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Fashion Week 2010 in Berlin

Wie Berliner Modemacher den Erfolg suchen

Frida Weyer ist eine der jungen Berliner Modedesigner, die bei der diesjährigen Fashion Week auf dem Bebelplatz ihre ganz große Chance suchen. Denn die Berliner Modewoche hat in der umsatzstarken Branche in Deutschland inzwischen soviel Gewicht bekommen, dass niemand an ihr vorbei kommt. Wer hier reüssiert, kann sich auch internationaler Aufmerksamkeit sicher sein.

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Frida Weyer
Foto: David Heerde
Kreativ, jung, Berlin: Modemacherin Frida Weyer probiert an ihren Models ihre Entwürfe aus.

In Kapuzenpulli und dicken Stiefeln hastet Frida Weyer mit Golden Retriever Pablo im Laufschritt die Stufen zu ihrem Atelier auf dem Gelände des ehemaligen Postgüterbahnhofs am Gleisdreieck hoch. Meniskusabriss hin oder her. Am kommenden Sonnabend findet Weyers Modenschau im Zelt am Bebelplatz statt, und die Zeit wird langsam knapp.

"Wenn es bei der Fashion Week einen Rekord für Schnelligkeit geben könnte, ich würde gewinnen", verkündet die Berlinerin, erstaunlich gut gelaunt.

Wenn die 32-Jährige am 23. Januar im Rahmen der Mercedes-Benz Fashion Week den geladenen Gästen 25 glamouröse Abendkleider präsentieren wird, dann wird niemand ahnen, dass es knappe drei Wochen vorher noch nicht einmal Entwürfe dafür gab. "Ich habe kurz vor Weihnachten die Zusage bekommen, erst da legte sich bei mir der Schalter um", sagt Frida Weyer.

Für junge Berliner Modemacher wie Weyer ist die anstehende Fashion Week die Chance auf einen großen Auftritt. Auch in der kommenden Woche werden wieder Einkäufer und Modejournalisten aus ganz Deutschland und zunehmend auch dem Rest der Welt in die Stadt pilgern, um das Potenzial der hiesigen Modeszene zu begutachten. Wer hier Eindruck hinterlässt, kann für die kommende Saison mit seitenweise wohlwollenden Artikeln und gutem Abverkauf der eigenen Entwürfe rechnen.

Sprungbrett für Berliner Designer

In ihrer sechsten Saison hat die Berliner Modewoche mit den dazugehörigen Messen, allen voran Streetwear-Flagschiff Bread&Butter im Flughafen Tempelhof, so viel Gewicht gewonnen, dass in der umsatzstarken deutschen Modebranche keiner mehr an ihr vorbeikommt. Die Anwesenheit von Suzy Menkes, Modekritikerin der "International Herald Tribune" und der "New York Times", die sich im vergangenen Juli beinahe jede der über 30 Schauen ansah und dem Modestandort Berlin hinterher "eine rohe Energie" attestierte, hat Berlin zusätzliche Relevanz verliehen. Und das kann vor allem den Berliner Designern helfen, die im Fashion-Week-Zelt am Bebelplatz ein Drittel der Schauen bestreiten.

Auch Frida Weyer will ihre Chance nutzen und arbeitet fieberhaft auf den 23. Januar hin. Sie sei nicht so der Typ, der zeichne oder sogenannte Moodboards zusammenklebe, Collagen, die das Thema einer Kollektion umreißen. Dafür habe sie gleich mit der Moulage an der Büste, dem Modellieren des Stoffes angefangen. Den habe sie immerhin bereits im Vorjahr eingekauft, teilweise musste sie ihn noch einfärben lassen. Ihre beiden Näherinnen hatte sie auch schon im alten Jahr "vorgebucht". "Ich habe so ein Boxensystem entwickelt: In eine Box kommt alles hinein, was zu einem Kleid gehört, und dann geht's zum Nähen." Den Kurierdienst spielen momentan auch ihre Eltern. Jeder, der kann, hilft eben mit.

Womit man auch schon bei einem Thema wäre, das wahrscheinlich mehr aufstrebenden Designern schlaflose Nächte bereitet als das Ausbrüten kreativer Ideen - die Finanzen. Dass Frida Weyer überhaupt eine eigene Show am zentralen Veranstaltungsort hat, hat sie genau wie Michael Sontag dem Berliner Senat zu verdanken, der den beiden Jungdesignern einen "Slot" sponsert. "Gerade im Winter ist es toll, dort zu zeigen. Alles ist clean und modern, außerdem kann man die Infrastruktur nutzen wie zum Beispiel Hair- und Make-up-Artists." Bei aller Dankbarkeit - das Stemmen so einer Show bleibt eine Herausforderung. Denn abgesehen von der Kollektion müssen die Models genauso finanziert werden wie das Gästemanagement, das Personal am Empfang, der Druck der Einladungskarten oder auch nur die Bügel, an denen die Roben hängen werden.

