Wasser-Infrastruktur

Wassersportler bangen um ihre Zukunft

Eine neue Regelung sieht vor, dass Boote an den Stegen nicht mehr mit Strom versorgt werden dürfen. Das hat Konsequenzen für Vereine.

Spandauer Yachtclub (vl.) Juergen Lucht Detlef Buchwald

Spandauer Yachtclub (vl.) Juergen Lucht Detlef Buchwald

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Es ist ein kalter Morgen im Südwesten Berlins. Entlang des Havel-Ufers ruhen abgestellte Boote unter weißen Abdeckplanen. Sie befinden sich bereits im Winterschlaf – manche davon unfreiwillig. "Die neuen Auflagen des Bezirksamtes Spandau schreiben es so vor", sagt Detlef Buchwald. "Da nützt auch schönes Wetter nichts, rausfahren können wir seit Ende November bis zum kommenden März trotzdem nicht."

Der 73-Jährige ist der Vorstandsvorsitzende des Segler-Clubs Oberspree. Er steht am Ende eines Metallgittersteges und schaut in die Ferne. Auf der gegenüberliegenden Seite sieht man noch vereinzelt kleine Boote. Manche schippern über das ruhige Gewässer, andere liegen im Hafen. Es seien noch nicht alle Steganlagen von den Maßnahmen betroffen, erklärt Buchwald. Doch alle hier seien über das Vorhaben des örtlichen Natur- und Umweltschutzamtes informiert und das sorge für große Empörung.

Ein paar hundert Meter weiter liegt das Vereinshaus des Spandauer Yacht-Clubs, das ebenfalls von den neuen Auflagen betroffen ist. Detlef Buchwald ist für den Nachmittag mit dem Vorsitzenden des Yachtclubs, Jürgen Lucht, verabredet. Es soll besprochen werden, wie man weiter vorgehen und noch eine friedliche Einigung mit der Behörde erwirken kann. "Wenn wir die Regeln so umsetzten, wie es von uns verlangt wird, könnte es für uns, aber auch für viele weitere Wassersportvereine, das Aus bedeuten", sagt Lucht.

Schreiben des zuständigen Amtes besorgt Bootseigner

Doch was genau hat es mit der neuen Regelung auf sich? "Alle zehn Jahre beantragen die Betreiber eine Verlängerung der Genehmigung für die Steganlagen", erklärt der Yachtclub-Vorsitzende. Beide Vereine kamen dieser Verpflichtung nach. Das Antwortschreiben des zuständigen Amtes gab jedoch großen Grund zur Sorge. So sei eine Verlängerung an strengere Bedingungen geknüpft, erzählt Lucht. Unter anderem sei es nun verboten, Boote an den Stegen mit Strom zu versorgen, zitiert der 70-Jährige das Schreiben. Strom-, Wasser- und Abwasserleitungen sollten dementsprechend deinstalliert werden. Fatale Entscheidung – meinen beide. Schließlich würden die Vereine jährlich viele erwachsene, aber auch jugendliche Segler ausbilden. "Eine Vielzahl von Geräten an Bord speist ihre Energie aus Batterien", fügt Buchwald hinzu. Diese werden oft an den Anlagen aufgeladen, "damit man bei den Wettkämpfen oder auch bei längeren Reisen nicht ohne Strom dasitzt".

Des Weiteren sollen die Steganlagen, die nicht mehr beleuchtet werden dürfen, nun ausschließlich zum Ein- und Aussteigen genutzt werden. Ein Verbleib auf den Booten, geschweige denn dort zu übernachten, soll künftig untersagt werden. Diese Regel sei totaler Unfug, sagt Lucht. "Wir haben Gäste, die regelmäßig mit Booten anreisen." Wenn ein Verbleib darauf nun in Berlin untersagt wird, würden viele von ihnen wegbleiben, befürchten die Vorsitzenden.

Diese Annahme bestätigt Simone Blömer von der Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK), wobei sie betont, dass keine voreiligen Schlüsse gezogen werden sollten. "Wir beobachten die Entwicklung. Fakt ist aber, dass noch nichts Konkretes für Berlin beschlossen wurde", so die Koordinatorin der Tourismusbranche. Laut einer aktuellen Studie bescherte der Wassertourismus den Ländern Berlin und Brandenburg 2015 einen Bruttojahresumsatz von rund 200 Millionen Euro. Sollten die Maßnahmen auf ganz Berlin ausgeweitet werden, wären die Auswirkungen auf die Wassertourismusbranche gravierend, erklärt Blömer.

"Die Regelung entspricht nicht der Realität"

Zurück zum Vereinshaus an der Havel. "Das Ganze hat sich hochgeschaukelt", erzählt Buchwald. Denn eigentlich begann alles mit einem Nachbarschaftsstreit. Der Besitzer eines denkmalgeschützten Hauses in Kladow hatte geklagt, weil an der Steganlage vor seinem Grundstück ein Hausboot geparkt hatte. Das habe ihm die Sicht auf den See versperrt, so Buchwald. Nach einem Rechtsstreit entschied das Bezirksamt Spandau eine strengere Unterscheidung zwischen Haus- und Sportbooten vorzunehmen, schließlich seien die Steganlagen nur für die letzteren vorgesehen. "Also hat es sich jemand leicht gemacht und gesagt, dass Sportboote eben nur zum Raus- und wieder Reinfahren gedacht sind. Doch das entspricht bei Weitem nicht der Realität", sagt Buchwald.

Eine Nachfrage bei der zuständigen Behörde bestärkt die Annahme des Vorstandsvorsitzenden. Enrico Hübner vom Umwelt- und Naturschutzamt begründet das Vorgehen mit dem Urteilsspruch des Verwaltungsgerichtes nach dem Rechtsstreit um das Hausboot. So empfiehlt das Gericht stärker zwischen den beiden Bootstypen zu unterscheiden, um gezielter gegen das unkontrollierte Anlegen von Hausbooten vorgehen zu können.

Wo Berliner Wassersport in allen Facetten erleben können

Warum die Regelung nun aber so streng ausfällt, dazu will man hier nichts sagen. Stellungnahmen will man nur in Absprache mit dem Stadtrat abgeben. Doch der zuständige Ansprechpartner Andreas Otti (AfD) muss sich in die Thematik einarbeiten, da er erst seit wenigen Tagen im Amt ist. Hübner weist jedoch darauf hin, dass das Urteil noch nicht rechtskräftig sei. "Deshalb haben wir dem Yacht-Club Spandau eine Anhörung angeboten."

Dass das Thema nicht nur Steganlagenbetreiber im Bezirk, sondern auch darüber hinaus beschäftigt, zeigt der Aufruf des Berliner Segel-Verbandes. Auf seiner Homepage fordert der Verband die 108 zugehörigen Vereine dazu auf, sich schriftlich bis zum Anhörungstermin am heutigen Montag gegen die Bestimmungen zu wehren. Innerhalb einer Woche sollen laut Segler-Club Oberspree 60 Stellungnahmen beim zuständigen Amt eingegangen sein.

Ob die Bestimmungen nach dem Anhörungstermin abgeschwächt oder sogar gekippt werden, bleibt abzuwarten. Was das Hausboot angeht, das das Dilemma ausgelöst hat – es befinde sich inzwischen bei Potsdam, so Buchwald. "Dem Besitzer tut das Ganze so unendlich leid, dass er sein Hausboot nun verkaufen möchte."

Zur Startseite
© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.