Fashion Week
Die kunterbunte Klettverschluss-Welt von Starstyling
Das Berliner Label Starstyling zeigte bei der Berlin Fashion Week zum ersten Mal eine Kollektion auf den Laufsteg. Ihre mit Neonfolie-bedruckten T-Shirts und handgemachten Accessoires gehören zum Innovativsten - und Humorvollsten - was die Berliner Modeszene zu bieten hat. Und Kelly Osbournes Freund Luke Worrel war als Model dabei.
Von Maria Exner
Kai Seifried hat Kaffee gekocht. Mit der Tasse in der Hand steht er inmitten von Kleiderstangen und Kartons. Das Muster seines verwaschenen T-Shirts sieht aus, als hätte ein Grundschüler nach der Zeichenstunden seine Pinsel darüber ausgeschüttelt. Das sei eines der Starstyling-Stücke, die sich auch in den deutschen Läden sehr gut verkaufen. "In Deutschland gibt es immer ganz viele Abers", erklärt Seifried, der im Starstyling-Duo für Marketing zuständig ist, belustigt. Der 39-Jährige kennt die deutschen Einkäufer nun schon ein paar Jahre. Weiß, dass sie sich schwer tun mit seiner Mode, die immer etwas von einer Kostümierung hat und nicht einfach mit Attributen wie exzentrisch oder sportlich beschrieben ist.
Auch die Frühjahr-/Sommerkollektion für 2010, die den Titel "Hokus Fokus" trägt und am Freitag im Fashion Week Zelt auf dem Bebelplatz gezeigt wird, wird es Publikum und Ladeninhabern nicht leicht machen. Designerin Katja Schlegel – die kreative Hälfte von Starstyling - zeigt im Atelier im ersten Stock eines Neubaus in der Alten Schönhauserstraße, warum. Sie nimmt einen schlichten Minirock von der Kleiderstange und verwandelt ihn durch Ankletten von Stoffbahnen in einen luftig schwingenden Petticoat. Auf neonfarbene, kreuz und quer auf ein Sweatshirt gesteppte Klettstreifen drückt sie viereckige Taschen und mit Svarowski-Steinen besetzte, pummelige Stoffkissen. Aus dem Freizeitpulli wird ein Vernissagen-Outfit.
Statt fertiger Looks hat Katja Schlegel modulare Mode entworfen. "Die Leute müssen selbst entscheiden, welche Grundschnitte sie mit welchen Accessoire kombinieren wollen", sagt sie. Das dieses System vielleicht einigen Einkäufer zu kompliziert sein wird – sei es drum. Hauptsache die Mode macht Spaß.
Seit neun Jahren sind die beiden Stuttgarter in Berlin, ihr erster Laden war in einem Hinterhof in der Rosenthalerstraße. 2006 zog Starstyling in das Epizentrum der erfolgreichen Berliner Mode um, die Mulackstraße in Mitte, wo auch Bless und Lala Berlin ihre Geschäfte haben. Angefangen hat das Duo mit ein paar Armbändern, die die studierte Kostümbildnerin und damals freie Stylistin Schlegel für ein Fotoshooting genäht hatte. Sie wurden ihr von Kollegen und Freunden aus den Händen gerissen. Also lieh sie sich von ihrer Mutter eine zweite Maschine und nähte nachts mit Freund Kai Nachschub. Weil der auch Siebdrucken konnte, kamen irgendwann T-Shirts dazu, aus einem Nebenverdienst wurde Hauptberuf.
Accessoires sind auch heute noch ein wichtiges Element des Starstyling Systems. Im vergangenen Jahr zogen mit pinken, blauen und grünen Fransen behangene Tücher die Aufmerksamkeit von Moderedakteuren auf die Berliner. Kommende Saison könnten die Epauletten aus schillernd bunter Transferfolie, die sich an die Schultern fast aller Kollektionssteile kletten lassen, auf den Seiten der Avantgardehefte wieder finden. Mit Witz und Leichtigkeit überträgt Schlegel Klassiker wie die Schulterzierde französischer Offiziere in die Popkultur. Sie kann es, weil sie fest im Sattel der Kunst- und Kostümgeschichte sitzt. Direkt nach dem Studium hat sie als Künstlerin gearbeitet, Installationen gebaut. "Aber der Kunstbetrieb war mir irgendwann zu selbstreferenziell. Es geht nur um Bezüge, Zitate – wer die Referenzen nicht kennt, versteht es nicht. Mode dagegen bietet jedem einen Zugang." In diesem Geist der Zugänglichkeit legt Starstyling auch die Preise fest. Es gibt immer ein breites Angebot an erschwinglichen Basisstücken: T-Shirts, Schals, Jersey-Kleider. Am oberen Ende der Pyramide steht Handgearbeitetes, wie eine Leggings über die kleine Folien-Fetzen wie zufällig verteilt sind. Jeder muss einzeln aufgetragen werden, es entsteht ein Unikat mit hohem Wiedererkennungswert. Etwas, das Starstyling vielen anderen Berliner Modemarken voraus hat.