Die 32-jährige Frida Weyer hat sich erst im vergangenen Jahr selbstständig gemacht. Ihr Abschluss an der privaten Modeschule Esmod liegt bereits acht Jahre zurück, danach entwarf und nähte sie zwar für Privatkunden Kleider, hauptsächlich hat sie jedoch in den Bereichen Öffentlichkeitsarbeit, Sales und Marketing sowie als Grafikdesignerin gearbeitet. Im Herbst 2008 dann die Idee, gemeinsam mit dem Freund das eigene ökologische T-Shirt-Label "MarchMellow" zu gründen. Die professionelle Power-Point-Präsentation zum Akquirieren von Geldern präsentierten die beiden nicht vor Bankern - sondern vor den eigenen Eltern. Mit deren Hilfe stellte Frida Weyer parallel zu MarchMellow ihre erste eigene Abendkollektion auf die Beine, die sie vor einem Jahr gleich ins Finale des Designer for Tomorrow Award von P & C katapultierte. Damit ging ihre Erfolgsstory los, so schnell, dass man sich fragt, woher Weyer ihre Energie nimmt.

Ebenfalls noch im Januar gewann sie den Nachwuchspreis der Fachmesse Premium, im Sommer stellte sie gleich zwei Fashion-Shows an einem Tag im Varieté-Theater Chamäleon am Hackeschen Markt auf die Beine, zwei Wochen später folgte die Auszeichnung mit dem renommierten Bunte New Faces Award. Fast nebenbei gründete sie auch noch ihre Zweitlinie "Frida Weyer Light Collection". Seit Dezember sind ihre Produkte neben zwei anderen großen deutschen Concept Stores auch in der Michalsky Gallery im Ritz-Carlton zu kaufen.

Die 32-Jährige strahlt über das ganze Gesicht, als sie eine dicke, schwarze Ledermappe auf den Tisch legt, in der sie sorgfältig Veröffentlichungen über ihre Labels sammelt. "In der Januarausgabe der ,Vogue' ist eine halbe Seite, ist das nicht toll?" Besonders gefreut hat sie sich auch über die Botschaft vor einigen Tagen, dass Suzy Menkes bei einem Vortrag in Paris von ihrer Show geschwärmt hat. Menkes hatte auch bei ihrer Modenschau im Sommer in der ersten Reihe gesessen, für Weyer ein Ritterschlag.

Optimismus ist sicher eine Triebfeder für Frida Weyer, aber bei aller Spontaneität ist sie auch jemand, der kalkuliert. Und im vergangenen Sommer war sie dann auch endlich bei der Bank. Nicht ganz einfach: Die Kreativbranche sei eben schwer greifbar für die Zahlenjongleure. "In diesem Jahr lege ich meinen Fokus auf die Einkäufer - die neue Kollektion ist ganz klar dazu gedacht, Business zu generieren." Ein Mix sei es, aus medienwirksamen Teilen und Red-Carpet-Looks, die, wenn es nach ihr geht, auch den einen oder anderen Berlinale-Promi begeistern sollen. Vor einem Jahr habe sie sich "null Gedanken" darüber gemacht, ob sich ein Kleid verkaufe oder nicht. Im Vordergrund habe die öffentliche Aufmerksamkeit gestanden, um das Image der Marke aufzubauen. Nun, ein Jahr später, sei es aber an der Zeit, die Kollektion in den richtigen Läden zu präsentieren. "Ich möchte nicht nur Designerin sein, sondern ein Unternehmen aufziehen mit kreativen Menschen und unterschiedlichen Departments." Weyer erzählt gern - und dann strahlen ihre Augen - von einer TV-Dokumentation über das Haus Chanel. Dieses Zusammenarbeiten, der Austausch mit erfahrenen Kräften - das gefalle ihr schon sehr, das ist ihr heimlicher Traum. So ein bisschen Haute Couture in Berlin.

Hart arbeiten und auf Glück hoffen

In der Kürze der Zeit hat sie immerhin schon einen Schnittraum einrichten und eine professionelle Bügelmaschine anschaffen können - feste Angestellte hat sie allerdings noch nicht. Im vergangenen Jahr habe sie "extrem fokussiert" Geld ausgegeben. "Ich habe nicht für Tausende Euro ein Lookbook gemacht, sondern dafür selbst meine Internetpräsenz aufgebaut. Ich habe mit meinen Näherinnen diskutiert, ob genau diese eine kostspielige Naht noch sein muss. Und statt Einladungen zu drucken, haben wir eben Mails verschickt." Diesmal sind doch Einladungen gedruckt worden, schlicht, elegant. "Natürlich hätte ich die auch viel aufwendiger machen können, alles eine Frage des Geldes. Aber dann gibt es mich vielleicht in zwei Monaten nicht mehr", treibt sie es auf die Spitze. Der Weg zu so viel Umsatz, der einen vollkommen reibungslosen Ablauf gewährleisten könnte, ist noch weit. Trotzdem ist die Designerin froh über ihre Unabhängigkeit. Irgendwann vielleicht werde auch ein passender Investor kommen. Zweifel an dem, was sie tut, habe sie eigentlich nie. "Aber ich bin auch jemand, der weiß, dass Glück eine Rolle spielt."

Zum wiederholten Male klingelt Frida Weyers Handy. Einmal ist es eine Näherin, dann ein Model, das sich nach dem Casting erkundigt. Sie bleibt die Geduld in Person. Auch am Vortag, als zusätzlich zur Fashion-Week-Vorbereitung noch ihre Sommerkollektion an die Kunden verschickt werden musste. Und am Tag davor, als eine Kundin noch eine Maßanfertigung für einen Ball bekam. Der reizvolle Glamour der Modewelt, so wie man ihn sich vorstellt, mit Stars und mit Partys, er hält nur ab und zu Einzug. Aber schließlich ist jetzt erst einmal wieder Fashion Week. Und schließlich arbeitet sie an ihrem Traum.



Erschienen am 18.01.2010

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