alltag". Es hängt ein Grauschleier über der Tourismusbranche, die in der Verangenheit - wie einst ein aufstrebender asiatischer Tigerstaat - nur positive Zahlen verzeichnen konnte.

In einem sind sich alle Experten einig: Die Finanzkrise, die eine Wirtschaftskrise ist (und damit, Achtung Galgenhumor: keine Rezession) wird das Reisegeschäft kräftig durchschütteln. Um es mit der sonoren Lautsprecherstimme im Flugzeug zu sagen: "Bitte schnallen Sie sich an, wir nähern uns einem Gebiet mit Turbulenzen". Über den Messeständen auf der ITB, der Internationalen-Tourismusbörse hängen derzeit imaginäre Glaskugeln als Dekoration, auf den Tischen stehen Schälchen mit Kaffeesatz.

Keiner weiß, was die Zukunft bringt. Europäische Branchenexperten, so Rolf Freitag (CEO von IPK International) anlässlich seines "ITB World Travel Trends Reports", erwarten zwei magere Jahre mit zögerlicher Erholung in 2011. In den USA glaube man ganz optimistisch, die Krise würde sich bereits Endes dieses Jahres erholen. Im Mittleren Osten denkt man, die Krise dauere vier Jahre und rechnet mit einer Erholung ab 2012. Max Otte, der in seinem vor vier Jahren geschriebenen Buch "Der Crash kommt" (was im Erscheinungsjahr nicht wirklich Viele interessierte, sich dann aber 2008 zum Bestseller entwickelte), Geschäftsführer des Instituts für Vermögensentwicklung; er glaubt, dass sich die Tourismusbranche sicherlich schneller als andere Wirtschaftszweige erholen wird.

Mit dieser Einschätzung steht er nicht allein. Prof. Geoffrey Lipman von der UNWTO (World Travel Organization) verweist darauf, dass der Tourismus immerhin keinen finanziellen Stimulus wie etwa die Autobranche benötige. Er will noch mehr als in der Vergangenheit Politiker auf die Wichtigkeit der Reisebranche aufmerksam machen ("Put tourism on the table"). Seine Prognose geht von Null bis minus zwei Prozent aus, auch mit einem Minus von 5 % könne man sich am Ende dieses Reisejahres glücklich schätzen. Annette Engelke von TUI Cruises ("Mein Schiff") flüsterte mir am ITB-Eröffnungsabend ins Ohr dass ihr Unternehmen sich auf keinen Fall an Preiskämpfen beteiligen würde. Man werde dem Kunden auf andere Art entgegen kommen, mit Extra-Leistungen (wie etwa einer kostenlosen Massage an Bord o.ä.). Das deckt sich mit der markigen Formulierung von Dr. Auliana Poon (Managing Director von Tourism Intelligence International). Sie sagt: "FREE is the new F-word." Sie fordert beispielsweise Hotels auf, nicht an der Preisschraube zu drehen. "Offer better value" ist ihr Tipp, gebt dem Kunden einen Mehrwert. Im übrigen so Poon, sei es ja auch psychologisch ein Unterschied, ob ein Hotel einen Zimmer-Discount von 50 Prozent anbietet oder dem Gast die zweite Hotelnacht kostenlos anbietet.

Was die ITB mit der FDP und diese mit der KP verbindet

11.03.2009, 12.01 Uhr

Wenn man sich Guido Westerwelle als keynote speaker einlädt, kann man was erleben.

Beim Blick aus dem S-Bahnfenster auf der Berliner Ringbahnstrecke Richtung Messegelände erinnert aber auch sogar nichts an Reiseträume, ferne Ziele, fremde Kulturen und Tourismus-Business. Südkreuz statt Südsee. Auf dem Weg zur ITB zieht ein graues Berlin vorbei, die Stadtautobahn Richtung Norden ist verstopft. Alltag eben. Wirklich nur Alltag? Ja, aber eben auch ITB-Alltag. Gleich stürze ich mich ins Hände-schüttel-toll-Sie-zu-sehen-was-macht-das-Geschäft-Geschehen. Es ist der erste Tag der großen Reisemesse, und da drei Fachbesuchertage nicht aus Gummi sind, gibt es schon am Vorabend diverse Veranstaltungen. Wirtschaftsminister zu Guttenberg hatte die Messe am Dienstagabend feierlich-förmlich eröffnet, das Ruhrgebiet sorgte für ein festliches Rahmenprogramm.

