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12.07.11

ilikemystyle.net

Wie Zeigefreudigkeit zur Tugend wird

Schriftsteller und Journalist Adriano Sack erzählt im Interview mit Morgenpost Online, was er vom Internet als Flaniermeile der Moderne hält, ob Print oder digitale Medien das Rennen machen werden und wie viel man sich von Global Fashion eigentlich erwarten darf.

© Maxime Ballesteros
Durch das Internet bietet sich ganz einfach einen anderer Präsentationsrahmen, sagt Journalist Adriano Sack
Durch das Internet bietet sich ganz einfach einen anderer Präsentationsrahmen, sagt Journalist Adriano Sack

Die verhüllte Botschaft vieler Status-Updates auf Facebook & Co. lautet ungefähr so: "Mein Style ist geil. (Hoffentlich siehst du das auch so.)” Mit ilikemystyle.net macht Adriano Sack der Verschämtheit ein für alle Mal ein Ende. Die Website, die so offen und kreativ ist, wie man es sich von einer coolen Offline-Community auch wünschen würde, will die privaten Akteure eines globalen Stilpluralismus miteinander vernetzen und ihnen ein Forum zur Verfügung stellen, in dem Zeigefreudigkeit keine schmuddelige Untugend ist.

Modefans können sich hier nicht nur ihren persönlichen Profilen widmen, sondern auch aktiv an der Gestaltung eines komplett usergenerierten Styleblogs mitarbeiten, dessen journalistische Perlen Adriano Sack in einer vierteljährlich erscheinenden, ansehnlichen Printpublikation versammelt, die mit dem Lead Award als Newcomer of the Year ausgezeichnet wurde. Adriano Sack erzählt im Interview mit der Berliner Morgenpost Online, was er vom Internet als Flaniermeile der Moderne hält, ob Print oder digitale Medien das Rennen machen werden und wie viel man sich von Global Fashion eigentlich erwarten darf.

Morgenpost Online: Mir gefällt dein Gedanke, dass das Internet auf dem besten Weg ist, die Welt da draußen als Ort abzulösen, wo die Leute sich zur Schau stellen und ihre Pfauenräder schlagen. Das jedenfalls schreibst du auf deiner Website. Könntest du dir vorstellen, dass das Internet als globales Medium dazu führt, dass Mode und Style sich immer weniger regional ausdifferenzieren und stattdessen so etwas wie eine globale Ästhetik entsteht?

Adriano Sack: Ich glaube durchaus an regionale und nationale Styles, aber tatsächlich ist es ja so, dass wir ständig mit allen möglichen Einflüssen aus aller Welt konfrontiert werden und auch Zugriff darauf haben. Soll heißen: Ich bin mir sicher, dass das Internet die Welt da draußen als Präsentationsbühne nicht komplett ersetzen wird, aber es wird als Medium sicher eine zunehmend wichtigere Rolle dabei spielen, regionale Styles zu beeinflussen. Es bietet als Medium ganz einfach einen anderen Präsentationsrahmen. Bloß weil man plötzlich weiß, wie Leute in Australien oder Brasilien rumlaufen, heißt das ja noch lange nicht, dass alle Leute gleich aussehen oder gleich aussehen sollten, und bloß weil wir Nutzer ein- und derselben Internetplattform sind, haben wir noch lange nicht denselben Geschmack. Je vielseitiger, desto besser.

Morgenpost Online: Glaubst du, dass der Style der Leute auf deiner Website ilikemystyle authentisch ist? Oder handelt es sich eher um Fantasien und idealisierte Selbstbilder?

Adriano Sack: Ich glaube nicht wirklich an so etwas wie "Authentizität”. Sobald Aufzeichnungsmedien mit ins Spiel kommen, fangen wir doch sowieso an, eine Rolle zu spielen. Auch wenn du morgens vor deinem Spiegel stehst und dir überlegst, was du anziehst, entscheidest du dich bewusst für ein bestimmtes Image und für eine bestimmte Stimmung, die du den Leuten mit deiner Mode vermitteln willst. Ich glaube nicht daran, dass Leute sich "einfach nur anziehen”, unschuldig und ohne Hintergedanken sozusagen. Die Leute auf der Straße sind also in einem gewissen Sinne nie sie selbst. Sie alle sind Projektionen eines Ideals. Vor allem Leute in Deutschland scheinen an der Vorstellung zu hängen, dass sie mit ihrer Kleidung ihrer Persönlichkeit Ausdruck verleihen. Einerseits stimmt das bis zu einem gewissen Punkt, andererseits ist es aber auch Unsinn. Selbst wenn du dich entscheidest, auf deinen Look zu pfeifen, ist das noch immer eine Entscheidung, die du triffst – und damit ein Statement.

