07.08.11

50 Jahre Mauerbau

Kleine Grenzgeschäfte mit Zigaretten gegen Süßes

In der Serie "50 Jahre Mauerbau" berichten Zeitzeugen über ihre Erlebnisse im geteilten Berlin. Hans-Joachim Weß besuchte an den Wochenenden seinen Vater in Ost-Berlin. Auf der Fahrt schmuggelte er für die DDR-Grenzsoldaten Zigaretten.

Von Bettina von Sass
Foto: Martin Lengemann
Hans-Joachim Weß auf der Bornholmer Brücke: Vor 50 Jahren schmuggelte er hier Zigaretten für DDR-Grenzsoldaten
Hans-Joachim Weß auf der Bornholmer Brücke: Vor 50 Jahren schmuggelte er hier Zigaretten für DDR-Grenzsoldaten

Elf Kilometer. Eine Strecke, die sich hinziehen kann, wenn man erst acht Jahre alt und mit einem zu großen Fahrrad unterwegs ist. Hans-Joachim Weß, genannt Hansi, muss sich gewaltig strecken, um die Pedale zu erreichen. Von der Großmutter in der Gropiusstraße in Wedding bis zum Vater in Prenzlauer Berg ist er gut 40 Minuten unterwegs. Die Eltern sind geschieden, die Mutter lebt mit neuem Mann im Westen, zu ihr hat der Junge kaum Kontakt. Er wohnt bei der Oma. "Ab 1957 besuchte ich an den Wochenenden regelmäßig meinen Vater. Mein Weg zur Stahlheimer Straße führte mich immer über die Bornholmer Brücke", erzählt Hans-Joachim Weß. Er erinnert sich genau an das befreiende Gefühl, wenn er abends Richtung Wedding zurückfuhr und in der Ferne die glitzernden Lichter des Westteils sehen konnte. "Im Osten war es duster und beklemmend."

50 Jahre später steht der 61-Jährige am S-Bahn-Eingang auf der Mitte der Brücke. "An dieser Stelle waren die Grenzkontrollen – und hier war auch der Schauplatz meiner Schmugglerzeit." Doch zunächst denkt er an den ersten Morgen des Mauerbaus zurück. Im Radio hört der mittlerweile Elfjährige von den Vorgängen an der Grenze. "Aber meine Oma sagte, fahre mal los, du willst doch zu deinem Vater. Sie glaubte, dass an diesem Sonntag nur strenger kontrolliert werden würde." Doch die Posten stehen schon auf der Brücke. Grenzsoldaten, die meisten aus Sachsen. Weß steigt vom Rad. "Was ist los? Ich will zu meinem Papa." Darauf antwortet einer der Volksarmisten: "Nee, Junge, du kannst jetzt niemand mehr besuchen."

Sehen, wie die Mauer wächst

Also zurück zur Oma. Die bittet ihn, gleich zur Bernauer Straße zu fahren. Ihr zweiter Enkel, genauso alt wie Hansi und Scheidungskind wie er, wohnt dort mit seinen anderen Großeltern. Die Grenze verläuft auf östlicher Seite entlang der Häuserfront – treten die Bewohner vor die Haustür, sind sie im Wedding. Doch jetzt ist der Zugang zu den Häusern versperrt. Wieder zu Hause, schildert der Enkel seiner Oma atemlos die Situation. In den folgenden Wochen fährt der Junge nach der Schule fast täglich zur Bernauer Straße. Er begreift nicht, was geschieht. Aber er will sehen, wie die Mauer wächst.

Ein Bild, das um die Welt gehen sollte, brennt sich ihm ein: Am 24. September beobachtet er, wie eine weißhaarige ältere Frau im ersten Stock der Bernauer Straße34 auf dem Sims steht und sich ängstlich am Fenster festhält. Oben zerren Vopos an ihr, unten stehen Feuerwehrleute mit Sprungtüchern. Sie fällt, wird aufgefangen – und stirbt kurz darauf. Ihr Herz hat die Aufregung nicht verkraftet. Schon am frühen Morgen sind Hunderte Angehörige der Volkspolizei und der Betriebskampfgruppen in die Häuser eingedrungen, um bis zum Nachmittag 2000 Menschen umzusiedeln. "Darunter wohl auch meinen Cousin. Ich habe ihn nie wieder gesehen."

Florierender Handel

Auch Weß' Vater ist hinter dem Eisernen Vorhang verschwunden. "Aber das hat mir wenig ausgemacht. Unser Verhältnis war unterkühlt, ich bekam bei ihm ständig Rotlichtbestrahlung. Er war überzeugter Genosse." Was dem Jungen mehr zu schaffen macht, ist das Ende seiner Schmugglerlaufbahn. Sie beginnt im Alter von acht Jahren. Er ist auf dem Weg nach Prenzlauer Berg, als er auf der Brücke von zwei Vopos angehalten wird. Sein Rücklicht sei kaputt. "Wir müssen dich zurückschicken!" Weß erwidert kess: "Ich kann ja schieben." Der verblüffte Vopo hat eine Idee: "Hol uns doch mal da drüben am Kiosk 'ne Schachtel Stuyvesant." Er zeigt zum westlichen Brückenanfang. "Dann drücken wir ein Auge zu." Darauf entgegnet der Steppke: "Gut. Dann gibt es für mich aber Schokolade!" Der Grenzposten sieht seinen Kollegen an, beide nicken. "Da hast du Geld. Aber wenn hier nachher ein Offizier mit Silberlitzen steht, fahr einfach durch, dann gibst du uns die Zigaretten das nächste Mal."

Aus der spontanen Idee wurde ein Geschäft. Bald ist der junge Mann auch bei den anderen Volkspolizisten bekannt. Er beliefert sogar die Posten auf der zwei Kilometer entfernten Behmbrücke. Die bevorzugen HB. "Der Handel florierte. Eine Tafel Cadbury Schokolade für 60 Pfennig pro Tour. Das war meine Bedingung." Mit dem Mauerbau endet auch der Schmuggel. Nach dem Mauerfall kehrt Weß zur Bernauer Straße zurück: "Ich stand wieder da, wo ich mit elf Jahren den Bau beobachtet hatte." Nun sieht Weß, wie die Mauer von Baukränen abgetragen wird. Wieder ist er fassungslos – aber glücklich.

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