05.08.11

50 Jahre Mauerbau

Pendlerin zwischen Ost und West

In der Serie "50 Jahre Mauerbau" berichten Zeitzeugen über ihre Erlebnisse im geteilten Berlin. Karola Ebeling war am Deutschen Theater, als Berlin geteilt wurde. Nur mit viel Glück bekam sie ein Engagement im Westen.

Von Bettina von Sass
Foto: Reto Klar
Mauerbau Zeitzeugen / Berliner Mauer
Erinnerung Karola Ebeling vor der Büste des damaligen Intendanten Wolfgang Langhoff am Deutschen Theater in der Schumannstraße

Der Rundfunk-Reporter, der am 13. August 1961 von der Bernauer Straße berichtet, muss sehr laut sprechen. Seine Stimme übertönt nur mühsam den Krach eines Presslufthammers. Karola Ebeling sitzt in der Schweiz bei ihren Zimmervermietern vor dem Radio, lauscht wie vom Donner gerührt den Reportagen und Meldungen aus ihrer Heimatstadt. Von Stacheldraht und anderen Sperren ist die Rede. Von Maurern und weinenden Müttern.

Der jungen Schauspielerin, die gerade mit ihrer West-Berliner Kabarett-Gruppe "die bedienten" in Basel gastiert, fällt es schwer, an diesem Abend auf die Bühne zu gehen. Die Zuschauer wollen lachen, doch der Künstlerin ist nach Weinen zumute. Immer wieder kreisen die Gedanken: Was geschieht mit ihrer geteilten Stadt? Was passiert mit der Kultur, mit den Theatern, den Opernhäusern? Und was wird aus ihr, der Grenzgängerin? Die seit 1958 fest engagiertes Mitglied des Deutschen Theaters ist. Die von ihrer Wohnung in Friedenau jeden Tag durchs Brandenburger Tor zur Arbeit fährt.

Erst am 25. August kann sie sich mit dem Auto auf den Weg nach Berlin machen. "An den Übergängen Rudolphstein und Dreilinden gab es natürlich extrem scharfe Kontrollen und unglaublich lange Wartezeiten." Die Rückkehr ans Deutsche Theater bleibt ihr verwehrt, "aber ich musste unbedingt für Platten-Aufnahmen in den Ostteil". Zum Spielzeitende hatte sie das letzte Mal mit dem berühmten Eduard von Winterstein im "Nathan" auf der Bühne gestanden. "Ich spielte seine Tochter. Parallel zu den Theateraufführungen nahmen wir bei ,Eterna' eine Schallplatten-Gesamtaufnahme auf, die zu Wintersteins 90. Geburtstag herauskommen sollte", erzählt Karola Ebeling in ihrer Wohnung in Charlottenburg. "In Anbetracht seines hohen Alters waren erst mal alle Szenen mit ihm aufgenommen worden." Die Vorsicht war berechtigt. Am 23. Juli, kurz vor seinem Geburtstag, starb der Schauspieler.

Um die Aufnahmen planmäßig zu beenden, erhält die 25-Jährige vom DDR-Kultusministerium Ende August für einige Wochen eine Sondergenehmigung: Sie darf mit ihrem Auto den Grenzübergang Invalidenstraße passieren. "Der einzige Kontrollpunkt, über den West-Berliner mit spezieller Erlaubnis ,einreisen' durften. Dort hielten sich auf westlicher Seite immer viele Menschen auf. Sie hofften, Verwandte auf der anderen Seite der Absperrung wenigstens kurz sehen zu können." Wer aber mit dem Auto durchfahren durfte, war für sie sofort verdächtig. Das musste ein Kommunist oder ein Stasi-Angehöriger sein. Karola Ebeling trifft die Wut der verzweifelten Menschen mit voller Wucht. Ihr Auto wird mit Tomaten, Eiern und Farbbeuteln beworfen. "Auf schlimmste Art wurde ich beschimpft. Die Leute kannten ja nicht den Grund meiner Genehmigung." Auf dem Rückweg geht sie ein hohes Risiko ein, mehrmals wird sie zur Schmugglerin: Ein Ost-Berliner Musiker aus ihrem "bedienten"-Ensemble, der im Westteil studiert, will nicht zurück. Von seinen Eltern bringt sie ihm sämtliche Studienunterlagen mit.