Auf einen Politiker wollte auch der Travel Industry Club (TIC) bei seiner "Award Ceremony Night" im Hotel Concorde nicht verzichten. Geladen war FDP-Cef Guido Westerwelle, das passt natürlich perfekt, einen liberalen Politiker bei einem Wirtschaftsverband zu Gast zu haben, der wie kaum ein anderer die Flagge für freie Marktwirtschaft hochhält. Nicht ohne schmunzeln vorgetragenen Seitenhieb verweist Westerwelle auf den Festredner vor zwei Jahren, damals sprach PDS-Gigant Gregor Gysi vor. Guido W., ganz ohne 18 unter der Schuhsohle, ist in seinem Element. Eine leichte Fingerübung für ihn. Er hat quasi ein Heimspiel. Pünktlich zur verabredeten Zeit tritt er ans Rednerpult und stellt sich unter anderem als "Vertreter einer vorübergehend kleineren Partei" vor. Der erste Lacher sitzt. Im Parforceritt skizziert er die derzeitige wirtschaftliche und wirtschaftspolitische Lage, nicht ohne unverhohlene Anspielungen auf das Wahljahr zu machen. Im Gegenteil. "Ja, denken Sie denn vielleicht, ich hätte zu Hause eine feuchte Wohnung und heute Abend nichts anderes zu tun … Herrschaften, aufgewacht, es ist 2009, da müssen Sie jetzt durch…"

Er spricht von "Situation als Chance begreifen … als Problemdruck begreifen", er liegt seinen gut 350 Zuhörern mit Begriffen wie "Hochgeschwindigkeitsglobalisierung", "Dynamik" und "Neidgesellschaft" in den Ohren. Und diese werden immer schärfer gespitzt.

Westerwelle ist gut gelaunt, zumindest gibt er diesen Anschein. Er wirkt (self fulfilling prophecy-mäßig) "dynamisch", ja, geradezu vergnügt und galoppiert grinsend in seiner freien Rede bis nach China.

Mit einer kleinen Wirtschaftsdelegation war er vergangenes Jahr in Peking, beginnt er die seine Reise-Anekdote (schließlich ist das hier ja das Plenum des Travel Industry Club) und anschließend auch in Shanghai.

Dort begab es sich in einem sehr großen, sehr formellen Saal, dass er auf die Stellvertretende Chefin der Kommunistischen Partei von Shanghai traf. Und zur Überraschung des Wirstchaftsliberalen erklärt sie ihm: "Unser Ziel ist es, dass jeder reich wird." Westerwelle kann seinen Ohren nicht trauen, glaubt an einen Übersetzungsfehlers des Dolmetschers. "Hat Ihre Exzellenz wirklich reich gesagt", will der FDP-Chef wissen. "Oder meinte sie vielleicht wohlhabend oder sagen wir auskömmlich."

Darauf die KP-Vizechefin: "Doch, doch: reich. Dabei kann es durchaus sein, dass einige schneller reich werden als andere – diese dann aber mitziehen." Westerwelle zu seinen lauschenden Gästen im Berliner Hotel: "Stellen Sie sich mal vor, ich hätte DAS irgendwo in Deutschland gesagt!"

Von Rollmöpsen, Beck's und Sorgenfalten

09.03.2009, 17.42 Uhr

Früher war nicht nur mehr Lametta, früher war bei den Touristikern ein anderer Typus Manager am Werke. Das spürt man auch auf der ITB.

Jetzt wird es langsam ernst. Zwar öffnet die ITB erst am Mittwoch ihre Messetore, doch schon am 10. März laden Hotels zum "ITB-warm-up" und am Abend werden bereits die "Awards" des Travel Industry Club vergeben. Showtime!

Der moderne ITB-Gänger von heute deckt sich also schnell noch mit Labello, einer Tüte Fisherman's Friend, Salbeilutschbonbons, Aspirin direct, Tempotaschentüchern, Augentropfen, Reisezahnbürste, Blasenpflaster, ein paar Red-Bull-Dosen und gebügelten Hemden ein. Das übliche Messe-SOS-Kit eben. Die Damenwelt möge die Liste um eher feminine Accessoires ergänzen.

Ich weiß von einem Tourismusprofi, dass er sich für die ganze Woche schon mal die tägliche Garderobe hinhängt. Super, er weiß jetzt schon, was er nach durchnetworkter Nacht und viereinhalb Stunden Schlaf am nächsten Morgen, wenn sowieso keiner die Augen aufbekommt, anzieht: Anzug und Oberhemd samt korrespondierender Krawatte hat sich der Herr (er arbeitet bei der Berlin Tourismus Marketing GmbH) auf formschöne Holzbügel gehängt. Davor stehen frisch geputzt die Schuhe. Clever. Profi eben.