Morgenpost Online: Und welche Art von Statement macht die Mehrheit der Nutzer von ilikemystyle?

Adriano Sack: Die Leuten treffen natürlich eine Auswahl, welche Fotos sie auf die Seite stellen. Die meisten wollen glamourös aussehen, hip und attraktiv. Es handelt sich immer um eine perfektionierte und idealisierte Version ihrer selbst. Ungefähr so, als würden sie auf eine Party gehen. Sie wollen genau die Eigenschaften ihrer Persönlichkeit betonen, die sie am attraktivsten finden. Und dafür greifen sie auf die üblichen Filtermethoden zurück wie jeder von uns, sobald er sich in die Öffentlichkeit begibt.

Morgenpost Online: Mit den fotografischen Selbstdarstellungen scheint es ein bisschen so zu sein wie in der Kunst: So wie ein Kunstwerk als Reproduktion in einem Magazin beispielsweise ganz anders rüberkommt als das Original, ändert sich auch die Erscheinung von Leuten komplett, sobald Bewegung und Ausdruck mit ins Spiel kommen und die Mode sich im dreidimensionalen Raum bewähren muss.

Adriano Sack: Klar, die Art und Weise, wie du dich bewegst, verändert deinen Style. Sogar Dinge, die nicht sichtbar sind, Gerüche zum Beispiel.

Morgenpost Online: Die Realität unterwandert eigentlich immer das Ideal.

Adriano Sack: Das ist wie beim Schreiben von SMS oder E-Mails, in denen man versucht, ironisch zu sein. Diese Medien sind einfach nicht geeignet dafür. Sie sind so wahnsinnig schnell, dass man ihre Schnelligkeit schon mal mit der Unmittelbarkeit eines Gesprächs verwechselt. Schnelligkeit und Unmittelbarkeit sind aber nicht dasselbe. In diesem Sinne kann auch das Posten eines Fotos etwas Trügerisches haben: Du postest visuelle Informationen über dich, schreibst eine Bildunterschrift mit allen wichtigen Infos und glaubst, dass du auf diese Weise tatsächlich kommuniziert hast. Aber natürlich handelt es sich bei dem Foto immer nur um einen Ausschnitt der Realität, der lediglich einen Bruchteil dessen beschreibt, was du wirklich bist.

Morgenpost Online: Aber einen stark bearbeiteten Bruchteil, aufgenommen aus einem vorteilhaften Winkel und perfekt ausgeleuchtet.

Adriano Sack: Oder eben nicht. Viele Leute haben ja eine komplett verdrehte Vorstellung von sich selbst. Bestimmte Unsicherheiten und Selbstbilder entsprechen dann überhaupt nicht mehr dem, wie andere Menschen einen wahrnehmen. Wenn jemand wegen seines Aussehens oder seines Körpers extrem unsicher ist oder auch stolz, kann das dem, was andere Menschen angesichts seines Aussehens oder Körpers empfinden, komplett zuwiderlaufen. Die Leute neigen dazu, wegen der falschen Dinge stolz oder unsicher zu sein. Es ist doch oft so, dass die Dinge, die man an sich nicht mag oder die einen unsicher machen, von anderen Leuten als total charmant empfunden werden. Dasselbe gilt für die Bilder, die Leute auf die Website stellen. Häufig posten Leute ohne Sinn und Verstand, weil das Medium noch so neu ist, dass es einer gewissen Impulsivität Vorschub leistet. Soll heißen: Einige Leute sind eben genauer und bewusster als andere in dem, was sie tun. Sie wollen sophisticated aussehen. Manchmal bin ich von der Beliebigkeit der Fotos geschockt und ein anderes Mal überwältigt von der Energie und dem Einsatz, den einige Leute zeigen.

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