"Meine berufliche Situation hatte ich, solange ich pendeln konnte, in ihrer ganzen Härte noch immer nicht erfasst." Karola Ebeling wundert sich nachträglich über sich selbst. "Nachdem ich bei ,Eterna' meine letzten ,Nathan'-Szenen aufgenommen hatte, fuhr ich am Deutschen Theater vorbei. Ich verabschiedete mich von Kollegen – noch hatten wir die Hoffnung, uns bald wiederzusehen." Mit einigen Schauspielern habe sie allerdings schon länger nicht über Politik sprechen können. "Die standen dem SED-Regime recht nahe."

Und dann ist sie da, die Existenzangst. "Ein Gefühl, als ob mir der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Ich konnte mir nicht vorstellen, nie wieder im Osten Theater spielen und filmen zu können." Wenige Monate vor dem Mauerbau hatte sie noch in einer vielgerühmten DEFA-Verfilmung von "Kabale und Liebe" die Luise gespielt, ebenfalls mit einer Sondergenehmigung der DDR-Regierung. Alles vorbei.

"Wir Grenzgänger – und das waren sehr viele Künstler – waren in unserer Ratlosigkeit erst mal wie gelähmt. Schließlich hatten die West-Berliner Bühnen nicht auf uns gewartet." Doch Karola Ebeling hat Glück. Schon seit einigen Jahren macht sie nebenher eine Gesangsausbildung, und so meldet sie sich zum Vorsingen für die deutsche Erstaufführung von "My Fair Lady". Die Inszenierung mit Paul Hubschmid soll Ende Oktober im Theater des Westens starten. "Ich schaffte es bis in die Endrunde. Karin Hübner bekam dann die Rolle der Eliza, ich war die Zweitbesetzung."

Die Premiere wird ein Riesen-Erfolg. Doch für Theater-Direktor Hans Woelffer, der eine Million Mark in diese Produktion im Broadway-Stil gesteckt hat, ist das Ausbleiben Tausender Ost-Berliner Besucher eine Katastrophe. Nun bekommt er sein Haus nicht voll, auf den hohen Kosten droht er sitzen zu bleiben.

"Da hatte Woelffers Werbechef Jürgen Zimmermann die rettende Idee", erinnert sich Karola Ebeling. Die Hotels plagen ebenfalls mauerbedingte Sorgen – warum also nicht gemeinsam westdeutsche Touristen in die Stadt holen? Zunächst arbeitet das Theater des Westens mit dem Hilton zusammen, 134 Mark kostet der "My Fair Lady"-Trip, im Preis enthalten sind der Flug (von Hamburg), die Übernachtung und das Musical-Ticket. Das Konzept funktioniert, begeistert steigen andere Hoteliers ins Kultur-Geschäft ein. Die Ränge im Haus an der Kantstraße füllen sich. "So wurden die Theater-Pauschalreisen erfunden – und wir waren gerettet!"

Den 9. November 1989 erlebt Karola Ebeling an ihrer Bügelmaschine. "Ich hatte inzwischen ein kleines Hotel im Fichtelgebirge und sah beim Glätten der Wäsche die Bilder aus Berlin." Am liebsten hätte sie ihre Gäste sich selbst überlassen und wäre sofort hingefahren. Am Telefon schildert ihre Tochter ihr später die Ereignisse am Brandenburger Tor. "Sie ließ sich dort auf die Mauer hochziehen. Zu gerne wäre ich dabei gewesen!"

Am heutigen Freitag um 19.30 Uhr erzählt in der "Abendschau" Ursula Behrendt von ihren Erlebnissen.

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