Die ITB als größte Reisemesse der Welt ist also noch professioneller geworden. Ein profanes Indiz: Die Besuchertage für das allgemeine Publikum sind immer weniger geworden und die Zahl der Fachbesucher immer zahlreicher. Auch wenn der Tourismus vor allem noch ein reines people business ist: Die Zeit der hemdsärmeligen Vollbluttouristiker, die vor allem aus dem Bauch heraus ihr Geschäft betrieben, ist so gut wie vorbei. Heute regieren Controller und Yield Manager das Geschehen ganz selbstverständlich mit. Das Geschäft ist heute sehr viel kurzlebiger, der Kunde entpuppt sich als weniger verlässlich und damit auch weniger durchschaubar. Er ist anspruchsvoller und zugleich preissensibler. Reiseveranstalter und Leistungsträger müssen sich in einem permanenten Spagat üben.

Denke ich an die Berliner Reisemessen der 80er-Jahre, dann habe ich unweigerlich den Geschmack von Rollmöpsen und Beck's-Bier auf der Zunge. Diese Anti-Kater-Fitmacher gab es seinerzeit immer auf dem der MS Europa nachempfundenen Hapag-Lloyd-Stand. Die ITB war nicht nur an den Abenden eine einzige Party.

2009 gilt es die Falten auf der Stirn der Reisemanager richtig zu deuten: Ist es die pure Erfahrung, die einem da aus den Gesichtern anspringt, oder ist es die Sorge vor dem Krisenjahr?

ITB: Die unheimliche Macht der Messe

08.03.2009, 15 Uhr

Wie ich mich vor 30 Jahren der ITB bediente, um ganz eigennützig Stimmung zu machen. Es ging immerhin um die Frage, ob die Klassenreise eine Fahrt ins langweilige Frankreich oder in den aufregenden Schnee werden würde.

Welche Auswirkung eine Reisemesse haben kann, erfuhr ich am eigenen Leib vor 30 Jahren. Als 14-Jähriger besuchte ich in Berlin die 9. Klasse der Wald-Oberschule und hatte mich, obwohl das Gymnasium auch Sport (!) als Schwerpunktfach anbot, für Französisch als dritte Fremdsprache entschieden. In der 10. Klasse stand turnusmäßig eine Klassenfahrt an, und was lag näher, als dass wir als Französischklasse auch ins Land der Olala-Mädchen, knackigen Baguettes und filterlosen Gauloises reisen würden. Alle schienen dafür. Die Alternative lautete Skireise. Doch die buchstäblich beiden Einzigen, die im Frühjar 1979 für einen Trip ins die weiße Kälte waren, waren Vinzenz Bedke und meine Wenigkeit. Winnie und ich waren absolut skiverrückt. Und wir hatten uns in den Kopf gesetzt, das Ding zu drehen.

Wir wollten ganz rebellisch und stimmungsvoll Wahlkampf machen. In bester Politkermanier führten wir vertrauliche Hintergrundgespräche, zunächst mit denjenigen Klassenkameraden, die eigentlich auch lieber Sport als Frz. gewählt hätten und lettendlich nur dem moralischen Zeigefinger der Eltern gehorchten.

Dann schlug die Stunde der ITB. Winnie und ich gingen in die einschlägigen Messehallen unter dem Berliner Funkturm und steuerten ganz gezielt die Stände der Alpenländer an. Wir sammelten Prospekte, Aufkleber und Poster. Vor allem die farbigen Poster erwiesen sich als echter Bringer. Mit Tesafilm tapezierten wir die Rückwand unseres Klassenraums: Traumhaft schöne Wintermotive vom Salzburger Land, Skifahrer im sonnigen Tirol, Tiefschneehänge in – ich weiß es noch genau – Courmayeur. Davon schwärmte Winnie besonders, weil er da schon ein paar mal mit seiner Familie war. Wir waren immer nur im Allgäu oder in Seefeld, genauer in Auland bei Seefeld, weil Auland billiger war. Doch Winnie war in Courmayeur in Iatlien. Hier der Montblanc auch Monte Bianco, was mich vollends irritierte. Denn wieso liegt ein französich auszusprechender Skiort in Italien?

