Direktmandat

Tim Renner will für die SPD in den Bundestag

Der frühere Kulturstaatssekretär Tim Renner will in den Bundestag. Am Sonntag entscheiden die Parteimitglieder über die Kandidatur.

Bis vor knapp drei Monate war Tim Renner Kulturstaatssekretär in Berlin. Jetzt möchte der 52-Jährige in den Bundestag

Bis vor knapp drei Monate war Tim Renner Kulturstaatssekretär in Berlin. Jetzt möchte der 52-Jährige in den Bundestag

Foto: Reto Klar

Als die SPD ernst machte mit der Beteiligung ihrer Mitglieder zu den großen Fragen der Zeit, da war es für Tim Renner so weit. Nach der Abstimmung über den schwarz-roten Koalitionsvertrag hatte der Musikmanager den ernsthaften Eindruck, dass sich etwas ändere in der Partei, mit der er schon länger sympathisierte. Wenig später holte er sich sein Parteibuch ab und zwar noch ehe ihn Klaus Wowereit Anfang 2014 fragte, ob er sein Kulturstaatssekretär werden wolle.

Jetzt setzt der 52 Jahre alte Produzent und Autor darauf, dass ihm die Mitglieder der SPD Charlottenburg-Wilmersdorf den nächsten Sprung auf der politischen Karriereleiter ermöglichen. Gegen vier ebenfalls nicht unbekannte Parteifreunde bewirbt sich Renner um die Kandidatur für das Bundestagsdirektmandat in der City West. Nach den zwei Jahren, in denen er für die Regierenden Bürgermeister Wowereit und später Michael Müller die Kulturverwaltung führte, lässt ihn Politik nicht mehr los. Im neuen rot-rot-grünen Senat in Berlin war kein Platz mehr, weil die Linke mit Klaus Lederer das Ressort für sich reklamierte und es wieder eigenständig aufstellte.

Renner muss sich gegen vier Mitbewerber durchsetzen

Der Familienvater, der nicht nur durch gelegentliches Plattenauflegen seinen Wurzeln in der Musikszene verbunden blieb, fühlt sich in der Pflicht. "Ich will mich einbringen, weil ich die politische Lage als ernst empfinde", sagt Renner, dessen Frau Petra Husemann die gemeinsam gegründete Produktionsfirma Motor leitet.

Parteimitglieder in Charlottenburg-Wilmersdorf entscheiden über die Kandidatur

Am Sonntag steht die Entscheidung an. 2176 Sozialdemokraten aus Charlottenburg-Wilmersdorf sind dann aufgefordert, ihre Stimme abzugeben für einen Kandidaten, der den CDU-Bewerber Klaus-Dieter Gröhler schlagen kann. Der Ex-Baustadtrat holte 2013 das lange bei der SPD liegende Direktmandat gegen die Abgeordnete Ülker Radziwill, die sich auch wieder bewirbt und als härteste Konkurrentin von Renner gilt. Mit im Rennen sind noch der Abgeordnete Daniel Buchholz, Ex-Baustadtrat Marc Schulte und der frühere Berliner Juso-Vorsitzende Fabian Schmitz-Grethlein. Wer gewinnt, sei schwer zu sagen, räumt Renner ein.

Die Mitglieder, vor allem die 80 Prozent nichtaktiven, seien eine "Black Box", sagt Renner. Um die Genossen zu überzeugen, fährt er zweigleisig. Einerseits hebt er seine "Heimkehr" hervor. Denn der Mann, der 2002 mit dem Wechsel von Universal Music ans Friedrichshainer Spreeufer eine Initialzündung für die Kreativwirtschaft Berlins lieferte, lebte lange in Hamburg. Aber geboren ist er im Martin-Luther-Krankenhaus, und die ersten Lebensjahre verbrachte er in Wilmersdorf. Die Filme auf seiner Facebook-Seite zeigen ihn kiezverbunden.

Gleichzeitig spielt Renner die Karte des weltgewandten Kulturmanagers, der Zugang hat zu den Mächtigen und von vielen für Berlin relevanten Themen etwas versteht. Die Botschaft ans Parteivolk ist klar: Mit Renner wird der örtliche Bundestagsabgeordnete kein Hinterbänkler sein, sondern ein Vordenker, dem zugehört wird. Wer nicht 20 Jahre in Parteigremien zugebracht hat, der spricht ganz anders, findet Renner, und sieht dabei eine gewisse Parallele zum Spitzenkandidaten Martin Schulz, der in seinen Brüsseler Jahren eben auch etwas weiter entfernt gewesen sei vom internen Parteigeschäft.

Vor allem die Digitalisierung der Arbeitswelt und deren Folgen treiben ihn um. Als Manager in der Musikindustrie hat er erlebt, wie traditionelle Geschäftsmodelle wie der Tonträgerverkauf wegbrechen, wenn die Songs aus dem Internet kommen. Faire Bezahlung von Künstlern und anderen Kreativen ist ihm ein Anliegen. Und auch die Absicherung all der vielen freiwillig oder unfreiwillig Freischaffenden, denen im Alter Armut droht.

Vorsprung bei Kultur, Lücken in der Kommunalpolitik

Charlottenburg-Wilmersdorf sei ein wichtiger Kulturstandort, dem mit guten Beziehungen zum Bund geholfen werden könne, so Renner. Die Kreativwirtschaft auch in der West-City sei der wichtigste Jobmotor, macht er seinen Parteifreunden auf den Diskussionsforen klar. Seine Lücken in der Kommunalpolitik, die in offenen Bürgerforen womöglich offengelegt würden, fallen in den SPD-Veranstaltungen nicht so stark ins Gewicht. Die aktiven Mitglieder, die zu den Diskussionen kommen, können die Ebenen gut auseinanderhalten. Nur einmal musste er passen, als eine Genossin nach der Lärmbelastung an der Lietzenburger Straße fragte. Aber Renner weiß, dass er auf diese Ebene nicht mit langjährigen Kommunalpolitikerin konkurrieren kann.

Die Unterstützung des Partei-Establishments in der West-City hat der Querreinsteiger. Auch sein alter Mentor Klaus Wowereit gibt hilfreiche Hinweise. Ob es am Ende reicht, um die Mehrheit der Sozialdemokraten zu überzeugen, weiß Renner am Sonntagabend.

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