Berlin

Neuanfang im Keller

Das „Quasimodo“, Berlins berühmtester Liveclub, will sich verjüngen. Ob die Szene zurück in die City West kommt, ist aber offen

"Bloß nicht den Trompeter!" Mit einem Ruck haben sich beiden Mittfünfziger erschrocken zur Fotografin gewandt und ihr das eilig nachgerufen. Vor der Tür soll ein Bild gemacht werden. Aber dieses jahrzehntealte Logo dort, das alle Welt mit dem legendären Kellerclub neben dem Theater des Westens verbindet, diese Silhouette eines lässig gekrümmten Mannes, der ins Horn stößt: Das jetzt bitte nicht aufnehmen. Mit 150.000 Euro, schnittigem Mobiliar und einem Terminplan voll andersartiger Konzerte wollen Thomas Spindler und Klaus Spiesberger das Image des berühmtesten Liveclubs von Berlin auffrischen und ihn ab dem heutigen 1. März zum neuen Anziehungspunkt für ein weit jüngeres Publikum machen. Ein buckliger Jazzer scheint ihnen dafür nicht das geeignete Symbol.

Seit Ende der 60er-Jahre tauchte man in einen Gang zwischen Delphi Kino und einer stadtweit berühmten Minipizza-Theke, um einige der ganz Großen zu erleben: Dizzy Gillespie, Chet Baker, Chaka Khan, Prince. Auf der Bühne war eine Schädelverletzung unter der niedrigen Decke immer nur einen übermütigen Freudensprung entfernt.

Seit 2006 ist Klaus Spiesberger Herr im Haus. Man vergleicht sich zwar mit Londons "Jazz Café" und dem "New Morning" in Paris. Doch hat sein Club etwas von einer alten Tante. Man mag sie furchtbar gern, aber irgendwie will man sie kaum noch besuchen. Zu oft war auf den Plakaten das ungreifbare Durcheinander aus Blues, Soul, Funk, Latin angekündigt, daneben Künstler in Westernhemd oder mit Saxofon. Dann kamen noch Comedians ins Programm. Für das Profil des Ladens war das nicht gut.

Selbst Chef Spiesberger gibt zu: "Hier herrscht seit Jahren Stagnation." In der neuen Gewaltenteilung wird sich der 57-Jährige nun um das Restaurantcafé "Modo" im Erdgeschoss kümmern. Das Musikentertainment übernehmen Profis aus einer höheren Liga. Thomas Spindlers "Trinity Music" ist Marktführer in der Stadt. 30 Mitarbeiter sammeln Acts aus aller Welt. Keiner organisiert so viele Konzerte in Berlin wie sie.

Vor dem Treff im Quasimodo hat um 3.30 Uhr ein Bote im Schöneberger Trinity-Hauptquartier versehentlich Alarm ausgelöst. Die Handtücher von einer schweißtreibenden Vorstellung der Krimireihe "Die drei ???" sollten zurück ins Büro. 700 solcher Shows macht Ex-Hausbesetzer Spindler im Jahr, von Metal bis DJ Bobo. In dieser Nacht hat er mal wieder kaum geschlafen.

Veranstalter wie er wollen für jeden Künstler den geeigneten Rahmen zur Hand haben. Ein 350-Zuschauer-Laden hat Spindler da noch gefehlt. "Ins Quasimodo kommen unsere jungen aufstrebenden Bands", sagt der 55-Jährige.

"Wir müssen Bier verkaufen", sagt der neue Co-Chef

Seit der Tonträgermarkt eingebrochen ist, holen sich Bands ihre Einnahmen durch hohe Gagen. Spindler musste reagieren – und expandieren. Es gelte, nicht mehr nur Tickets zu verkaufen, sondern auch Hallen und Gastronomie zu betreiben. "Bier verkaufen", wie Spindler sagt. Bei eigenen Konzerten auf der Zitadelle sowie in Huxley's und Columbiatheater sei das gelungen.

150.000 Euro investieren Spiesberger und Spindler nun in Technik und Renovierung. Wenn Lisa Stansfield oder Nina Hagen früher auf die Toilette mussten, blieb ihnen nur der Marsch durch das Publikum zu den Kabinen am Eingang. "Jetzt gibt es backstage WC, Dusche und Stuck mit dimmbarem Licht", sagt Spiesberger.

Eine andere Installation wird ungleich schwerer: Wieder einen Club für junge Musik in der City West zu verankern. Von dort hatte sich die Szene nach der Wende gen Osten verabschiedet, worauf Spiesbergers Überlebenskampf begann. Spindler spricht aber von neuer Vorfreude alter Wegbegleiter, die noch im Umfeld des Quasimodos leben, davon, dass es in Charlottenburg-Wilmersdorf noch keinen internationalen Club gebe und dass die Verkehrsanbindung ideal sei. "Mir haben sie anfangs auch gesagt, kein Mensch werde nach Spandau fahren, um sich auf der Zitadelle Konzerte anzusehen." 2016 gehörten dort ausverkaufte Auftritte von Bands wie Volbeat mit 10.000 Zuschauern zum Trinity-Geschäft wie die Frotteetücher nach dem Auftritt.

"Aber Berlin sollte uns mit dem Quasimodo Zeit lassen", sagt Spindler. "Wir müssen erst eine Handschrift entwickeln." Und der Trompeter? "Wird in den nächsten Tagen abgeschraubt."

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