Es war uns völlig schnurz, wohin eine mögliche Skireise gehen würde. Hauptsache wir würden nicht nicht im Sommer nach Frankreich reisen und verstaubte Ausstellungsstücke in irgendwelchen Museen anglotzen müssen oder an der langweiligen Loire aufs Wasser starren müssen. Wir wollten in die Berge, mit viel Schnee und steilen Pisten.

Leider hatten wir kein Patent auf unsere Posteraktion. Es dauerte also keine zwei Tage, und der Klassenraum hing voller Poster, darunter auch sehr, sehr viele Frankreichmotive.

Egal, was soll ich sagen. Wir haben den Wahlkampf gewonnen, nach allen Messeregeln der Kunst haben wir unser Publikum emotional dermaßen aufgeheizt, dass wir die schier aussichtslose Stimmungslage zu unseren Gunsten entscheiden konnten. Wir waren die Obamas unserer Zeit.

Im Winter des Jahres 1980 fuhren wir mit der Nachbarklasse im Bus auf Klassenreise. Worauf wir keinen Enfluss hatten: Wir fuhren nach Haus. Nach Haus im Ennstal. Was für ein Namens-GAU - da wird man gefragt, wohin man denn zum Ski fahren reise, und man muss mit entschuldigender Miene antworten: "nach Haus".

Seit dieser Messeerfahrung vor 30 Jahren weiß ich, was die ITB bedeuten kann, was die größte Reisemesse der Welt in der Lage ist emotional zu entfachen und welchen Wert sie als Treffpunkt für Tourismusinteressierte aus aller Welt hat. Ich glaube, ich war seitdem mehr als 20 Mal auf der ITB, und ich möchte keinen Messetermin missen.

Was Singapur mit Berlin verbindet

04.03.2009, 10.54 Uhr

Eine Woche vor Beginn der internationalen Reisemesse ITB habe ich mich in Singapur umgesehen. Das liegt ja wohl nahe, oder?

Nur noch eine Woche, ich kann es kaum glauben! Die Internationale Tourismus-Börse (ITB) rückt immer näher, am 11. März geht die Reisemesse endlich wieder los. Im Oscar-gekrönten Film "Slumdog Millionaire" dreht sich die 20-Millionen-Rupien-Frage um den dritten der Vier Musketiere. In diesem bescheidenen Blogeintrag richtet sich die Quizfrage an Tourismusinsider: In welcher Stadt fand denn die letzte ITB statt?

Nicht immer ist das Naheliegende auch das Richtige. Denn wer bei der ITB nur an den Stammplatz Berlin und die zum Teil herrlich altmodischen Messehallen unter dem Funkturm mit Palais und Sommergarten denkt, springt zu kurz.

Die letzte ITB war eine "ITB Asia" und fand im Oktober 2008 in Singapur statt. Zunächst gibt es einen Kontrakt bis 2010, jeden Herbst wird also eine dreitägige B2B-ITB stattfinden, der Endkonsument allerdings hat keinen Zutritt.

Ich habe keine Kosten und Mühen gescheut, um mich im Vorfeld der Berliner Tourismus-Börse im asiatischen Vorzeigestaat nach touristischen Fakten und Neuheiten umzusehen.

In der erst an diesem zurückliegenden Wochenende erschienenen The Business Times las ich doch bei tropischen 32 Grad im Schatten einen Artikel über die Hotelraten der Stadt anlässlich des Formel-1-Nachtrennens (dem ersten seiner Art): Vom 24.-28. September 2008 spülte der F1-Zirkus mal eben 168 Millionen Singapur-Dollar (etwa 84 Mio. Euro) in die Kassen. Die Zimmerraten kletterten auf durchschnittlich 616 S$ (150,4 Prozent Plus), doch interessanterweise sank die Belegungsrate um sechs Prozent gegenüber dem Jahresdurchschnitt auf 75 Prozent. Doch mit einem "Revpar" (Revenue per available room) von 462 S$ (plus 132,3 %) dürften die Hoteliers des Stadtstaates mehr als zufrieden sein.

Dass die globale wirtschaftliche Schwächung auch nicht an Singapur vorbeigeht, veranschaulichen die Januarzahlen des Landes: Die Besucherankünfte gingen um 12,9 % zurück, das oben genannte Revpar bei den Hotelzimmern sank um 30,2 % auf 140 Singapur-Dollar und die durchschnittliche Belegungsrate AOR (overall average occupancy rate) sank im ersten Monat dieses Jahres um 17,7 auf 67 Prozent gegenüber dem Wert des Vorjahresmonats.