Weil trotzdem jede Starstyling-Kollektion völlig anders als die vorherige aussieht, verkaufen sich die Sachen besonders gut in Tokio, wo man das Neue, Verrückte liebt. Aber auch Stars der Independent-Szene wie die Sängerin Peaches tragen Starstyling Sachen. Mit dem Namen hängt das nicht zusammen. Nie hatte das Duo im Sinn, Mode für Promis zu machen. "Ich wollte diesen Styling-Aspekt beibehalten, auch im Namen", sagt Katja Schlegel und fügt grinsend hinzu: "Das Wort Star stand auf einer Pizza-Schachtel." Prominenten gratis Klamotten zu schicken, nur damit diese die Bekanntheit der Marke erhöhen, kommt für Schlegel nicht in Frage. "Ich denke da vielleicht ein bisschen naiv, aber die haben doch das Geld, um unsere Sachen zu kaufen, wenn sie ihnen gefallen."
Deswegen war die Designerin auch lange gegen eine Fashion-Show, den ganzen Modezirkus braucht sie eigentlich nicht. "Kai wollte unbedingt eine Show, ich habe da eher Angst davor", sagt sie. Ihr Partner aber sieht in der Fashion Week die Chance, ein noch stärkeres Netz mit anderen Berliner Designer zu knüpfen, sich gemeinsam zu präsentieren. Da bestünde in der Stadt noch enormer Nachholbedarf. "Es fehlt für Modemacher noch an Vielen in Berlin, vor allem an Infrastruktur für eine Produktion in der Umgebung. Aber wenn es um gemeinsame Aktionen geht, hat jeder Angst, dass er zu kurz kommt." Alleingänge, wie der von Bread&Butter Chef Karl-Heinz Müller, der allen anderen Messen seinen Termin diktierte, sind nach Seifrieds Meinung Gift für den Standort. "Nur wenn wir alle zusammen gut sind, können wir Standards schaffen, die es in anderen Modestädten schon längst gibt."
Gespannt sind sie nun beide, welche Reaktionen Hokus Fokus beim Fashion Week Publikum hervorrufen wird. Vor allem, weil es eine doppelte Premiere ist: Nicht nur die Starstyling-Klamotten, auch die Schuhe der Marke MBT, die durch ihre nach unten gewölbte Sohle zwar die Körperhaltung verbessern, aber deshalb als ausgesprochen hässlich gelten, werden das erste Mal auf einer Fashion Week gezeigt wird. Ausgerechnet in diesem selbsternannten Anti-Schuh wird auch ein echtes Topmodel über den Laufsteg schreiten: Luke Worrell, Verlobter von Rockstartochter Kelly Osbourne. Wenn das kein Spaß wird.
Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
-
22:53Berlin: Bande schleust illegale Einwanderer über Mitfahrze...
-
21:56Geldwäsche: Vatikan schmeißt Bank-Chef Gotti Tedeschi raus
-
21:05Mindestlohn: Berliner Abgeordnetenhaus beschließt neues Vergabe...
- 1. Hochzeit in Berlin Bushido und Anna-Maria Lagerblom haben geheiratet
- 2. ifo-Index Griechenland-Krise schickte deutsche Wirtschaft auf Talfahrt
- 3. Drogeriekette Berggruen macht Schlecker-Mitarbeitern Hoffnung
- 4. Attacke im Bahnhof Mordkommission sucht den Schläger vom Alexanderplatz
- 5. Schuldenkrise Keine Annäherung zwischen Merkel und Hollande














