21.01.13

Gastland Niederlande

Heimspiel für "Frau Antje" auf der Grünen Woche

Die Niederlande sind Partnerland der Grünen Woche und liegen in der Gunst der Besucher vorn. Nicht nur wegen der wichtigsten Werbefigur.

Foto: messe Berlin GmbH

Fast ein Heimspiel: „Frau Antje“, die Werbefigur für den Gouda Pikantje, ist indirekt ein Produkt der Grünen Woche
Fast ein Heimspiel: "Frau Antje", die Werbefigur für den Gouda Pikantje, ist indirekt ein Produkt der Grünen Woche

Das erste Empfinden ist Verblüffung. Wer aus dem eisigen Januar-Berlin in die Messehalle 18 unter dem Funkturm tritt und auf ein Meer von Tulpen und Hyazinthen stößt, mag spontan denken: Die können nicht echt sein. So perfekt sind die Blüten, so ungewohnt die Farbenpracht.

Nur die Nase lässt sich nicht täuschen: Die Niederlande, Partnerland der Grünen Woche 2013, wird mit dem Duft von Blumen und riesigen Käselaiben den Erwartungen ihrer Besucher vollauf gerecht.

Zwischen nachgebauter Windmühle und Tulpenstuhl

Kaum sind am Sonntag die Eingänge geöffnet, hat sich Tobias aus Lankwitz schon inmitten der blühenden Pracht niedergelassen. Mutter Nicole Bude macht ein Foto von dem Zehnjährigen. "Wir fanden den Tulpenstuhl so toll", sagt sie und zeigt auf das Sitzmöbel in Form einer roten Blüte. In den Niederlanden war die Familie selbst noch nicht, "aber ein Arbeitskollege bringt mir aus Holland immer meine Lieblingskekse mit", erzählt die 35-Jährige. Zwar gibt es die mit Karamellsirup gefüllten "Stroopwafels" in ähnlicher Form auch in Berlin zu kaufen. Doch Nicole Bude setzt auf das Original.

Das gibt es natürlich auch auf der Grünen Woche, gleich neben der nachgebauten Windmühle, die Toni aus Wandlitz ja noch lieber im Original sehen würde. Denn die Wohnmobiltour seiner Eltern Sabine und Peter Schneider nach Amsterdam liegt schon länger zurück als die Geburt des Neunjährigen. Stephanie Alzinger dagegen hat eine Reise zu den nordwestlichen Nachbarn der Deutschen noch vor sich. Am touristischen Infostand deckt sie sich deshalb mit Material über Ferienunterkünfte ein. Eigentlich ist die junge Frau aus Süddeutschland, die auf der weltgrößten Agrarmesse den Bayerischen Wald promotet, ja die Berge gewöhnt. Das Meer und das maritime Klima aber haben es ihr angetan. "Ich denke, Gegensätze ziehen sich einfach an", sagt sie.

Deutsche besuchen die Niederlande besonders häufig

Seit Jahren stellen die Deutschen die größte Besuchergruppe unter den ausländischen Touristen in den Niederlanden. Auch im Landwirtschaftsbereich aber gilt Deutschland den Holländern als wichtigster Handelspartner. 2011 summierten sich die niederländischen Agrarexporte auf einen Gesamtwert von 72,8 Milliarden Euro. 26 Prozent davon fanden ihren Weg in die Bundesrepublik.

Dass Holland mit 60 Jahren Grüne-Woche-Erfahrung die älteste Länderbeteiligung auf Berlins Landwirtschaftsschau nachweisen kann, mag da kaum überraschen. Netty Bennemeer, den Messebesuchern besser als "Frau Antje" bekannt, ist jetzt das achte Mal dabei. Nicht selten erkennt sie einzelne Besucher wieder, für die die Grüne Woche ein fester Termin im Kalender ist. "Dann freut man sich: 'Ah, Sie sind ja auch wieder da'. Und manchmal, wenn ich in Zaandam in der Nähe von Amsterdam im Freilichtmuseum die Käseproduktion erkläre, dann sprechen mich Menschen an, die mich hier von der Messe kennen." In diesem Jahr sei wegen des Partnerlandstatus' der Zuspruch eher noch größer als sonst, sagt die Frau mit der charakteristischen weißen Haube. Die Werbefigur des Niederländischen Molkereiverbandes geht auf eine Studentin namens Antje zurück, die 1959 ebenfalls auf der Grünen Woche Käsehäppchen verteilt hatte.