Doch Singapur setzt, wie könnte es anders sein, auf die Zukunft: Gleich auf zwei Großbaustellen kann man die schwitzenden Bauarbeiter und drehenden Kräne beobachten – auf der Vergnügungsinsel Sentosa (dessen unheimlicher Wandel eine eigne Story Wert wäre) und an der Marina, gleich gegenüber dem Riesenrad Singapore Flyer (dessen Auslastungszahlen ebenfalls eine andere Geschichte wären).

Auf beiden Milliarden teuren Mega-Baustellen entstehen "Integrated Resorts" mit Hotelkomplex, Eigentumswohnungen, Tagungs- und Konferenzräumen, Las-Vegas-ähnlichen Spielkasinos, Restaurants, allerlei Unterhaltungsangeboten (wie etwa ein Science Museum und ein Universal Studio) und angeblich Zehntausenden Arbeitsplätzen.

Wenn die ITB Asia tatsächlich ihren Erfolg ausbaut und die Zuwächse an Ausstellern (2008: 651) und Besuchern (2008: 6208) anhalten, wird dieser asiatische Ableger der Berliner Reisemesse wohl 2010 von Suntec City ins dann fertiggestellte The Marina Bay Sands umziehen. Und vom Berliner ITB-Büro ist zu hören, dass man sich auch einen USA-Ableger sehr gut vorstellen könnte …

Der Pradagürtel wird enger geschnallt

19.02.2009, 18 Uhr

Die ersten Anzeichen für das Reisejahr 2009 versprechen keine rosigen Zeiten. Die ITB, Leitmesse der Tourismusbranche, wird zum Kompass für eine ganze Industrie

Sie kommt, sie eilt mit großen Schritten auf die Hauptstadt, und schon bald wird sie vom Himmel fallen wie derzeit die Schneeflocken auf das Berliner Pflaster. Die ITB 2009, die größte Reisemesse der Welt.

Es vergeht kein Tag, an dem ich mit Einladungen überhäuft werde. Ein Pressetermin hier, ein exklusiver Talk da, eine Gesprächsrunde, ein Vortrag, ein Hintergrundgespräch, ein informatives Hotelfrühstück, ein lockerer Cocktailempfang, ein Dinner. Die Zahl der gedruckt und elektronisch vorliegenden "ITB-Invitations" ist längst ins Dreistellige ausgeufert.

Die Internationale Tourismus-Börse vom 11.-15 März ist der größte Branchentreff der Welt. Egal, ob touristische Unternehmen sich in den Messehallen unter dem Berliner Funkturm einen Messestand leisten oder nicht: Hier wird Big Business gemacht, alte Leidenschaften wieder entflammt, neue, zukunftsträchtige Bekanntschaften gemacht. Tourismus ist ein People Business.

Fachbesucher werden zu Selbstdarstellern und zu Spionen gleichermaßen: Schaut her, was wir alles haben und können (und was haben die, was wir nicht haben?). Die ITB ist Leistungsschau und Jahrmarkt, Party und Show zugleich. Die Fachbesucher schließen Verträge und manchmal auch Freundschaften. Der Endverbraucher hat die einmalige Chance, an zwei Messetagen einmal um die Welt zu reisen, sich Anregungen zu holen, Träume auf den Weg zu schicken.

Ja, es geht der Reisebranche gut, doch der Pradagürtel wird auch hier enger geschnallt. Die ersten Anzeichen für das Reisejahr 2009 versprechen keine rosigen Zeiten. Mega-Märkte wie die USA beispielsweise brechen inbound wie outbound teilweise heftig ein. Viele Deutsche können oder wollen sich noch nicht festlegen, wo sie dieses Jahr ihren Urlaub verbringen – oder ob sie überhaupt verreisen. Balkonien ist ja auch ganz schön, Und wenn der Sommer so intensiv wird, wie sich der Winter präsentiert …

Doch die Reiseveranstalter, einer nach dem anderen, verlängern ihre Fristen für Frühbucherrabatte, das lässt tief blicken. Stirnrunzeln in den Konzern-Chefetagen. Gegensteuern, so gut es geht, Kapazitäten rechtzeitig senken, dem Yield Management noch mehr vertrauen. Die Umsätze, sie müssen einfach her.

