Grüne Woche
Rumänien wirbt für sich als unentdecktes Reiseziel
Rumänien ist in diesem Jahr das Partnerland auf der Grünen Woche. Das Land präsentiert sich dabei auch als aufstrebendes Urlaubsziel. Nur die Touristen fehlen noch.
Von Andreas Gandzior
Ilse Aigner (CSU) machte den Rundgang wie auch beim letzten Mal mit Berlins Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit. Bei der Eröffnung zusammen Valeriu Tabara, Landwirtschaftsminister des diesjahrigen Messe-Partnerlandes Rumänien, wurden ihre Mägen noch geschont.
Transsilvanien und die Karpaten – literarische Heimat des Grafen Dracula in Bram Stokers Roman. Auch Roman Polanskis Film "Tanz der Vampire" ist in der düsteren Welt der Berge Rumäniens angesiedelt. Gedreht wurde allerdings in den Dolomiten. In Halle 10.2 suchen die Besucher den wohl berühmtesten Vampir der Literaturgeschichte vergebens. Kein Hauch von Grusel und Schauer auf dem Rücken. Eng, warm und überfüllt ist es in der Halle. Wie in allen Hallen auf dem Messegelände am Sonnabend. Rumänien präsentiert sich auf der 77. Internationalen Grünen Woche als aufstrebendes Agrarland. Bereits seit 1973 ist der Staat auf der Messe unter dem Funkturm vertreten, in diesem Jahr jedoch als offizielles Partnerland der Grünen Woche.
60 Firmen präsentieren sich
Als eine Ehre für sein Land und einen Höhepunkt der Beziehungen zu Deutschland nannte der rumänische Minister für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung, Valeriu Tabara, diese Partnerschaft. "Seit 2010 haben die Exporte im Agrarsektor die Importe überholt." 60 Firmen präsentieren Landwirtschaftsprodukte aus dem "Karpatischen Garten". Diese Bezeichnung ist Teil einer Imagekampagne, mit der das Land für sich und seine Produkte wirbt.
Gerade in Sachen Tourismus hat das Land aber noch Defizite. "Rumänien liegt wie Bulgarien direkt am Schwarzen Meer", sagt ein Mitarbeiter. "Aber unsere Strände sind noch lange nicht so gut besucht wie die Bulgariens. Daran müssen wir arbeiten." Mit neuem Logo und einer internationalen Werbekampagne sei man 2010 in die Werbeoffensive gegangen. "Ja, die Besucher zeigen Interesse, nehmen die Reisekataloge gern mit und informieren sich", sagt Gheorge Cozea, Inhaber eines Reisebüros in Berlin. Auf der Grünen Woche, zu der bis zu 400.000 Menschen erwartet werden, wirbt er für Floß- und Fahrradtouren, Kuren in Rumänien und natürlich die Schwarzmeerküste. "Die Touristenzahlen wachsen jedes Jahr ein wenig mehr. Ich bin davon überzeugt, dass es in den kommenden Jahren weiter aufwärts gehen wird."
Immer wieder greifen Besucher bei den Katalogen zu und blättern interessiert in den Broschüren. "Rumänien als Reiseland kann ich mir noch überhaupt nicht vorstellen", sagt Martina Remann. "Die Fotos sehen aber interessant aus, und die Preise sind noch sehr niedrig." Zu unbekannt scheinen die Hauptstadt Bukarest oder das Donau-Delta, mittlerweile zum Unesco-Naturwelterbe ernannt. Nur ältere Besucher erinnern sich an die deutsch-rumänischen Wurzeln. Schließlich lebten die Sachsen rund 900 Jahre lang in Rumäniens Siebenbürgen (Transsilvanien).
Knapp 15.000 Personen zählte die deutschsprachige Minderheit noch vor gut fünf Jahren. Für die Reiseveranstalter ein Grund, eine Reise unter dem Motto "Auf den Spuren der deutschen Siedler" anzubieten. Die Bustour über ungefähr 2800 Kilometer führt zu Städten und Dörfern, die nach deutschem Vorbild errichtet wurden. "Noch ist das Interesse an Rumänien als Reiseland nicht so groß. Wir hoffen auf die Zukunft", sagt Dori Cojocareanu, Sprecherin der rumänischen Vertretung auf der Messe. "Die Besucher sind hauptsächlich am Essen und den landwirtschaftlichen Produkten interessiert."
Schinken, Hirschsalami, Butter und Käse aus Ziegenmilch, Honig und Wein – die Menschenmenge wird von Häppchen zu Häppchen geschoben, so voll ist es. Wer einen Platz direkt am Verkaufstresen erwischt hat, lässt sich Kostproben reichen. "Wir kommen jedes Jahr auf die Messe und probieren alles aus", sagen Uwe Parche und Peter Arndt. Beide kommen aus der Nähe der Lutherstadt Wittenberg. "Die haben wir auch auf der Messe gekauft", sagen sie, lupfen ihre schwarzen Cowboyhüte an und schieben sich dann rumänische Schinkenstreifen in den Mund.
Gefülltes Milch-Ferkel
Eine rumänische Spezialität aus der Region Covurlui zieht die Blicke der Messe-Rundgänger auf sich: ein gefülltes Milch-Ferkel. Dabei wird das Schwein, das bei der Schlachtung sehr jung war und ausschließlich mit Milch ernährt wurde, entbeint und das Fleisch über mehrere Tage in eine Marinade gelegt. "Das Schwein wird dann mit einer Fleischfarce gefüllt und viele Stunden geräuchert", sagt Marius Verdesi. "Dann werden sehr dünne Scheiben abgeschnitten und serviert."
Auch Horst Demmer und Karin Zöllner aus Thüringen bleiben kurz stehen und lassen sich die Zubereitung erklären. Die beiden Fachbesucher sind an Lebensmitteln und Tieren interessiert. Aber: "Es ist nur ein Zufall, dass wir durch die Rumänien-Halle kommen", sagen sie.
Andere Gäste beklagen, dass das Personal an den Ständen überwiegend Englisch spricht. "Für Fachbesucher ist das in Ordnung", sagt Brigitte Holtz. "Mein Englisch ist nicht so gut. Da gehe ich besser in ein Reisebüro, in dem ich alles verstehe." Die Lebensmittel sind aber auf Deutsch beschriftet. Jeder kann lesen, ob er Ziege kostet, einem Schwein in den geräucherten Schinken beißt oder Hirschsalami isst.
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