Aufbruchsstimmung

Frühling in Berlin - Wie Menschen neu starten

Viele Menschen nehmen die Jahreszeit zum Anlass, ihr Leben neu zu ordnen. Vier Beispiele aus der Hauptstadt.

Sophie Hardekopf 24 ist neu in Berlin

Sophie Hardekopf 24 ist neu in Berlin

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Am Montag ist Frühlingsanfang, Start in eine Saison, in der mancher die Erstarrungen des Winters hinter sich lässt, sein Leben noch einmal mit neuem Mut in die Hand nimmt und: Frühlingsluft schnuppert. Wir haben vier Menschen getroffen, bei denen jetzt eine Zeit der neuen Ideen und Pläne beginnt, ganz im Sinne von Goethes Zeilen: "Vom Eise befreit sind Strom und Bäche, durch des Frühlings holden, belebenden Blick."

Laura Engel sucht das Sprungbrett in die Welt

Die Überzeugungsarbeit für ihre Kinder wollte strategisch angegangen werden. Laura Engel aus der oberfränkischen 45.000-Einwohner-Stadt Hof lud die Familie ins Auto und fuhr also los in dieses Berlin, um ihnen schon mal zu zeigen, wohin sie in diesem Frühling ziehen wird. Wann ihr Mann Michael (32) mit den Kindern Logan (4) und Zelda (6) nachkommen kann, weiß keiner so genau.

Berlin soll für die 38-Jährige zur Stadt der neuen Möglichkeiten werden. Ab dem 2. Mai tritt sie im Auswärtigen Amt in Mitte eine Ausbildung als Attachée im höheren Dienst an. "Ich verlasse die fränkische Heimat, einen sicheren Job, die Großeltern der Kinder und alle Freunde", sagt sie. Es wird ein großes Abenteuer. Nach 14 Monaten ist Engel Gesandte auf Probe, wenn dabei alles klappt, beginnt die Rotation. "Wir werden drei Jahre irgendwo in der Welt unterwegs sein und zwischendrin jeweils drei Jahre lang: Berlin."

Sich um die begehrte Position zu bewerben, sei "so etwas wie Lottospielen" gewesen, sagt sie. Von Hause aus studierte Ethnologin, lehrte Engel zuletzt Schlüsselqualifikationen an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Hof. Das Leben war gut, man stand kurz davor, sich eine Doppelhaushälfte zu leisten. Also muss jetzt einiges funktionieren in Berlin. "Ich suche eine Wohnung für uns und eine Kita für Logan. Eine Waldorfschule für Zelda ist zumindest gefunden", sagt sie. "Spätestens zum Schulanfang möchte ich die Familie nachholen." Ihr Mann indes, gebürtiger Filipino, rechnet sich im Vergleich zu Bayern in Berlin bessere Berufschancen aus für jemanden, dessen Englisch besser ist als sein Deutsch.

Engels Überraschungsinitiative, die Überzeugungstour der Eltern für den Neustart an der Spree immerhin ist aufgegangen. "U-Bahnfahrten, bei denen der Zug auf und ab, in den Tunnel und wieder hinaus sauste, unterwegs auf der Straße plötzlich an Menschen vorbei zu kommen, die da Musik spielten: Das kam gut an." Als man zuletzt aus Berlin hinausfuhr und das Signal des hiesigen Kindersenders im Auto immer schwächer wurde, gab das Logan und Zelda den finalen Ruck: "Wir müssen wiederkommen", erklärten sie. Den ganzen Rest kann ja jetzt ihre Mutter erledigen.

Sophie Hardekopf stürzt sich Hals über Kopf in die Stadt

In diesen ersten zehn Tagen hat Sophie Hardekopf von ihrer neuen Stadt kaum etwas mitbekommen. "Ich musste hier eilig alles Organisatorische regeln und zwischendurch eine Freundin im Krankenhaus besuchen." Die 24-Jährige hat noch nicht viel in Berlin. Einen Arbeitsvertrag im Elektromarkt für wöchentlich 20 Stunden, ein WG-Zimmer, aus dem sie in zwei Monaten schon wieder hinaus muss. Was sie besitzt, einen Koffer und die Bettdecke, war schnell verstaut im Mietwagen, mit dem sie aus Lübeck umgezogen ist. Aber sie musste das einfach mal ausprobieren: sich Hals über Kopf in etwas hineinzustürzen. "Ich bin 24 Jahre alt. Das ist das beste Alter, um mich selbst auszuprobieren", sagt sie.

