Nach dem Laufsteg kommt der Club
Die Fashion Week zwischen Show und Champagner
Der Laufsteg ist überall: Wenn es Nacht wird während der Fashion Week füllen sich die Hauptstadt-Clubs mit Menschen, die ihre teuren Outfits spazieren tragen und viel über Mode reden - und manchmal auch über Liebeskummer. Ein Streifzug über die Feiern der Modelabels.
Von Sören Kittel und Christine Kensche
Das also ist so ein Fashion-Week-Satz, den man nie vergisst: "Kannst Du bitte mal kurz meinen Champagner hinter dem Germanys-Next-Topmodel abstellen?" Doch wer jetzt denkt, dass Menschen auf der Modewoche nur über oberflächliche Dinge reden, dem sei noch ein zweiter Satz gesagt, den die gleiche Person nur ein paar Minuten zuvor gesagt hat: "Ich glaube, im Grunde lieben meine Ex-Freundin und ich uns immer noch, aber ich weiß nicht, ob sie das auch so sagen würde."
Gesagt hat beide Sätze Stefan, ein Mittdreißiger, der gegen halb elf Uhr nachts auf der Joop!-Party auftauchte. Er wolle sich ablenken, von der Trennung von seiner Freundin vor drei Monaten. Doch erzählt er, als er – ohne sie anzuschauen – hinter dem Topmodel Sara Nuru steht, wie sehr sie zusammengepasst hatten, wie gut ihr letztes Treffen war, dass sie aber zuvor beide sehr eifersüchtig waren. Er erzählt von ihren Reisen nach New York, Asien und Afrika und sagt schließlich: "Wir sind an unsere Grenzen gegangen." Es sieht an diesem Abend nicht so aus, als ob Wolfgang Joop oder irgendeiner der anderen Prominenten oder schönen Menschen hier ihn von diesem Thema abbringen können.
200.000 Modemenschen in Berlin
Es ist also wieder Modewoche – und das nicht nur am Flughafen Tempelhof bei der Bread & Butter und auf den Laufstegen der Mercedes Benz Fashion Week am Brandenburger Tor. Laut Tourismusverband kommen rund 200.000 Besucher für diese Woche nach Berlin. Viele von ihnen könnten selbst als Models durchgehen und machen die U-Bahn zum Laufsteg: Sie tragen ausgefallene Ketten, hohe Stiefel, grelle T-Shirts und Wollmützen mit teuren Labels. Die Modebloggerin Steffi Burmeister fasst es zusammen: "Berlin ist jetzt noch bunter, noch schräger, das Leben pulsiert schneller." Auf der Messe werden die Kleidungsstücke vorgestellt, die in einem halben Jahr in die Geschäfte kommen.
Am Abend, wenn die Bread & Butter schließt, bleiben viele in dem eigens aufgebauten Zelt-Club "High Voltage" – oder ziehen in die Stadt hinaus. Menschen, denen tagsüber Labels wie Levi's, Denham oder Fred Perry wichtig sind, reden am Abend über Weekend, Asphalt oder Kingsize – alles Berliner Clubs. Am Mittwoch aber treibt es zunächst viele in die Münzstraße in Mitte. Dort wird gleich in mehreren Geschäften gefeiert. In der kleinen Straße neben dem Alexanderplatz stauen sich die Autos, mit oder ohne Fashion-Week-Logo. In der Münzstraße 8 gibt die US-Schuhmarke Red Wing eine Party: Es gibt Schmalzbrot und Bouletten, Bier und Whiskey. Die meisten Gäste sind Männer und von denen wiederum ist ein Großteil bärtig, trägt Hut oder Mütze, teure Lederjacken und Jeans und wetterfeste Schuhe. Kein Wunder also, dass mindestens die Hälfte von ihnen auch ohne Schirm gut gelaunt draußen im Regen stehen kann.
Roger Hatt (47) ist aus der Schweiz hierher gekommen, für ihn ist die Modewoche einfach der beste Termin, seine Freunde und Kollegen zu treffen, egal ob unter dem Bread & Butter-Dach oder der Fashion-Week. "Die ersten Male habe ich Berlin nicht so gemocht", sagt er. "Aber seit ich hier auch Freunde habe, die mir noch abends etwas von der Stadt zeigen können, komme ich immer gern hierher." Neben ihm reden drei Deutsche über die Idee des Grundeinkommens und was es wohl bringen würde, wenn man die Arbeitszeit generell von 40 auf 25 Stunden herabsetzen würde. Daneben rätseln zwei Designer auf Englisch, ob sie schon zur nächsten Party aufbrechen sollen.
Doch zunächst besuchen sie die gegenüberliegende Joop!-Party in der Münzstraße 21. In kühles blaues Licht getaucht stehen Models neben Designern und nippen an Gläsern. Im Eingangsbereich begrüßt Wolfgang Joop jeden, gleich neben einer aufwendigen Installation mit rotierender Kamera, deren Bild (Jacken, Hosen) an eine Hauswand geworfen wird, die neu verputzt nicht mehr so "Berlin" aussehen würde. Die Getränke und Speisen (Lachstartar, Roastbeef und Schokotorte) sind kostenlos und man ist umgeben von schönen, gut gelaunten Menschen.
Halb eins geht es erst los
Bis auf Stefan eben, der seine Ex-Freundin nicht vergessen kann. Er erzählt, dass er auf einer solchen Party einmal eine Frau kennen gelernt habe, die sehr schön war, so wie viele hier schön sind. Diese Frau also wollte später mit ihm Hand in Hand den Raum verlassen, als plötzlich seine Ex hinter ihm stand und die andere Hand festhielt. "Da stehe ich also zwischen zwei Frauen!", ruft er. Er ist dann geblieben und später allein gegangen. So auch heute. Er geht kurz nach Mitternacht
Halb eins aber geht es im Asphalt-Club am Gendarmenmarkt bei der Party des Jeans-Herstellers "G-Star" erst los. Die Garderobe hat halb eins Annahmeschluss, es sind zu viele Jacken. Wieder sind Getränke kostenlos, die meisten trinken Prosecco und Gin-Tonic. Die Kleidung der Gäste hier heißt zwar "Streetwear", ist aber für die Straße oft zu wertvoll: Auch ohne ihre Jacke tragen viele sicher 1000 Euro am Leib.
Für Raymond aus den Niederlanden ist der Termin ein Muss, da G-Star aus seinem Heimatland kommt. Seine teuerste Hose (400 Euro) und Jacke (600 Euro) hat er für heute aber zuhause gelassen. Und viel getrunken hat er auch nicht. "Ich muss morgen Verhandlungen führen, Einkäufe für das kommende Jahr." Er nimmt seine Arbeit als Einkäufer für ein großes Jeans-Geschäft bei Rotterdam sehr ernst.
Gegen zwei Uhr leert sich auch dieser Club langsam. Draußen ist Liebeskummerwetter, dichter Regen. Irgendwo in einem der Fashion-Clubs steht sicher noch die Ex-Freundin von Stefan, die Modedesignerin, füllt gerade ein Champagnerglas und fragt sich, ob er noch anruft. So einfach als guter Freund.
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