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29.01.12

Agrarmesse

Grüne Woche will verwenden statt verschwenden

15 Millionen Tonnen Lebensmittel werden in Deutschland jährlich weggeworfen. Auch deshalb geht es bei der Grünen Woche in Berlin in diesem Jahr nicht nur ums Schlemmen. Die Veranstalter versuchen, auf nachhaltigen Konsum aufmerksam zu machen.

dpa/DPA

Ilse Aigner (CSU) machte den Rundgang wie auch beim letzten Mal mit Berlins Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit. Bei der Eröffnung zusammen Valeriu Tabara, Landwirtschaftsminister des diesjahrigen Messe-Partnerlandes Rumänien, wurden ihre Mägen noch geschont.

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Valentin Thurn ist ein besonnener Mann. Durch Halle 21b auf der Grünen Woche, in der sich das bevölkerungsreichste Bundesland Nordrhein-Westfalen bloß einen kleinen Streifen gemietet hat, dröhnt lateinamerikanische Musik. Dazu tanzt eine junge blonde Frau den Zumba, eine Art Mix aus Samba, Hip-Hop und Mambo. Der Jägerchor aus Sachsen versucht dagegen anzuspielen, es ist ein heilloses Durcheinander von Tönen. Valentin Thurn stört das nicht. Er wartet ab. Es dauert einige zähe Minuten, bis die Tänzerin die Bühne verlässt, bis die Posaunen und Hörner des Chors schließlich verstummen, dann tritt er auf die Bühne und fragt: "Wie gehen wir eigentlich mit unserem Essen um?" Vor ihm sitzen 40, vielleicht 50 Zuhörer, sie schauen verstohlen zur Seite, als säßen sie im Physikunterricht. Bloß nicht aufgerufen werden. Wie gehen wir mit unserem Essen um? Wenn man so will, hat der Filmemacher Valentin Thurn den Sinn der Grünen Woche in eine einzige Frage destilliert.

Natürlich sind die Motive der Besucher vielfältig. 420.000 werden es in diesem Jahr bis zum Sonntagabend werden, das sind noch einmal 5000 mehr als im vergangenen Jahr, wie ein Sprecher der Messe Berlin sagte. Jeder Besucher gibt im Durchschnitt 109 Euro aus: Dabei bestellen die Menschen Waren im Wert von 84 Euro und zahlen 25 Euro für Speisen und Getränke. Natürlich kommen manche vor allem auf die Grüne Woche, um mit ihren Kindern gemeinsam Tiere zu streicheln. Manche aber auch, um sich zu betrinken. Viele sicherlich, um kostenlos Häppchen zu probieren, und ja, es gibt sogar ein paar, die Erinnerungsfotos mit als Otterböcke und Waldgeister verkleideten Menschen aus der Lüneburger Heide machen wollen. Die meisten aber kommen, um zu essen. Um die Vielfalt nicht bloß deutscher, sondern auch internationaler Delikatessen zu probieren.

Valentin Thurn hat sich also einen guten Ort ausgesucht, um seine Frage zu stellen. Er beschäftigt sich seit drei Jahren mit ihr, hat die vielfach preisgekrönte Dokumentation "Taste the waste" realisiert, aus der in der folgenden Podiumsdiskussion "Verwenden statt verschwenden – neue Wertschätzung für Lebensmittel" immer wieder kurze Einspieler gezeigt werden. Einspieler, in denen der Zuschauer lernt, dass in Deutschland jährlich 15 Millionen Tonnen Lebensmittel einfach weggeworfen werden. Das sind 500.000 vollgeladene Lkw. Würde man die hintereinander aufstellen, würden sie von Berlin bis Peking reichen. Oder, dass allein 500.000 Tonnen Brot auf dem Müll landen, damit könnte man ganz Niedersachsen ein Jahr lang versorgen. Das sind Zahlen, die einen erschlagen – und die nachdenklich stimmen. Reflektieren, was Essen für das Leben eines jeden Einzelnen bedeutet, auch darum geht es bei der Grünen Woche, die 2012 mit 420.000 Gästen die höchste Besucherzahl seit vier Jahren verbucht. Sie will keine reine Konsummesse sein – sie will auch bilden, aufklären, informieren.