Bis Dezember studierte sie in Ingolstadt Internationales Handelsmanagement. Jetzt muss sie die Bachelorarbeit schreiben. "Ich dachte mir, das kann ich in Berlin machen. Das ist eine Weltstadt, es gibt superviele junge Menschen." Zwei Monate schaltete sie dafür zurück auf: Kindheit. "Ich zog in der Übergangszeit zu meinen Eltern nach Lübeck." Das war eine besondere Erfahrung für eine erwachsene Frau. "Es gab wieder Fragen, wo ich hingehe, wenn ich nachts loszog, und wo ich am Abend zuvor war", sagt sie lachend. Die Erfahrung habe ihr gezeigt: "Ich weiß, wie wichtig mir Familie ist. Aber ich muss nicht in Lübeck sein, um mich ihr nahe zu fühlen."

Nun also Berlin. Sie brauche dringend ein Zimmer, am liebsten für maximal 450 Euro in Friedrichshain. Alles andere soll sich fügen. "Ich wollte es umgedreht machen: nicht nach der Stadt suchen, zu der meine Pläne passen, sondern nach Berlin gehen und dort sehen, welches neue Studium und welche Berufe zu mir passen." Sie sei viel gereist, habe währenddessen sechs Monate in Sidney gelebt. "Aber nie hatte ich das Gefühl: Jetzt bin ich angekommen", sagt Hardekopf. "Vielleicht geschieht das jetzt in Berlin."

Für Familie Lack geht es um die Existenz

Der Optimismus, den viele angesichts des nahenden Frühlings spüren, fand im Leben von Alexandra Lack in den vergangenen Monaten nicht statt. Während andere mit neuen Plänen in die Zukunft schauten, blickte die 40-jährige dreifache Mutter in den Abgrund. Sie hatte für ihr Geschäft zu Ende März die Kündigung erhalten. Lack und Lebensgefährte Mesut Eymir stellten sich auf ein Leben in Arbeitslosigkeit ein. Seit 36 Jahren gibt es ihren Haushaltswarenladen "Bantelmann" an der Kreuzberger Wrangelstraße 86. "Der erste Besitzer war so etwas wie ein Ziehvater für mich", sagt Lack, die 1995 ins Haus einzog. 2012 übernahm sie das Geschäft. "Hauptkunden sind unsere Omis und Opis", erklärt Lack. Ihnen geht es nicht um Zehnerpackungen sondern um Einzelstücke, etwa eine Glühbirne, die es eigentlich nicht mehr gibt, die aber Lack besorgt und Eymir beim Kunden einschraubt. "Das sind Menschen, die überhaupt nicht mehr beweglich genug sind, um es zu den großen Elektromärkten zu schaffen", sagt er. Bei einer Demonstration von Anwohnern für Bantelmann und drei weitere von Schließung bedrohte Geschäfte versammelten sich Ende Februar 3000 Menschen an der Wrangelstraße.

Alexandra Lack hatte in der Nachbarschaft alle leerstehenden Geschäfte inspiziert. Sie waren aber vergeben oder unerschwinglich. 1100 Euro zahlt das Paar für seine Räume. "Wir haben keine Kundschaft, die uns folgen könnte, wenn wir anderswo einen neuen Laden eröffnen würden", sagt Lack. "Wir werden Hartz-IV-Empfänger", so ihre Angst. "Ich habe ja nach der Schule gleich angefangen, bei Bantelmann zu arbeiten."

Ihren Kindern Malik (5), Dilada (11) und Emre (13) hatten Lack und Eymir schon angekündigt, dass sich einiges ändern werde. "Wir haben ihnen gesagt, dass wir uns radikal einschränken müssen. Dass sie sich bald nicht mehr im Discounter dies und das wünschen können."

