Bilanz
Was die Fashion Week Berlin brachte
Die Berliner Modewoche ist zu Ende. Alle, die daran Teil hatten, scheinen begeistert zu sein von Berlin, der sich mausernden Metropole am Modehimmel. Experten ziehen für Morgenpost Online eine Bilanz der fünften Mercedes-Benz Fashion Week.
Von Alexandra Maschewski
Es war der letzte Tag der fünften Mercedes-Benz Fashion Week und auch der Abschluss der gesamten Modewoche, zu der in dieser Saison so viele Messen und Fachveranstaltungen wie noch nie gehört haben. Und selbst wenn bereits am Freitag einige Chefredakteurinnen und Einkäufer schon wieder abgereist waren, so konnten alle Beteiligten auch mit dem Finale zufrieden sein.
Erst das junge Berliner Label Starstyling, das knallbunte, durchgedrehte Looks am Bebelplatz zeigte – nachdem die vorangegangene Winterkollektion symbolisch vom Catwalk verscheucht worden war. Dann Schmuckdesignerin Sabrina Dehoff, die ihren auffälligen Goldschmuck in Kombination mit locker fallenden Seidenkleidern zeigte. Und dass die Stargäste bei Kaviar Gauche später Boris und Lilly Becker hießen, war tatsächlich sehr passend – gezeigt wurde nämlich eine "Bridal Collection". Sehr coole, junge Brautmode, die wirklich dazu geeignet ist, sie weiterzutragen. Sie muss auch nach dem "schönsten Tag des Lebens" nicht im Schrank verschwinden.
Das lag besonders an der Kombination der weißen und champagnerfarbenen Outfits mit breiten Gürteln aus schwarzem, braunem oder Schlangenleder, oft mit Schleife. Las Vegas ließ grüßen bei einem strassbesetzten Wedding-Overall mit langen Schleifen auf beiden Schultern. Und zum Standesamt geht die Braut in Hosen mit Schlangenlederjäckchen. Der Regen prasselte heftig auf das Zelt am Bebelplatz, als am Abend die Show von Scherer González begann. Ungewöhnlich, aber keineswegs überraschend bei diesem Designer-Duo der Kopfschmuck: weiße Äste mit hängenden Kristallen, die in zum Dutt aufgetürmte Haare gesteckt wurden.
Die Looks in glänzenden Stoffen anfangs sehr tragbar, in Eiscrème-Farben: Limette, Bleu, Blassrosa. Ganz anders, aber von vielen mit Vorfreude erwartet, die Couture-Roben. So ausladend mit ihren Reifröcken, dass die Models am Ende des Laufstegs kaum ohne Hilfe "wenden" konnten. Kontrastreicher hätte die allerletzte Show kaum sein können: Kai Kühne verpasste seinen Models farbige Kontaktlinsen, kleidete sie in Schwarz, Braun, Beige und verordnete ihnen regungslose Gesichter. Hatten was von Aliens.
Fashion-Week-Veranstalter IMG zog bereits am Abend eine positive Bilanz: "Mehr als 22.000 Journalisten, Einkäufer und Prominente haben sich über die Trends für Frühling und Sommer 2010 informiert", so Maia Guarnaccia, Vice President IMG Fashion Europe. "Die ganze Stadt hat in dieser Woche von der Mercedes-Benz Fashion Week Berlin profitiert. Das ist ein gutes Signal für die hiesige Modebranche und für Berlin als internationalen Modestandort."
Hoffen auf noch mehr junge Labels
Auch Fachjournalistin Melissa Drier, Korrespondentin der "Women’s Wear Daily" und Kennerin der Berliner Modeszene, zeigte sich am Sonnabend zufrieden. "Es entwickelt sich hier in der Stadt sehr, sehr gut, aber es muss noch besser werden." Das Fachpublikum sei sehr exklusiv gewesen, nicht nur weil Suzy Menkes von der International Herald Tribune da gewesen sei. Auch das Timing habe gestimmt. Ein Wunsch der Expertin: "Noch mehr junge Labels sollten präsent sein. Ich habe viel Talent gesehen in den vergangenen Tagen, zum Beispiel Michael Sontag." Nicht immer jedoch seien schon alle Teile der jungen Designer reif für so ein großes Defilee. Das Motto "The bigger, the better" gelte allerdings genauso wenig, wie man gesehen habe.
Dass das Bewusstsein für Mode in Berlin eine viel größere Rolle als noch bei der letzten Fashion Week gespielt habe, denkt Philipp Wolff, Direktor Kommunikation bei Hugo Boss: "Die Menschen haben das Thema sehr ernst genommen, was zu einer wunderbaren Atmosphäre in der ganzen Stadt geführt hat. Auch das Publikum war toll, eine einzigartige Mischung. Die Anwesenheit von Suzy Menkes oder auch Mafalda von Hessen, der Armani-Muse, die zu unserer Show kamen, zeigt, dass die Modewoche an Glaubwürdigkeit gewonnen hat.
Und das große Interesse an den Schauen veranschaulicht, dass Mode mehr ist als Luxus, nämlich ein ernst zu nehmendes Business." Das sieht ganz sicher auch Karl-Heinz Müller so, der auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof die Bread & Butter (B&B) veranstaltet hat. Wenn man sich den Andrang dort so anschaute, dann kann man zumindest in diesem Segment auf gute Orderrunden hoffen. "Ich will gar nicht über Besucherzahlen sprechen", so Müller.
Das hat Berlin noch nicht erlebt
"Ich denke, so was hat Berlin noch nicht erlebt. Alle zusammen, die Mercedes-Benz Fashion Week, die Premium, die Bread & Butter – das war ein richtiges Statement. Und Tempelhof, ich kann nur sagen: So einige Besucher standen mit offenem Mund da." Viele Aussteller hätten ihm bestätigt, dass das Publikum absolut hochkarätig gewesen sei. "Berlin wird in Zukunft die Hauptstadt der Casual-Mode sein, hat mir ein namhafter Vertreter aus dem Denim-Bereich prophezeit", so Müller. "Und ich denke, das bezieht auch junge wie etablierte Designer mit ein." Wie viel generell in der Stadt los gewesen sei, habe er in seinem eigenen Modegeschäft "14 oz." in Mitte gesehen.
"Ich habe da Umsätze gemacht, die ich nie für möglich gehalten hätte. Auch viele Restaurants waren ausgebucht bis in die Nacht. Das war ein richtiger Fashion-Hurricane! Alle haben gewonnen. Und ich möchte ausdrücklich auch noch Klaus Wowereit gratulieren, der ja auch viel einstecken musste. Ich hab selbst nicht gedacht, dass es so extrem gut läuft. Jetzt müssen alle Kritiker ruhig sein."
Zu denen zählt Willy Weiland, Präsident des Berliner Hotel- und Gaststättenverbands, nicht. Er konnte gestern noch keine genauen Übernachtungszahlen nennen, dafür erzählte er, dass im inneren Bereich der Stadt die Hotels so gut wie ausgebucht waren. "Das Thema Mode ist einfach ein Erfolg, und B&B hat noch einmal dazu beigetragen." Dankbar waren dafür definitiv die Taxifahrer der Stadt. Detlev Freutel, Vorstandsvorsitzender des Taxiverbandes Berlin-Brandenburg: "Das war ein Bombengeschäft. Alle sind zufrieden. Boomtown-City."
Mitarbeit: C. Schmitz und F. von Mutius
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