Schönleinstraße Kreuzberg

Obdachlosen angezündet: Anklage wegen versuchten Mordes

Die sechs Beschuldigten haben es laut Staatsanwaltschaft in Kauf genommen, dass der Obdachlose "qualvoll hätte verbrennen können".

Eine Überwachungskamera zeigt die Beschuldigten

Eine Überwachungskamera zeigt die Beschuldigten

Foto: Polizei Berlin

Peter Oldenburger

Die Tat in der Nacht zum 1. Weihnachtsfeiertag 2016 im U-Bahnhof Schönleinstraße in Kreuzberg hatte bundesweit großes Entsetzen ausgelöst: Eine Gruppe junger Männer zündet neben einem schlafenden Obdachlosen Zeitungspapier an. Danach fahren sie mit einer U-Bahn davon, überlassen das Opfer seinem Schicksal. Zum Glück schreiten Zeugen ein, löschen den Brand. Der Obdachlose kommt mit dem Schrecken davon.

Jetzt hat die Berliner Staatsanwaltschaft Anklage gegen sechs junge Männer und Jugendliche wegen versuchten Mordes erhoben. Die Tatverdächtigen im Alter von 16 bis 21 Jahren werden sich vor einer Jugendkammer des Landgerichts verantworten müssen, ein 17-Jähriger wegen unterlassener Hilfeleistung. Dies teilte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Martin Steltner, am Donnerstag mit.

Einem siebten Beschuldigten wird unterlassene Hilfeleistung vorgeworfen

Die Beschuldigten hätten aufgrund eines gemeinsamen Tatentschlusses brennbare Gegenstände in der Nähe des Kopfes des schlafenden Obdachlosen angezündet, der auf einer Bank gelegen hatte. Somit hatten sie billigend in Kauf genommen, dass ihr 37 Jahre altes Opfer durch ungehindertes Ausbreiten des Feuers qualvoll hätte verbrennen können, begründet die Staatsanwaltschaft den Tatvorwurf .

Einem siebten 17 Jahre alten Beschuldigten wird zudem unterlassene Hilfeleistung vorgeworfen. Dieser Jugendliche habe den Tatort verlassen, ohne etwas gegen die Ausbreitung des Feuers zu unternehmen oder Hilfe zu holen, teilte die Anklagebehörde weiter mit.

Nach Polizeiangaben hatten unmittelbar nach der gegen 2 Uhr verübten Tat mehrere Zeugen auf dem Bahnsteig durch ihr beherztes sofortiges Eingreifen Schlimmeres verhindert. Sie löschten das brennende Zeitungspapier, mit dem sich der angetrunkene Obdachlose zugedeckt hatte. Außerdem hatte der Zugführer einer U-Bahn die Helfer mit einem Feuerlöscher unterstützt.

Schnelle Identifizierung dank Videoüberwachung

Noch am selben Tag hatte die Polizei eine öffentliche Fahndung mit Bildern gestartet, die Ermittlungen hatte die 4. Mordkommission übernommen. Die Fahndung hatte wie üblich ein Richter angeordnet. Die dazu genutzten Bilder stammten aus einer Überwachungskamera des Zuges, mit denen die Täter geflüchtet waren. Sie wurden umgehend ausgewertet. Auch die U-Bahn-station Schönleinstraße ist mit Überwachungskameras ausgestattet. Noch am Tag der Veröffentlichung stellten sich in den Abendstunden sechs der Gesuchten bei verschiedenen Polizeiwachen.

Der Siebte wurde in der Nacht zum 27. Dezember 2016 von Zivilfahndern festgenommen. Alle wurden anschließend von Beamten der Mordkommission vernommen. Nach Angaben der Polizei hätten Rechtsanwälte den Tatverdächtigen zur Seite gestanden. Die Staatsanwaltschaft erließ danach Haftbefehle gegen die jungen Männer, sie mussten ins Untersuchungsgefängnis. Bei den sechs wegen Mordversuchs Angeklagten handelt es sich um Syrer oder Personen mit ungeklärter Staatszugehörigkeit. Sie lebten zur Tatzeit in Flüchtlingsheimen.

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