12.08.11

50 Jahre Mauerbau

Die letzte Chance zur Flucht genutzt

In der Serie "50 Jahre Mauerbau" berichten Zeitzeugen über ihre Erlebnisse im geteilten Berlin. Dem damals 16-jährigen Detelf Rochlitz blieb nicht viel Zeit zur Flucht. "Es ist die letzte Gelegenheit", sagte der Stiefvater.

Von Barbara Kollmann
Foto: Glanze
Erinnerung: 50 Jahre nach seiner Flucht sucht Detlef Rochlitz vergeblich nach der genauen Stelle, an der er mit seiner Familie in die Freiheit lief
Erinnerung: 50 Jahre nach seiner Flucht sucht Detlef Rochlitz vergeblich nach der genauen Stelle, an der er mit seiner Familie in die Freiheit lief

So ein wunderschöner Sommertag im August: Am Heidekampgraben, dort, wo jetzt die Mietshäuser stehen, saßen die Ost-Berliner vor ihren Datschen beim Sonntagskaffee. Auf der anderen Seite war der Westen, auch dort saßen die Kleingärtner beim Sonntagskaffee.

Zwischen Ost und West lagen hier nur 30 Meter. Und dazwischen stand eine Reihe Soldaten, Gewehr geschultert, und riegelten den letzten Ausweg in die Freiheit ab. Hin und wieder stand einer der Kleingärtner im Westen auf und rief: "Wat wird'n ditte, varrückt jeworn?" zu den Grenzsoldaten am anderen Ufer hinüber.

Es war lebensgefährlich, einen Fuß in den kleinen Graben zu setzen, dessen Wasser im Sommer vielleicht bis zum Knöchel reichte. Für den 16-jährigen Detlef Rochlitz war es nur ein großes Abenteuer, als er an diesem 13. August 1961 durch den Graben in den Westen rannte. Vorher hatte er mit seiner Familie noch zu Hause an der Rigaer Straße in Friedrichshain zu Mittag gegessen. Danach waren sie zum Heidekampgraben gefahren, um die Flucht zu versuchen – der Vater mit der kleinen Schwester Sabine, gerade sechs Jahre alt, an der Hand. Als er "Jetzt!" rief, rannte die gesamte Familie los. Im Westen hatten die Kleingärtner Löcher in ihre Hecken geschnitten, erinnert sich Detlef Rochlitz, damit den Ost-Berlinern die Flucht erleichtert wurde. Die vier schafften es heil in die Freiheit und wurden im Westen auch gleich zum Sonntagskaffee eingeladen. Aber die Mutter hatte Angst, sie wollte so weit weg wie möglich von den Soldaten. So stieg die Familie am S-Bahnhof Köllnische Heide in den Zug und waren gegen 17Uhr in der Manteuffelstraße bei Tante Else. "Ich habe damals die Gefahr, auch die Tragweite, gar nicht verstanden", sagt Detlef Rochlitz. "Es war einfach nur aufregend, mit 16 Jahren fühlt man sich ja auch unsterblich. Außerdem wollte ich ja gar nicht weg aus dem Osten. Ging mir doch gut." Fünf Tage später hätte er seinen 17. Geburtstag gefeiert, mit seiner Clique – die Bilder von seiner Party zum 16. hat er noch heute, wo sie alle mit der Zigarette in der Hand ganz erwachsen aussehen wollten.

In den Tagen vor dem 13. August hatte jeder in der Nachbarschaft davon geredet, dass "irgendetwas passieren" werde, erinnert sich Detlef Rochlitz. Was, wusste niemand genauer zu sagen: "Und dass die da eine Mauer bauen würden, das war für uns ganz unvorstellbar." Die Eltern hatten zuvor schon lange heimlich über eine Flucht nachgedacht. Am 13. August gegen 8Uhr hörte die Familie, dass die Grenzen dicht seien. Detlef Rochlitz radelte mit zwei Freunden los und schaute sich die Sache an: "Daraufhin entschied mein Stiefvater, das sei die letzte Gelegenheit. Eine Chance zur Flucht sah er nur in Treptow. Dieser Abschnitt konnte zu diesem Zeitpunkt nicht vollständig abgeriegelt sein.

Am Abend nach der Flucht lag der 16-Jährige lange wach. Er dachte darüber nach, was das bedeutet: "Nicht mehr zurück können." Die Familie fand bald eine eigene Wohnung in Britz. Die Mutter nannte sie den "Filmpalast", weil sie ihr im Vergleich zu dem Haus in Friedrichhain so modern und luxuriös vorkam wie eine Hollywood-Kulisse. Doch Detlef Rochlitz vermisste sein altes Umfeld. "All meine Freunde waren plötzlich unerreichbar geworden. Ich war allein und unglücklich" sagt er heute. Abends traf er sich mit anderen Jugendlichen auf der Westseite der Oberbaumbrücke, über die er jetzt nicht mehr nach Hause gehen konnte. Sie schrien den Grenzsoldaten "Penner" und "Mörder" zu und warfen Steine nach den Patrouillenbooten des Ostens. Manchmal nahm die West-Berliner Polizei ein paar von ihnen fest, damit die Situation am Grenzübergang nicht eskalierte.

Doch nach einigen Monaten hatte Detlef Rochlitz wieder eine Lehrstelle. Er hatte auch einen neuen Fußballverein, den Mariendorfer BC: "Und eine neue Braut war auch da", sagte er schmunzelnd. Der Westen begann ihm allmählich zu gefallen. "1965 war ich zum ersten Mal wieder drüben, mit Passierschein. Es war wirklich eine Riesenangst, die ich da hatte." Mit der Zeit verlor Detlef Rochlitz den Glauben, dass die Mauer irgendwann wieder verschwinden könnte.

Dann kam der 9. November 1989. An diesem Tag feierte Detlef Rochlitz mit seinem Kollegen Hauschild seine bestandene Prüfung zum Maschinenbaumeister, als gegen 23 Uhr ein Anruf kann: "Die Mauer ist offen!" "Ja, Ja", sagte Rochlitz, und legte auf. Erst am nächsten Tag begann er, das Unglaubliche zu glauben.

Mehrmals fuhr er nach der Wende mit seiner Frau Doris zum Heidekampgraben. Er suchte die Stelle, an der seiner Familie Jahrzehnte zuvor die Flucht gelungen war. Die Kleingärten waren weg, auf der früheren Westseite wie auch im Osten. "Ich kann heute nur noch ungefähr sagen, wo uns die Flucht gelang. Es ist heute zu weit weg – ein halbes Jahrhundert."

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