Berlins Kleingärtner und die Nachzucht holländischer Tomaten

Aktuell sind am Käsestand neue Goudasorten wie der Ziegenkäse mit mediterranen Gewürzen oder auch biologische Käse gefragt. Produktionswege und Techniken interessieren die Messebesucher aber auch gegenüber, wo Ton Janssen mit einer Krawatte im Tomaten-Muster im zehnten Jahr frisches Gemüse anpreist. Unter den Besuchern, die ihn ansprechen, Berliner und Auswärtige zu unterscheiden, falle ihm nicht schwer, sagt er. "Berliner fragen sofort, ob die Tomaten F1-Hybride seien."

Deren Samen aus dem Inneren der Frucht eignen sich nicht zur Nachzucht. "Das sind alles Kleingärtner. In Berlin zieht ja jeder selbst im Hochhaus noch Tomaten auf seinem Balkon", so sein schmunzelndes Fazit. Dass in dem Land, aus dem aktuell 63 verschiedene Tomatensorten nach Deutschland kommen, beim Pflanzenschutz so weit wie möglich auf Nützlinge statt Pestizide gesetzt werde, das allerdings sei vielen Besuchern neu. Trotzdem merkt auch Janssen, dass der ramponierte Ruf eines hochgezüchteten und geschmacklosen Gemüses, mit dem die Niederlande vor Jahren zu kämpfen hatten, wieder durch ein positives Image ersetzt wurde. Ein bisschen wollte er sich das auch auf die eigene Fahne schreiben. "Jedes Jahr erzähle ich dasselbe, und das hören 400.000 Leute. Das ist ein kleiner Beitrag", sagt er.

Nicht ganz so viel Aufmerksamkeit wird Perry van Kerkhoven zuteil. Der Dozent der Has University für angewandte Forschung in der Hauptstadt der niederländischen Provinz Nordbrabant, 's-Hertogenbosch, wirbt um deutsche Bewerber für die Hochschule. 2200 Studenten lernen dort zurzeit, 50 von ihnen sind Deutsche. Mindestens drei mehr werden es demnächst sein, die auf der Grünen Woche bereits für die Ausbildung im Nachbarland gewonnen wurden. Sie interessiere vor allem die sehr praxisorientierte Lehre und das teamgestützte Arbeiten, sagt van Kerkhoven. Zwar liegt der Schwerpunkt der Uni eher im Bereich von Agrar-, Gartenbau und Lebensmitteltechnologie. Doch Jörg Burkardt nimmt sich für seine vor allem an Musik interessierten Söhne trotzdem Prospekte mit. "Man weiß ja nie, was kommt", meint er.

Die Ähnlichkeit zwischen Deutschen und Niederländern

Der Nordrhein-Westfale, der für ein niederländisches Unternehmen arbeitet, kennt deutsche Vorurteile gegenüber Niederländern. "Sie gelten als laut, arrogant, einfach etwas zu präsent", sagt er. Tatsächlich seien die westlichen Nachbarn "nur sehr direkt, und dabei tolerant gegenüber anderen Standpunkten".

Claudia Jähne aus Hellersdorf schätzt die Holländer ebenfalls als locker und entspannt. Historische Ressentiments aus Kriegszeiten, das glaubt Perry van Kerkhoven fest, spielten eine immer geringere Rolle. "Deutsche und Niederländer sind sich so ähnlich, und wir wissen beide, wie wichtig Freundschaft und Zusammenarbeit sind." Die meisten Niederländer fänden die Deutschen sympathisch, vor allem seit 1988. Van Kerkhoven sagt: "Spätestens als wir die Deutschen damals bei der Fußballeuropameisterschaft geschlagen haben, war der Krieg endgültig zu Ende."

Quelle: Christine Eichelmann
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Agrar-Messe

Grüne Woche 2013 in Berlin

Infos zur Grünen Woche
  • Öffnungszeiten

    Die Grüne Woche hat bis zum 27. Januar täglich von 10–18 Uhr geöffnet. Am 25. und 26. Januar wird die Öffnungszeit bis 20 Uhr verlängert.

  • Eintritt

    Eine Tageskarte kostet 13 Euro. Familien können ein paar Euro sparen. Für 26 Euro dürfen zwei Erwachsene mit drei Kindern bis 14 Jahren auf die Messe. Kinder unter 6 Jahren zahlen keinen Eintritt. Auch für Schüler und Studenten gibt es Ermäßigungen. Für sie kostet der Eintritt 9 Euro. 9 Euro bezahlen auch Besucher, die erst nach 14 Uhr kommen. Das Sonntags-Ticket kostet 10 und die Dauerkarte 55 Euro.

  • Erreichbarkeit

    Wer mit den öffentlichen Verkehrsmitteln kommt, erreicht die Messe bequem von den U-Bahnhöfen Theodor-Heuss-Platz und Kaiserdamm. Ganz in der Nähe die S-Bahnhöfe Messe Süd, Westkreuz sowie Messe Nord.

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