Beichten in Berlin

Wo sich Berliner Katholiken von ihren Sünden befreien

Ort der Verzeihung, zum Bekennen der Sünden oder als Filmrequisite: ein Besuch in Berlins katholischen Beichtstühlen.

Der klassische Beichtstuhl in der Herz-Jesu-Kirche in Berlin Prenzlauer Berg diente schon oft für Filmdreharbeiten

Der klassische Beichtstuhl in der Herz-Jesu-Kirche in Berlin Prenzlauer Berg diente schon oft für Filmdreharbeiten

Foto: joerg Krauthoefer

Sie stellt ihre Tasche aus rotem Lackleder auf die Holzbank neben sich. Zuvor hat sie den Finger in das Weihwasserbecken gestippt, das Bekreuzigen gehört für sie dazu. Der Priester sitzt in einer Ecke des Kirchenraums. Er trägt eine lange Stola, sie hängt über beide Schultern und reicht fast bis auf den Boden. Mit einer kleinen Geste winkt er die Mittvierzigerin zu sich heran. Sie verschwinden in dem barocken Beichtstuhl, die Türen schließen sich.

Es ist Donnerstag, 18 Uhr. In diesem Berliner Gotteshaus Zeit, sich von seinen Sünden zu befreien. Doch nicht mehr allzu viele der rund 325.000 Berliner Katholiken nutzen die 170 Beichtstühle um Buße zu tun, wie Stefan Förner, Sprecher des Erzbischöflichen Ordinariats, weiß. Wer es doch tue, könne davon seelisch profitieren.

Die jährlich verlangte Beichte sei ein Minimum für das Überleben der Seele, heißt es seitens der Kirche. Den Drang, sein Gewissen zu erleichtern, gibt es schon seit Menschengedenken. Die vereinheitlichte Beichte, die Katholiken ablegen können, gibt es allerdings erst seit dem 9. Jahrhundert. In Europa verbreiteten Mönche die sogenannte Ohrenbeichte, ein Gespräch unter vier Augen mit einem Beichtvater.

Auch heute, im Jahr 2017, gibt es das Bedürfnis, sich psychisch zu erleichtern, über Fehler zu sprechen. Das kann schwer fallen, selbst vor der besten Freundin bewahrt man Geheimnisse. Die Hemmungen, sich einem eher Fremden zu offenbaren, scheinen da geringer. Das Sakrament der Buße schafft Abhilfe. Beziehungsweise der Pfarrer, der die Beichte abnimmt. Im Alltag begegnet man dieser Person eher seltener, und noch besser: Sie ist sogar dazu verpflichtet, Stillschweigen zu bewahren. Sogar bei Mordgeständnissen. Das Beichtgeheimnis gilt absolut, es ist unverletzlich. So regelt es das Kirchenrecht im Canon 983. Ansonsten droht Exkommunikation.

Einfach nur die Sünden aufzuzählen gibt es nicht mehr

Das Sakrament der Beichte und der Beichtstuhl selbst sind beliebte Motive für Geschichten jeglicher Art. Ob Hitchcocks "Ich beichte" oder TV-Krimis wie "Wilsberg und der Tote im Beichtstuhl": Die Faszination, die von Insignien der Kirche ausgehen, hat auch im Laufe der Jahre nicht nachgelassen. Erzbistum-Sprecher Förner erklärt: "Der Beichtstuhl dient oft als symbolbehaftetes Requisit. Man kommt sich nah, ohne seine Identität offenbaren zu müssen. Außerdem sind eventuelle Gewissenskonflikte des Priesters ein beliebtes Filmthema."

Der ursprünglichen Funktion – dem Bekennen von Sünden – dient der Beichtstuhl beispielsweise in der Herz-Jesu-Kirche in Prenzlauer Berg. Früher gab es hier vier Beichtstühle, jetzt sind es noch zwei. "Die alten Stühle haben nicht mehr der modernen Beichtpraxis entsprochen. Sie waren offen, man konnte sich nicht in die Augen blicken, es war ein Gitter zwischen dem Priester und dem Beichtenden. Das besteht zwar noch, man kann es aber auseinanderschieben, sodass man sich sehen, ein richtiges Gespräch führen kann", sagt Verwalter Matthias Kohl. Außerdem sind die Türen jetzt breiter, die Beichtstühle sind rollstuhlgerecht. Von außen betrachtet erkennt man aber noch die alten Schnitzelemente, die wieder verbaut wurden.