Die Standflächen der Messe sind längst alle vermietet, doch auch daran wie Hotels, Reiseveranstalter oder Länder ihre Abendtermine ausrichten, kann man ablesen: Die globale wirtschaftliche Situation wird die Reisebranche nicht zu verschonen. Was früher eine lange "Party-Night" mit nicht versiegender Champagner-Bar war, ist dieses Jahr eine auf drei Stunden begrenzte "Green Lounge". Eine PR-Agentur, die seit Jahrzehnten in einer Berliner Kneipe an drei Messenächten DER Sammelpunkt aller war, speckte zuletzt auf zwei Abende ab – 2009 wird es nur einen wilden Abend geben. Luxushotelgruppen die früher – etwa im edlen Adlon – mit üppigsten Meeresfrüchtebuffets die Ahs und Ohs der Anzugträger auf sich vereinen konnten, laden heute zum Standtermin in die Halle 9.

Das ist nicht weiter schlimm. Aber es fällt auf, im "Krisenjahr 2009".

Krise? Welche Krise?

11.02.2009, 13.13 Uhr

Es gab Zeiten, in denen aus dem Tourismussektor fast nur gute Nachrichten drangen. Tolle Zuwächse, noch mehr Flugverbindungen, noch billigere Tickets, noch luxuriösere Hotels – die ganze bunte Katalogwelt rauf und runter. Doch jetzt, in einem wirtschaftlich weltweit angespannten Umfeld, haben sich selbst in der Gute-Laune-Branche ein paar düstere Wolken auf dem sonst so makellos blauen Reisehimmel festgesetzt. Denn, die Frage aller Fragen lautet: Was passiert wohl 2009? Wie ein übler Geruch scheinen Auswirkungen der Finanzkrise durch einen Spalt unter der Haustür ins Private zu dringen und viele Reisende zu einer Buchungszurückhaltung zu animieren oder sogar zu zwingen.

Machen wir also das Fenster auf und lassen schon mal frische Luft in die Bude. Das Beste am Februar ist, dass bald der März kommt! In knapp vier Wochen nämlich startet wieder die weltgrößte Reisemesse in Berlin, und ich werte es mal als gute Nachricht, dass die "globale Leitmesse der Reiseindustrie" (so formuliert es der Veranstalter der Internationalen Tourismus-Börse, ITB) erneut ausgebucht ist. Alle Standflächen, jeder einzelne verfügbare Quadratmeter ist verkauft. Für Samstag-ins-Stadion-Geher: Man stelle sich dicht an dicht stehende Messestände auf der Fläche von 25 Fußballfeldern vor.

Und wieder werden rund 11.000 Unternehmen und Organisationen aus mehr als 180 Ländern während der fünf Messetage in den 26 Hallen unter dem Berliner Funkturm zugegen sein. Im vergangenen Jahr wollten das immerhin 177.891 Besucher erleben.

Zu den neuen Ausstellern gehört das Kosovo. Und Abu Dhabi, Qatar, New York und Florida sollen ihre Stände vergrößert haben. Besonders ins Zeug legen wird sich der deutscher Vertreter der Kulturhauptstadt Europas 2010: "RUHR.2010" ist die Partnerregion der diesjährigen ITB und will und während der Messe "mit kulturellen Events sowie kulinarischen Genüssen vertreten sein". Das kann ja was werden.

Size doesn't matter! Oder doch? Jahrelang hatte die TUI, immerhin die größte Reiseveranstaltergruppe Europas, gefühlt eine halbe große Halle in Beschlag genommen, mit einem gigantischen Messestand über mehrere Ebenen, mit Info-Desks und Mandelduft versprühenden Touchscreen-Computern, mit Gesprächstischchen und schalldichten Rückzugszimmern. Doch die TUI wird 2009 keinen 1000-Quadratmeter-Messestand haben, wie schon 2008 und 2007 nicht. Aus Kosten-Nutzen-Gründen. Wird die TUI deswegen weniger gebucht? Nein. Und damit steht Deutschlands Reiseriese nicht allein. Dass Thomas Cook, Rewe Touristik und Alltours erneut mit Abwesenheit in den Hallen glänzen werden, juckt die Messeverantwortlichen wenig: Denn auch in diesem – tatsächlich wegweisenden – Jahr übersteigt die Nachfrage das Angebot.

Natürlich wird dieses Jahr gereist. Die Frage (ich wiederhole mich) ist wohin, wie lange und zu welchem Preis. Wir sind Menschen, wir sind neugierig, wir sind erholungsbedürftig und wir wollen was erleben.

Wie formulierte Loriot unnachahmlich: "Der Mensch ist das einzige Wesen, das im Fliegen eine warme Mahlzeit zu sich nehmen kann."

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