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02.07.09

Fashion Week

Eastpak schickt Problem-Kids über den Laufsteg

Bei der Show der Rucksackmarke Eastpak liefen statt professioneller Models Jugendliche aus Berliner Problemkiezen über den Laufsteg. Für das mutige Projekt gab es vom Publikum reichlich Szenenapplaus – und von der Stadt das Angebot, die Jugendlichen weiterhin zu unterstützen.

Ausgelassener Jubel, minutenlanges Pfeifen bei einer Modenschau? Das gibt es vielleicht mal in Paris wenn Karl Lagerfeld die neue Chanel-Kollektion zeigt. Um 10 Uhr morgens bei der Präsentation der durchschnittlich aufregenden Mode der Jeans- und T-Shirt-Marke Eastpak war dieser Gefühlsausbruch des sonst so reservierten Modepublikums ungewöhnlich. Aber wie lässig, fröhlich und professionell Hamudi, Daniela, Martha, Sheik und anderen Berliner Jugendliche aus den Projekten des Streetworker Vereins "Gangway" sich und die Eastpak-Kollektion präsentierten, hat die Gäste von der ersten Minute an begeistert.

Nach der Show herrscht Backstage ein wildes Durcheinander, jeder fällt jedem in die Arme, Visagist Boris Entrup gibt Interviews, auch die Jugendlichen werden von Kamera-Teams umschwärmt. Daniela ist noch ganz benommen. "Es hat so viel Spaß gemacht." Dann sagt sie noch "jetzt essen" und weg ist 14-jährige Schülerin des Menze-Gymnasiums in Berlin Mitte.

25 Jugendliche aus den Bezirken Mitte, Kreuzberg und Wedding waren an der Eastpak-Show beteiligt, manche wie Daniela als Model, andere haben die Musik ausgesucht oder kümmerten sich um die Gäste. Jeder hat die Aufgabe bekommen, die er am besten erfüllen kann. So wollten es Katja Eismann-Erler von Eastpak und Elvira Berndt, Geschäftsführerin des Streetworker Vereins "Gangway". Sie hat der Modemarke "ihre" Jugendlichen vor einem dreiviertel Jahr anvertraut. In dem Projekt sah sie die Chance, den 14 bis 24-Jährigen eine Welt zu zeigen, zu der sie sonst keinen Zugang hätten.

Laufsteg als soziales Projekt

"Vor einem Jahr waren wir das erste Mal bei der Fashion Week in Berlin dabei. Aber Promis, zickige Models und dicke Limousinen - das passte nicht zu Eastpak. Wir wollten etwas Authentisches," erzählt Eismann-Erler. Aber nicht nur um der Marke gerecht zu werden, machte sich die deutsche Marketingchefin auf die Suche nach Models aus schwierigen Verhältnissen. Vielmehr ist es ihre eigene Biographie, die sie auf die Idee brachte, aus der Laufsteg Show ein Art soziales Projekt zu machen. Geboren in der ehemaligen DDR hatte sie nach dem Umzug der Familie in den Westen Probleme, ihr Leben zu ordnen. Bis eine Lehrerin sie förderte. "Ohne diese Mentorin hätte ich vielleicht nicht diesen Job und dieses Leben. Mit dem Projekt kann ich davon etwas zurückgeben." Wo derzeit jede zweite Modefirma versucht, sich durch eine Stiftung zur Rettung der Weltmeere oder die Verarbeitung eines winzigen Anteils an fair gehandelter Baumwolle einen sozialen Anstrich zu verpassen, macht das persönliche Engagement von Katja Eismann-Erler das Eastpak Projekt glaubwürdig.

Seit November fanden wöchentlich Workshops statt, seither haben beide Seiten voneinander gelernt. Die Modeleute zu vertrauen, auch den Jungs, die als Freigänger der JVA Plötzensee bei der Show mitmachen. Die Jugendlichen Zuverlässigkeit, Selbstvertrauen, und einen aufrechten Gang – im wörtlichen und übertragenen Sinn. Der 18-jährige Hamudi beispielsweise, hatte mit Mode bis vor kurzem rein gar nichts am Hut. Sechs Mal die Woche geht er zum Boxtraining, macht seinen erweiterten Hauptschulabschluss und drei Tage die Woche Praktikum bei der Polizei im Wedding. Seine Streetworkerin hat ihn gefragt, ob er mitmachen will. "Ich war neugierig. Ich hab ja nichts zu verlieren und wenn ich hier bin, häng ich wenigstens nicht blöd rum." Das Rumhängen hatte ihm vor einiger Zeit zwei Wochen Gefängnis eingehandelt. Mittlerweile sind alle Gerichtsverfahren abgeschlossen, jetzt sucht Hamudi eine Lehrstelle. Seine wohl beste Bewerbung hat er abgegeben, als er fröhlich lachend mit seinen Co-Models die letzte Runde auf dem Laufsteg dreht.

Wirtschaftssenator will die Jugendlichen weiter unterstützen

Denn nicht nur Journalisten und Modebranche beobachteten, wie aus jungen "Stressmachern" aus schwierigen Verhältnissen selbstbewusste junge Erwachsene wurden.Vor etwas sechs Wochen wurde auch die Stadt Berlin auf das Projekt aufmerksam, Wirtschaftssenator Harald Wolf übernahm die Schirmherrschaft. Seine Referentin Tanja Mühlhans sagt: "Das Projekt passt einfach perfekt zu Berlin. Und wir würden uns gerne über die Schirmherrschaft hinaus für die Jugendlichen engagieren." Mühlhans hat da schon so einige Ideen, die Senatsverwaltung könnte mit Unternehmen sprechen, vielleicht Jobs vermitteln. Auch ein Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes ist durch das Eastpak-Projekt auf die Jugendlichen von Gangway aufmerksam geworden. Auch wenn noch nichts konkret ist, sieht es für die also ganz danach aus, als sei die Modenschau erst der Anfang und nicht das Ende eines neuen Lebensabschnitts.

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