Fleischermeister Ludger Fischer aus Vechta in Niedersachen ist das mehr als recht. Er ist seit 25 Jahren auf der Grünen Woche, auch, wie er sagt, um den Menschen zu zeigen, was Qualität bedeutet. Was es für einen geschmacklichen Unterschied macht, wenn der Herstellungsprozess eines Schinkens komplett in einem Betrieb geschieht. Wenn Schweine "human" geschlachtet werden, wie er sagt. Fischer ist fast 70 Jahre alt, man kennt ihn hier schon. Und wer ihn nicht kennt, hört ihn von Weitem seine Schinkenbaguettes anpreisen. Er ist ein Marktschreier alter Schule. "Ich konnte noch nicht laufen, da habe ich schon verkauft", sagt er.

Reste für die Berliner Tafel

Verkauf und Kundenaufklärung, für Ludger Fischer geht das eine nicht ohne das andere. Er liebt Lebensmittel, das merkt man ihm wirklich an. Er kommt aus einer Generation, die nach dem Krieg Hunger litt. Seine Einstellung zum Essen ist qua Geburt schon eine andere als die der meisten Konsumenten heute. Deswegen würde er auch nie auf die Idee kommen, etwas wegzuschmeißen, sagt er. Wie die meisten anderen Aussteller hier kooperiert er mit der Berliner Tafel. Die Mitarbeiter kommen abends vorbei und holen sich die "Abschnitte" ab, wie Fischer sie nennt. Lebensmittel, die er am nächsten Tag nicht mehr verkaufen kann. 60, 70 Kilo seien das pro Tag. Erbsensuppe, Bohnensuppe. "Wegwerfen", sagt er dann noch mal, "das geht gar nicht. Da könnte ich nachts nicht schlafen."

Wenn es allen so ginge, die abends Lebensmittel wegwerfen, dann käme ein Großteil der Handelsindustrie nachts nicht in den Schlaf. Auch das wird aus Valentin Thurns Film ersichtlich. Eigentlich wollte er damals bloß eine Reportage über Mülltaucher machen, die sich ausschließlich aus Supermarktabfällen ernähren. Über sie stieß er auf das Thema, das ihn seither nicht mehr loslässt. Als er gerade erklärt, dass die Produkte so billig geworden sind, dass es sich für die Supermärkte eher lohnt, Waren auf den Müll zu werfen, als sie anderweitig zu verwerten, legt der sächsische Jägerchor wieder los. Es ist schade, dass die Grüne Woche immer auch ein Länderkampf ist. Ein Buhlen um die Gunst des Konsumenten.

Auch bei der 101 Jahre alten Familienbäckerei Dreißig aus dem brandenburgischen Guben kommt auf der Grünen Woche nichts weg. Seit 13 Jahren stellen sie hier aus, seit 13 Jahren gehen die Reste an die Berliner Tafel. Viel sei das aber meist nicht, man kalkuliere so knapp wie möglich. So ist die Grüne Woche laut Messe-Sprecher Wolfgang Rogall für die Tafel mit 15 Tonnen auch kein so gutes Sammelbecken, wie man meinen mag. Bei der Fruit Logistica im Februar, die nur drei Tage dauert, bleiben rund 150 Tonnen übrig.

Zurück in der Diskussion mit Valentin Thurn. Der Jägerchor spielt schon wieder, als der Regisseur einen Satz sagt, der vielleicht auf jeder Eintrittskarte der Grünen Woche stehen sollte: "Das Essen, das wir in Europa wegwerfen, würde zwei Mal reichen, um alle Hungernden der Welt zu ernähren."

Am heutigen Sonntag ist die Grüne Woche von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Die Tageskarte kostet 10 Euro, das Familienticket (gilt für zwei Erwachsene und drei Kinder) 26 Euro. Mit der S-Bahn (Ring S41 oder S42 sowie S46) bis Messe Nord/ICC oder mit der S5 bis Messe Süd. U-Bahn U2 bis Kaiserdamm. Mit dem Auto entweder direkt bis zu den Messehallen (wenige Parkplätze), oder Besucher nutzen die ausreichend zur Verfügung stehenden Gratis-Parkplätze am Olympiastadion (Olympischer Platz). Der kostenlose Bus-Shuttle bringt die Besucher zum Messegelände und wieder zurück.

Anlässlich der Grünen Woche haben viele Geschäfte an diesem Sonntag geöffnet. Die meisten sind zwischen 13 und 18 Uhr offen. Einen Tag vor dem Start des Winterschlussverkaufs locken viele Läden schon mit Rabatten.

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