Dass jemand seine Sünden einfach nur so aufzählt und daraufhin die Lossprechung erfolgt, dass gibt es laut Kohl in dieser Form nicht mehr wirklich. "Ich bin sehr katholisch aufgewachsen, als Kind habe ich es gehasst, zur Beichte zu gehen", berichtet ein Gemeindemitglied. Heute sei das anders: "Ich habe bemerkt, dass Beichten mir bei der Bewältigung von privaten Problemen hilft."

Die Herz-Jesu-Kirche bietet dafür weitere Möglichkeiten. Kohl: "Wir veranstalten zwei mal im Jahr vor Ostern und Weihnachten einen Versöhnungsabend. Das ist ein Gottesdienst, in dem Elemente der Versöhnung praktiziert werden. Man kann konkret Leute ansprechen, um Verzeihung bitten." Das sei sowieso die Voraussetzung der Beichte. Man könne Gott um Verzeihung bitten, dass heiße aber nicht, dass man nicht selber aktiv werden und sich mit Leuten aussöhnen müsse.

In der Herz-Jesu-Kirche erfüllt der Beichtstuhl noch eine weitere Funktion: So diente er schon als Kulisse für Werbedreharbeiten; Teile der Kinofilme "Männerherzen" und "Feuchtgebiete" wurden hier gedreht "Unsere Kirche ist gefragter Schauplatz für Film- und Fernsehszenen. In der ersten Folge der fünften Staffel der US-Serie 'Homeland' ist unser Beichtstuhl zu sehen!" Auch Sängerin Sarah Connor nutzte die Kirche bereits als Bühne für einen Videodreh. "Wir schauen natürlich immer, dass der katholische Glauben am Inhalt des Gedrehten keinen Anstoß findet. Aber wir sind da sehr offen", so Kohl.

Die St.-Dominicus-Kirche in Gropiusstadt zählt zu den moderneren Kirchen Berlins. Der Bau von 1975 steht unter Denkmalschutz. Unscheinbar wirkt der Stahlbetonbau auf den ersten Blick, die Eingangstür ist nicht gleich zu finden. Die Besonderheiten finden sich im Inneren. Die Kirche beherbergt neben einem klassisch-anmutenden Beichtstuhl ein schalldichtes Gesprächszimmer. Pfarrer Bertram Tippelt hat sein Büro nur eine Tür weiter. Blumen und Kerzen stehen auf dem Tisch, es gibt ein Fenster und Kunstwerke, die mit roter abstrakter Malerei den brennenden Dornbusch und die Niederkunft des Heiligen Geistes abbilden. Draußen signalisiert ein Schild, ob der Raum in Benutzung ist. Es ist die moderne Version eines Beichtstuhls, ein Raum, der weniger Korsett sein soll, sondern ein Ort der Besinnung.

"Die Beichte ist keine Sündenfleck-Waschanlage"

Christina Brath, Gemeindereferentin der Gemeinde St. Dominicus erklärt: "Wir bieten in diesem Raum der Stille Gespräche mit dem Pfarrer an, das müssen nicht immer Beichtgespräche sein." Auch Tauf- oder Beerdigungsgespräche werden hier geführt. "Grundsätzlich geht es hier um Dinge, die die Seele berühren", so Brath weiter. Die meisten Leute kämen zur Beichte, weil sie es so aus ihrer Kindheit kennen, die Traditionen aufrechterhalten wollen. "Andere wollen ihr Leben sortieren oder müssen schwierige Situationen bewältigen." Ob Stuhl oder Zimmer, Kirchenmitglieder sind sich einig: Die Schuld kann nicht einfach an Gott abgeladen und vergessen werden. "Die Beichte ist keine Sündenfleck-Waschanlage. Wichtig ist die Einsicht", so Brath. Es gehe darum, eine innere Haltung zu finden, mit der Schuld weiterzuleben. So könne die Beichte ein Stück weit Lebenshilfe sein.

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