Fashion Week
Messen bringen Berlin weltweit in Mode
Mit der "Bread & Butter" beginnt die Fashion Week in Berlin. Messe und Shows in der Hauptstadt gehören inzwischen fest zum Jahreskalender der Modebranche.
Von Sören Kittel
Es hat fast eine Stunde gedauert, bis Karl-Heinz Müller, der Chef der Modemesse "Bread & Butter", diese Begeisterung in den Augen zeigt. Er sitzt im zweiten Stock im ehemaligen Café des Flughafens Tempelhof, schaut nach links auf die "Denim Base" (Wrangler, Levi's, G-Star) und nach rechts auf die "Urban Superior"-Halle (Calvin Klein, Drykorn, Marc O'Polo). Durch die geschlossenen Fenster dringt Aufbau-Lärm von allen Seiten. Mittendrin schnarrt sein Mobiltelefon (Anruf) oder macht "Pling" (SMS). Wenn er dann auf das Display schaut, winkt hinter ihm ein Bauarbeiter durch Fenster.
Keine Frage, Karl-Heinz Müller ist gestresst. Vielleicht leuchten seine Augen auch deshalb, weil er von einer Expedition spricht, – auf den Tag genau 100 Jahre vor dem ersten Messetag. In ein paar Tagen wird Müller hier den Designer Nigel Cabourn treffen, der die neue Jackenkollektion vorstellt. Die lehnt sich wiederum an die Jacken von 1912 an, mit denen Scott die Antarktis bereiste. "Als ich diese Jacken vergangene Woche in Florenz gesehen habe", sagt Müller, "habe ich wieder gemerkt, dass das hier einfach eine wunderbare Branche ist." Er wirkt aufgeregt, wenn er von den Designern erzählt, die sich so intensiv mit Jacken, Hosen und Schuhen beschäftigen. "Ihre Arbeit ist eher vergleichbar mit der von Malern oder von Musikern." Kein Zufall also, dass die Streetwear-Modemesse "Bread&Butter", die am Mittwoch in Tempelhof eröffnet wird, ihre Show dieses Jahr mit Lautsprechern als Symbol gestaltet. "High Fidelity" heißt das Motto und zeigt einen Regler, der von "10" auf "11" schaltet. Man will jetzt im elften Jahr noch einmal richtig aufdrehen.
Dabei ist die "Bread & Butter" nur eine von vielen Veranstaltungen, die in der kommenden Woche in Berlin zum Thema Mode stattfinden. Es gibt die "Bright" für Skateboarder, die "Premium" für Aktuelle Designer-Kollektionen und Accessoires sowie die "Mercedes Benz Fashion Week" mit ihrem Hauptzelt am Brandenburger Tor und den vielen Modenschauen. Modedesigner haben es aufgegeben, Außenstehenden zu erklären, zu welcher Messe sie jetzt fahren. Die meisten sagen einfach: "Wir fahren nach Berlin." Einen Satz, den inzwischen nicht nur Filmbegeisterte (wegen der Berlinale), Technikfreaks (IFA) und Musikfans (Berlin Music Week) mindestens einmal im Jahr sagen.
Berliner Catering in Barcelona
Wie bei anderen Großveranstaltungen treffen sich diese Gäste abends im Borchardt, dem Restaurant am Gendarmenmarkt in Mitte. Der Inhaber Roland Mary merkt die Modewoche daran, dass das Publikum jünger wird, englisch spricht und besser angezogen ist. "Vor einem Jahr gab es diese Wollmützen", sagt er, "diese Dinger, die hinten etwas länger herunterhängen." Dann habe es noch die Wollschals gegeben, die viermal um den Hals gewunden werden… Mary selbst freut sich auf Freunde, die er jedes Jahr wiedertrifft, ob das der Modedesigner Michael Michalsky (siehe Interview) ist oder "Bread & Butter-Chef" Karl-Heinz Müller selbst. "Der ist ein Qualitätsfreak", sagt er, "das gefällt mir an ihm." Schon bei der ersten Messe in Berlin im Jahr 2003 in Spandau hat Mary das Catering übernommen und flog mit seinem Team vor vier Jahren sogar nach Barcelona, um die Gäste dort zu bewirten.
Seit 2009 aber ist die Messe wieder zurück in Berlin und hat im ehemaligen Flughafen Tempelhof einen festen Platz. "Die Messe war auch in Köln und Barcelona immer in denkmalgeschützten Gebäuden", sagt Müller. Er mag solche Häuser. Den Mehraufwand in der Vorbereitung nimmt es gern in Kauf. Im Winter bedeutet das, dass extra eine Stahlwandkonstruktion mit Luftkissenmembranen in der Haupthalle eingezogen werden muss und auf dem Dach Stromaggregate stehen. Nur so können die insgesamt 20.000 Quadratmeter auch beheizt werden. Rund zehn Tage vor der Eröffnung treffen dann die ersten Laster mit den Stahl- und Holzkonstruktionen ein, damit die Aussteller ihre Stände vorbereiten können.
Adidas und Levi's haben jeweils rund 400 Quadratmeter zur Verfügung. Beide Modefirmen sind seit der ersten "Bread&Butter" dabei. Michael Strehler vom "Levi's" freut sich jedes Jahr auf den Besuch. Er attestiert Berlin eine gewisse Rauheit, Authentizität und Bodenständigkeit, die sich neben Paris, London und Mailand als Modestadt längst behaupten kann. Die Verkehrsstaus am Tempelhofer Flughafen und in der Innenstadt während der Modewoche haben für ihn schon Kultstatus.
Mode muss erklärt werden
Auch Adidas hat in den vergangenen Jahren gute Erfahrungen mit Berlin gemacht. Der "Originals"-Laden auf der Münzstraße war im Jahr 2001 das erste Geschäft in der Gegend. Inzwischen sind viele nachgezogen, das Gebiet zwischen Alexanderplatz und Hackeschen Markt ist neben Tempelhof und dem Fashion-Week-Zelt selbst zu einem Zentrum der Modebegeisterten geworden – mit dem Büro der "Bread & Butter" mittendrin.
Dieses gute Gespür für den richtigen Standort bestätigt einer, der Karl-Heinz Müller auch schon seit der ersten Fashion Week kennt. Kay Knipschild ist Mitinhaber vom Laden "Burg Und Schild" an der Rosa-Luxemburg-Straße, der sich auf hochwertige Bekleidung spezialisiert hat, die sowohl Wüstenspaziergänge als auch Antarktis-Expeditionen übersteht. "In den 80er-Jahren hat Berlin noch modisch mit Matchbox und Bauklötzen gespielt", sagt er. Inzwischen aber sei die Stadt nicht zuletzt durch Messen wie die "Bread & Butter" und "Premium" zu einem der lautesten Motoren in der Industrie geworden.
Der nächste Schritt für die Stadt wäre also, dass auch die Berliner außerhalb der Branche einen Zugang zu der Welt bekommen. Knipschild sagt, man müsse diese Kleidung erklären können. Aber das gehe auf Messen ohnehin schlecht. Dazu müsse sie in die Geschäfte kommen.
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