Kurz vor Ablauf der Frist dann: die Rettung. "Der Vermieter rief plötzlich an, und sagte: Sie können bleiben", sagt Alexandra Lack. Warum? "Der öffentliche Druck war zu groß", vermutet sie. Jetzt muss sich das Unternehmerpaar dennoch auf Veränderungen einstellen: Das Nachbargeschäft, das zum Laden gehörte, gibt man ab, die Miete aber bleibt gleich. "Das ist okay", findet Lack. Der Vermieter will zudem das Ladenschild von 1986 ersetzen und Fassadenarbeiten in Auftrag geben, beides aber auch zahlen. "Ich stelle mich jetzt erst einmal auf drei Jahre ein, die wir hier bleiben können", sagt Lack.

Und was hat ihr Mann gesagt, als sie ihm die gute Nachricht überbrachte. "Er sagte: ,Nur drei Jahre? Ich dachte, wir bekommen vielleicht eine Zusage über zehn Jahre'", sagt sie. Und lacht.

Matthias Klockow wird jetzt Kitaerzieher

Matthias Klockow hat sein berufliches Glück gefunden. Er umgibt sich jetzt mit Menschen, die mehrheitlich kaum das Alphabet beherrschen, und am Monatsende zahlt man ihm ein Drittel dessen, was er im vorangegangenen Job verdiente. Mit 52 Jahren steht der ehemalige Bankangestellte und spätere Versicherungsmitarbeiter nun am Anfang einer Ausbildung zum Kitaerzieher. "Ich fühle mich wohl", sagt der vierfache Vater aus Schöneberg. "Selbst wenn ich unter allen Azubis der älteste bin."

Früher war Bankkaufmann Klockow bei der Sparkasse. In den 90er-Jahren begann er, Kunden maßgeschneiderte Policen zu verkaufen. Er versicherte mittelständische Unternehmen mit 20, 30 Angestellten. Altersvorsorge für das Personal, Haftpflicht für den Chef, eine Oldtimer-Werkstatt orderte Schutz bei Diebstahl. "Dabei muss man sich immer anstrengen, dass man die Quoten seines Arbeitgebers erfüllt", sagt Klockow. "Dafür bist du dann 60 Stunden die Woche unterwegs."

Zwei persönliche Ereignisse hätten ihn zur Vollbremsung bewogen. "Meine Eltern, die lange Pflegefälle gewesen waren, starben. Danach fragt man sich schon, ob die eigene Lebenssituation so weitergehen soll." Ins Grübeln brachte ihn zudem der 50. Geburtstag. "Ich habe überlegt: 50 Jahre hast du hinter dir. Was von dem willst du in die nächsten Jahrzehnte mitnehmen? Und was nicht?"

Vieles habe für den Erzieherberuf gesprochen, sagt er. Seine Frau ist dort tätig, und überhaupt habe er in letzter Zeit bei genauem Hingucken Freiräume in seinem Leben entdeckt: Die Kinder der beiden sind jetzt aus dem Haus, nach dem Tod seiner Eltern gebe es zudem ein kleines finanzielles Polster. "Meine Frau und ich haben das besprochen. Wir haben kein Auto, und in den kommenden drei Jahren der Ausbildung wird es wohl auch keine großen Reisen geben. Aber nach den früheren Erfahrungen ist es mir lieber, einen Beruf zu haben, bei dem ich abends gesund nach Hause komme."

Dabei sei der Kitajob auch kein Kindergeburtstag. Der Anspruch an Erzieher, von Aufgaben der Inklusion bis zur Frage, was man eigentlich für Werte weitergeben möchte, sei hoch. Klockow muss da den Versicherungsagenten endgültig hinter sich lassen und Neues wagen.

Das Wort "Erfolg" habe in diesem Umfeld eine ganz neue Bedeutung: "Wenn ich morgens in die Kita komme und gleich hängen mir Kinder am Bein, die hochgucken und sagen: ,Machen wir etwas zusammen?': Das ist jetzt meine berufliche Bestätigung."

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