02.08.11

50 Jahre Mauerbau

Nach dem Urlaub war die Mauer da

In der Serie "50 Jahre Mauerbau" berichten Zeitzeugen über ihre Erlebnisse im geteilten Berlin. Lothar Kensbock besitzt einen kleinen Kiosk an der Oberbaumbrücke. Am 30. Juli 1961 fährt er in den Urlaub. Als er wiederkommt, ist sein Laden dicht.

Von Andrea Kolpatzik
Foto: Reto Klar
Mauerzeitzeuge Herr Hensbrock / Oberbaumbrücke
An der Grenze Lothar Kensbock steht an der Oberbaumbrücke in Kreuzberg. Bis Ende August 1961 hat er dort Zeitungen verkauft

Damals ist es nur ein Witz. "Wenn ihr wiederkommt, ist der Laden dicht!", sagt der Bruder zum Abschied. Regine Kensbock lacht. Sie ahnt nicht, dass er recht behalten soll. Es ist der 30.Juli 1961. Regine und Lothar Kensbock, damals 24 und 23 Jahre alt, betreiben einen kleinen Zeitungskiosk in Kreuzberg. Drei mal drei Meter groß, zwei Schaukästen an den beiden Außenseiten. "Ein praktischer Plattenbau", sagt der heute 73 Jahre alte Rentner. Fast zwei Jahre haben der gelernte Ofenbauer und seine Freundin damals auf Ferien verzichtet – bis die Raten für den Kiosk abgestottert sind. Am 30.Juli 1961 ist es so weit. Koffer packen, Wanderschuhe ins Auto, Abfahrt in den Schwarzwald. Die Urlaubstage von Regine und Lothar Kensbock sind unbeschwert.

Bis zum 13. August 1961. Ein Sonntag. In Baden-Württemberg essen die Kensbocks ihr Frühstücksei, während die Welt gebannt auf Ost-Berlin schaut. Die Nachricht vom Mauerbau hört das junge Paar im Radio. In der Pension "Diana", morgens gleich nach dem Aufstehen. An die Details erinnert sich Lothar Kensbock noch heute. An die Trauermusik im Radio, die wirren Einordnungsversuche der Nachrichtensprecher. Dazu kommt die Sorge um die Tanten aus Ost-Berlin. Am Sonnabend sind diese noch zu Besuch in West-Berlin gewesen. Aber abends auch wieder zurück in die DDR gegangen? Sie sind. "Skurril" empfindet Lothar Kensbock den Tag im Rückblick. Als West-Berliner sind er und seine Freundin Schreckensmeldungen gewohnt, aber an diesem Morgen sind sich beide einig: "Irgendetwas ist anders."

Lothar Kensbock folgt seinem Instinkt, macht sich mit Freundin Regine auf den Heimweg nach West-Berlin. Am späten Abend sind sie zurück in Kreuzberg. "Da bauten die schon", erinnert sich Lothar Kensbock. Das Paar wohnt in der Köpenicker Straße, 250 Meter von der innerdeutschen Grenze auf der Oberbaumbrücke entfernt. Ein Blick aus dem Fenster genügt, um zu wissen: "Jetzt ist Feierabend." Der unbedarfte Scherz des Bruders ist Realität geworden.

Am 14.August 1961 geht Lothar Kensbock trotzdem zur Arbeit. Pünktlich um fünf Uhr schließt er seinen Kiosk auf. Wie jeden Morgen hängt er die Schaukästen raus, nimmt Lieferungen entgegen und wartet auf die ersten Kunden – vergeblich. Die Zeitungen stapeln sich in der Auslage, die "Laufkundschaft" fehlt. Die Grenzgänger aus Ost-Berlin sitzen in der DDR fest. Kensbocks Kiosk liegt an der Oberbaumstraße, an der Ecke zur Falckensteinstraße. Also nun unmittelbar an der innerdeutschen Grenze. West-Zeitungen sind bei den Grenzgängern gefragt, "besonders die Fernsehzeitungen". Wenig Werbung, klein und schmal – besonders Frauen schmuggeln sie oft in die DDR. "Gleich nach dem Kauf steckten sie die Zeitung in den BH oder in die Unterhose", sagt Lothar Kensbock. Manchmal werden sie auf dem Heimweg nach Ost-Berlin von den Grenzsoldaten kontrolliert, gefilzt und überführt.

Ende August 1961 ist der Ausfall der Ost-Kundschaft nicht mehr zu kompensieren. Auch die West-Berliner werden immer weniger. Niemanden zieht es an die Oberbaumbrücke. Wachposten, Jeeps und patrouillierende US-Soldaten. "Ein Muskelspiel", sagt Kensbock. Eines Morgens wird sein Kiosk zur Militärbasis. Drei US-Soldaten haben sich davor postiert, spielen Krieg. Maschinengewehr, Sandsäcke und scharfe Munition. Mittendrin: Lothar Kensbock. Der 23-Jährige stellt die Schaukästen auf, legt die Zeitungen aus. "Es ging um unsere Existenz, ich musste meinen Kiosk aufmachen", sagt er. Erst da merken die US-Soldaten, dass der Laden noch bewirtschaftet wird. Sie rücken ab.

Doch nach diesem Erlebnis entscheiden Regine und Lothar Kensbock: "Wir machen dicht." Der Kiosk wird verkauft, er wird später als Currywurstbude an der Bundesallee aufgestellt. Die Kensbocks bleiben im Kiez. Am 1.Oktober 1961 eröffnen sie einen neuen Zeitungsladen. Im Kellergeschoss eines Hauses am Schlesischen Tor, 200 Meter vom alten Kiosk entfernt. Die Bushaltestelle vor der Tür ist ein Glücksfall: Die Rushhour der Berufspendler wird auch zur Rushhour für Kensbock. Der Laden brummt – trotz Mauerbaus. In Urlaub fährt Lothar Kensbock damals dennoch erst mal nicht mehr. Er ist vorsichtig geworden.

Am heutigen Dienstag um 19.30 Uhr erzählt in der "Abendschau" Jutta Witt von ihren Erlebnissen am 13. August 1961.

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