Artenschutz

Hälfte der Arten in Berlin ist gefährdet oder ausgestorben

Am 3. März ist Internationaler Tag des Artenschutzes: Pflanzen und Tiere sind in Berlin bedroht – nutzen aber ungewöhnliche Chancen.

Das Tempelhofer Feld ist zur Heimat seltener Tier- und Pflanzenarten geworden

Das Tempelhofer Feld ist zur Heimat seltener Tier- und Pflanzenarten geworden

Foto: dpa Picture-Alliance / Bernd Von Jutrczenka / picture alliance / dpa

Wer am weltweiten Tag des Artenschutzes (3. März) nach der Situation in Berlin fragt, erhält von Naturschützern eine gespaltene Antwort. Einerseits steht beinahe die Hälfte der erfassten Pflanzen und Tiere auf Roten Listen, die eine Gefährdung ausweisen. Andererseits stehe Berlin im internationalen Vergleich "gut da", so Bernd Machatzi, Experte beim Landesbeauftragten für Naturschutz und Landschaftspflege.

4270 Pflanzen- und Tierarten sind auf den Berliner Roten Listen, erfasst im offiziellen Gesamtregister. Für sie gilt eine der Gefährdungskategorien. Da heißt es etwa zur Erleneule: "Vom Aussterben bedroht" und über Wildkaninchen, Feldhase und Zwergfledermaus: "Stark gefährdet". Insgesamt sind im Gesamtregister 9237 Arten ausgewiesen. Das heißt, beinahe die Hälfte (46 Prozent) ist auf eine Weise gefährdet oder bereits ausgestorben.

Städtische Aufgaben und Natur kollidieren

Eine Studie von Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Landesbeauftragtem für Naturschutz und Landschaftspflege nennt Ursachen der Bestandsveränderung Berliner Arten. Dafür sorge etwa, dass Wasser aus Mooren und Feuchtwiesen verschwindet, Holz in Wäldern nicht zerfallen kann, weil totes Holz vom Menschen fortgeschafft wird. Das raubt Tieren und Pflanzen Lebensraum sowie Brut- oder Laichmöglichkeiten. Zum Konflikt führen auch die in der wachsenden Stadt zunehmend überbauten und versiegelten Freiflächen. Städtische Entwicklung und Natur kollidieren zudem bei der Sanierung alter Gebäude, von Mauern und Denkmälern, wodurch Vögel Nist- oder Überwinterungsplätze verlieren.

Jutta Sandkühler, Berliner Landesgeschäftsführerin beim Naturschutzbund Deutschland (Nabu), sagt: "Die Tendenz ist, dass mit dem schwindenden natürlichen Lebensraum in Berlin die Arten zurückgehen." Das reiche bis zum Verlust von Bienenarten, wenn spezielle Brachflächen verloren gehen. "Angesichts zunehmenden Wohnungsbaus in der Stadt", sagt Herbert Lohner, Referent für Naturschutz beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (Bund), "entsteht großer Druck auf die ökologische Vielfalt Berlins." Dabei ist eine Großstadt wie Berlin einer ländlichen Region in der Zahl der Arten überlegen: "Denn auf engem Raum gibt es ganz unterschiedliche Landschaftstypen", sagt Derk Ehlert, Sprecher der Senatsumweltverwaltung.

Selbst im Alltag aber geraten Großstädter in Situationen, in denen sie sich wegen Eingriffen in die Natur an zuständige Ämter wenden müssten. Wer etwa ein Bauvorhaben plant oder seine Veranstaltung auf einer Fläche organisieren will, die Lebensraum einer geschützten Art ist, muss die Naturschutz- und Grünflächenämter der Bezirke verständigen. Wie eine Art plötzlich ausstirbt, erklärt Derk Ehlert am Beispiel einer Amphibienart: "Menschen setzten Schädlingsbekämpfungsmittel ein, entfernten Unterholz, betrieben intensive Landwirtschaft und bahnten Straßen, wodurch wichtige Wanderwege abgeschnitten wurden." Resultat: 1931 verschwanden in Berlin, genauer: am Tegler Fließ, die letzten Laubfrösche.

Das zum geflügelten Wort gewordene "grüne Berlin" müsse nach Ansicht von Nabu-Chefin Sandkühler differenziert gesehen werden. "Es zeigt sich doch eher in Randbereichen der Stadt und durchgrünten Wohngebieten." In der Innenstadt mangele es deutlich an Straßenbäumen und Parkflächen. Sandkühler vermisst etwa Blühstreifen in Grünanlagen: Das sind Wiesenbereiche, die monatelang nicht gemäht werden, um so der Entfaltung der Arten Raum zu bieten. Weitere Optionen seien Fassadenbegrünung und die Entsieglung von Straßenraum.

Bernd Machatzi vom Landesbeauftragten für Naturschutz und Landschaftspflege unterstreicht dennoch, dass Berlin trotz einer unbestrittenen Artenbedrohung im Städtevergleich große Vielfalt biete. "Berlin ist zu 18 Prozent Waldfläche, auf der bewusst auf Naturschutz gesetzt wird. Wir haben ein System der Naturschutzgebiete, allen voran die Gosener Wiesen und Seddinsee." Wissenschaftler haben auf dem 402-Hektar-Areal in Treptow-Köpenick rund 650 Arten Farn- und Blütenpflanzen identifiziert. Spaziergänger staunen über den dort kreisenden Seeadler.

Berliner Wildtiere arrangieren sich mit der Stadt

Auch das Gelände des Flughafens Tempelhof sorgt für Erfolgsgeschichten. "Das Flugfeld ist ein Ort, auf dem Insekten landen", sagt Machatzi. So sei etwa die Italienische Schönschrecke seit 2006 wieder nachgewiesen. Machatzi: "Die Fläche in Tempelhof ist eine Chance für biologische Vielfalt." Die im Mittelmeerraum und Süddeutschland verbreitete Grillenart der Weinhähnchen sei in den Bereich des Flughafens Johannisthal zurückgekehrt und dort inzwischen unüberhörbar. Stadtweit wurden seit 1986 wieder Biber beobachtet. Laut Derk Ehlert sind es inzwischen mehr als 100 Tiere. Vor große Probleme dagegen wird die Hauptstadt nach Ansicht von Experten mittelfristig durch die zunehmende Sichtung einer lange verschwundenen Art gestellt: des Wolfes.

Berlin hat manche Tiere auch zu Überlebenskünstlern gemacht. Der Haussperling oder Spatz etwa sei laut Nabu-Geschäftsführerin Sandkühler in Hamburg eher selten und aus London ganz verschwunden. "Nur in Berlin hält er sich. Denn die Stadt ist etwas unordentlicher: Da hinterlässt der Mensch hier mal Currywurstreste, dort mal ein übrig gebliebenes Brötchen."

Derk Ehlert berichtet über die findigen Wanderfalken vom Alexanderplatz: In der Natur eigentlich ein Felsbrüter in Gebirgen, hat sich der Vogel zwischen den Hochhaustürmen in Berlins Mitte zum Gebäudebrüter entwickelt. Und nutzt nun raffiniert die Technik der Menschen. Weil es durch Straßenlicht und Strahler dort auch nach Sonnenuntergang hell bleibt, kann der Wanderfalke in Frühjahr und Herbst nachts ziehende Vögel erlegen, die um die Zeit gewohnt sind, im Schutz der Dunkelheit zu fliegen. "Für die Wanderfalken ist das eine Art Marktlücke", findet Ehlert.

Zur Startseite
© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.